167 Kirche als mein früher Denkraum

 Ich bin evangelisch-lutherisch aufgewachsen. So was entscheidet ja niemand selbst, sondern dein Spawnpunkt (050 Spawnpunkt ist alles). Auf der Seite meiner Mutter war das Protestantische tief verankert, nicht nur als Konfession, sondern als Haltung. Meine Großmutter mütterlicherseits stammte aus Ostpreußen und ging auf die Barrikaden, als im Pass nicht mehr „evangelisch", sondern „protestantisch" stehen sollte. Das war für sie kein sprachlicher Unterschied oder eine Glaubensdifferenz, sondern eine Lebenseinstellung. Protestantisch hieß für sie: Pflicht, Fleiß, Disziplin, Verantwortung... wobei das im Blick meiner Oma besonders die anderen zu erfüllen hatten. Arbeit war kein Mittel zum Zweck, sondern ein moralischer Maßstab. Wer fleißig war, war ein guter Mensch, wer Erfolg hatte ein besonders guter. Wer nicht funktionierte, hatte etwas falsch gemacht. Diese Haltung war kein ausgesprochenes Dogma, sondern Teil der Luft, die man atmete. Besonders da sich die protestantische Arbeitsethik im gesamten Kapitalismus durchgesetzt hat, nicht nur unter Menschen evangelischer Prägung.

Von der Seite meines Vaters kam etwas völlig anderes. Seine Eltern waren aus der Kirche ausgetreten. Mein Vater selbst wurde 1935 geboren, ungetauft und blieb überzeugter Atheist. Für meine Mutter ließ er sich später taufen, evangelisch-lutherisch, damit sie kirchlich heiraten konnten. Glauben war trotzdem nichts für ihn und Religion kein ernstzunehmendes Thema, sondern Stoff für Witze. Nichts, worüber man ernsthaft nachdenken müsste.

Meine Mutter hingegen war gläubig, aber auf eine stille, freundliche Art. Keine Dogmatikerin, sondern jemand der an die menschenfreundlichen Aspekte der Kirche glaubte und sich innerhalb dessen sozial engagierte. Sie hatte ihre eigenen Schwierigkeiten mit der Kirche, wenn ich Glück habe schreibt sie darüber (und vieles anderes) bald selbst. Sie hatte kein Problem damit, dass wir uns mit Religion beschäftigten, im Gegenteil, sie hatte aber auch viel Verständnis für Zweifel.

Ich wurde evangelisch getauft. Meine Patentante war A., die in meiner Kindheit eine große Rolle spielte, obwohl sie ein ziemliches Stück weg wohnte. Vieles lief über Erzählungen, sehr gefühlvolle Briefe und Bilder, aber auch über gegenseitige Besuche. Sie war Künstlerin, warmherzig, zugewandt. Ihr Glaube war kein klar umrissener kirchlicher Glaube. Sie interessierte sich für Sternzeichen, für Wiedergeburt, für spirituelle Zusammenhänge. Sie rechnete aus, welchen Aszendenten man hatte und erklärte Zyklen der Wiedergeburt. Für mich war sie eindeutig ein gläubiger Mensch, aber nicht im engen Sinn. Ihr Glaube war für mich tröstend, offen, nicht strafend.

Als Patentante war sie liebevoll, identitätsstiftend, jemand, bei dem ich mich gesehen fühlte. Als Mutter war sie schwieriger, das weiß ich heute. Ihre Kinder entwickelten später sehr strenge Glaubensformen. Ihr ältester Sohn wollte Pfarrer werden, ihre Tochter H. schloss sich einer Freikirche (man könnte es vielleicht auch Sekte nennen) an, mit sehr rigiden Vorstellungen. Nach dem Tod meiner Patentante, ich war damals zwölf, wurde H. meine Taufpatin. Sie brachte einen sehr klaren, sehr strengen christlichen Glauben in mein Leben, sprach mit mir über Gott, über richtig und falsch, über Glauben als Verpflichtung.

Ich entschied mich freiwillig für die Konfirmation. Nicht wegen der Geschenke, sondern weil mich das interessierte. Ich wollte verstehen. Ich wollte wissen, wie Menschen erklären, was ein gutes Leben ist. Wenn ich mich richtig erinnere, bedeutete das damals in der evangelischen Kirche ein Jahr Präparandenunterricht und ein Jahr Konfirmandenunterricht. Wir saßen im Kreis, diskutierten mit der Pfarrerin über die Zehn Gebote, über Jesus der im Tempel Stände umwarf, über die Ehe, über die Bergpredigt, über Schuld, Verantwortung, Vergebung. Es war erlaubt zu fragen, zu widersprechen, zu denken. Die Pfarrerin war gut, ihr Mann auch. Es war ein Raum, in dem Nachdenken ausdrücklich erwünscht war.

Ich lebte in einem stark katholisch geprägten Dorf in Unterfranken. Evangelisch zu sein war dort eine Minderheitenposition. Das führte selten zu offenem Konflikt. Es gab einzelne Personen, die uns feindlich begegneten, einfach weil wir evangelisch waren. Aber überwiegend war es ein neugieriges, pragmatisches Nebeneinander. Man ging mit zur Prozession, schaute sich den Gottesdienst an, nahm andere mit zur evangelischen Osternacht im Nachbarort. Es war ein meist freundlicher Austausch, keine Abschottung.

Schon als Kind hatte ich viele Fragen. Keine abstrakten theologischen Fragen, sondern sehr konkrete. Warum lebe ich in dieser Familie und nicht in einer, die weniger kaputt ist. Warum muss ich Dinge aushalten, die andere Kinder nicht aushalten müssen. Warum stehe ich frierend mit einer Taschenlampe neben meinem Vater, werde angeschrien, wenn ich mich bewege, während er etwas repariert? Warum schlafe ich in einem ungeheizten Zimmer? Warum ist Fleiß das einzige Gütesiegel? Warum wird schlechtes Verhalten entschuldigt mit „immerhin hat er fleißig gearbeitet"? Auch mein Vater arbeitete immer fleißig. Das machte ihn nicht weniger grausam zu uns.

Diese Arbeitsethik war überall. Bei Protestanten wie bei Katholiken. Wer nicht funktionierte, galt als minderwertig. Für mich, dem klar war, dass er nicht funktioniert, war das eine harte Umgebung. Ich suchte nach einem Erklärungsmodell für diese Welt, nicht nach Trost.

Ich merkte früh, dass mir der eigentliche Glaube fehlte. Ich verstand eher das ethische Gerüst. Ich sah, dass man mit diesen Denkvorgängen ein guter Mensch werden konnte. Aber ich konnte nicht glauben. Nach der Konfirmation suchte ich weiter. Esoterik, Meditation, Buddhismus, Islam, Philosophie. Die Philosophie passte von "Sophies Welt" an einfach am besten zu mir. Sie verlangte keinen Glauben an Unerklärliches sondern exaktes Denken. Das war schwer aber, machbar, an Unerklärliches glauben hingegen nicht.

Bestimmte Rituale blieben mir dennoch angenehm. Die evangelische Beichte, still, ohne Beichtstuhl, ohne Zwang. Das Abendmahl, offen für alle, als Geste der Vergebung. Die Idee eines vergebenden Gottes war mir sympathisch, auch wenn ich nicht an ihn glauben konnte.

Bis 2006 war ich kein Kirchenfeind. Ich sah Probleme, ich kritisierte Institutionen, aber ich hielt die Arbeit in den Gemeinden für sinnvoll. Dann starb mein Bruder R.. Er ertrank bei einem Badeunfall im Main. Er hatte Probleme in seinem Leben, war schwierig, aber auch einfach ein Teil unserer Familie. Kurz vor seinem Tod war er noch bei meinen Eltern auf dem 70ten meines Vaters.

Bei der Beerdigung hielt ein für uns neuer evangelischer Pfarrer die Trauerrede. Und er beschuldigte uns öffentlich, R. im Stich gelassen zu haben. Er sprach davon, dass alle, die ihn angeblich liebten, ihn allein gelassen hätten. Vor der gesamten Gemeinde. Vor Freunden. Vor dem Dorf. Und es war schlicht nicht wahr.

Nach der Beerdigung stand ich draußen, völlig aufgelöst. Eine Frau kam auf mich zu, die Mutter einer engen Kindheitsfreundin. Sie kannte mich gut, kannte unsere Familie, war kirchlich aktiv. Sie verstand nicht warum ich so völlig aufgelöst war. Ich sagte: "Der Pfarrer hat uns eben vor der ganzen Gemeinde beschuldigt unseren Bruder/Sohn im Stich gelassen zu haben. Das hat nicht einer von uns getan.". Sie suchte Ausreden für den Pfarrer. Wir gerade öffentlich als Unmenschen dargestellt worden auf der Beerdigung unseres Bruders/Onkels/Sohnes von einem angeblichen Seelsorger und sie erfand Ausreden für den Täter. Andere verstanden es sofort. Gemeinderäte kamen auf uns zu, auch Dorfbewohner und andere Freunde. Fragten, warum der Pfarrer so etwas getan habe. Nur sie verstand es nicht. Und dass ich ihr erklären musste, warum das gerade Gewalt war, war für mich schlimmer als die Predigt selbst.

Ab diesem Tag war die Institution Kirche für mich kein Schutzraum mehr.

Allerdings endete meine Sinnsuche erst viele Jahre später. Und aus ihr entwickelte sich mein eigener Glaube. Aber das ist eine andere Geschichte und sie wird ein anderes Mal erzählt werden.



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kapitel 5 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 7 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 1 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.