161 Mäandernde Pfade mit der Tendenz nach oben
Es begann in einer Kindheit und Jugend, die ich heute ohne Zögern als Hölle bezeichne. Die Schulzeit war ein Käfig und zwar der soziale Teil, nicht der Unterricht, das Zuhause war noch einer. Meine Geschwister sagten damals schon: „Wenn du hier raus bist, wird es besser." Andere laberten von "Ernst des Lebens" der lauerte. Was sollte an diesem berühmten Ernst denn schlimmer sein als das, was ich schon kannte?
Das größte Aufatmen meines Lebens begann mit meinem Auszug. Ich war 19 und in einem Zustand, den man eigentlich desolat nennen muss: schon alkoholkrank, fragil, voller Selbstzweifel, ohne Therapie, ohne Struktur. Der Alltag hat mich direkt erschlagen. Jede Rechnung, jeder Termin, Jede Waschladung, jeder Gang zur Bank war Hochstress. Trotzdem war es unfassbar erholsam gegen vorher. Ich entschied zum ersten Mal selbst, wann ich mich verknechte, um meine Miete zahlen zu können. Es war Chaos, aber es war mein Chaos. Vorher war ich nur etwas Unterdrücktes. Jetzt wurde ich ein Mensch.
Die nächsten Jahre waren kein gerader Weg. Sie waren ein ständiges Hinfallen, ein versautes Studium, eine schlimme depressive Phase, zermürbende Zweifel, und schließlich ein Suizidversuch, der meine Welt implodieren lies. Dann zwei Jahre fast ausschließlich in der Psychiatrie.
Dann musste ich für die DBT und für mich trocken werden, hatte aber Hilfe durch die Wohneinrichtung und die Tagesstätte einer Suchthilfe, ohne die hätte ich das nie geschafft. Und die Kreuzbund-Selbsthilfegruppe hat auch enorm geholfen.
Danach kam die DBT. Das ist keine Wundertherapie. Das ist Verhaltenstherapie die man jahrelang üben muss. Man muss ran an die Grundannahmen, und auch neue Denkgewohnheiten üben. Nebenbei kamen Menschen, die mir Gedanken brachten, die ich nicht kannte: ein Oberarzt, der mir Frankl empfahl, Mitpatienten, die mir andere Perspektiven zeigten, Psychoedukation, die mir Grundlagen über Menschen.
Ich hatte mit der Zeit begriffen, dass ich keinen übergeordneten Sinn brauche. Ich bin ein biologisches Wesen, das irgendwann stirbt, zerfällt und in den Kreislauf zurückgeht, aus dem es entstanden ist. Das ist sehr viel mehr als ausreichend. Ich habe Umweltschutz studiert. Ich weiß ansatzweise, wie groß und wie komplex dieser Kreislauf ist. Ich bin ein Staubkorn und ein Wimpernschlag im Universum, irrelevant im kosmischen Maßstab und deswegen frei, zu tun und zu sagen, was sich für mich richtig anfühlt. Das war eine Befreiung, vom Zwang einen Zweck im "großen Plan" zu erfüllen.
Später bekam ich dann Lithium. Und Lithium war kein Weg, sondern ein Abschalten eines inneren Dauerrauschens. Die latenten Suizidgedanken, die mich jahrzehntelang begleitet hatten, waren auf weg. Einfach weg. Ich weiß bis heute nicht, wie man die Bedeutung dieses Medikaments für mich beschreiben soll, ich weiß für manche ist Lithium die Hölle. Für mich war es als hätte mein Hirn mir die Erlaubnis zum Leben gegeben.
Es gab weiter Rückfälle, Kämpfe, Therapien, Entwicklungen Und der Wunsch noch einmal ein Studium zu versuchen, Soziale Arbeit diesmal.Ich wollte etwas zurück geben von der empfangenen Hilfe. Dort hatte ich Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie, Grundlagen des Kindeswohls und lernte fast zu viel über meine eigenen Traumata. Doch ich lernte auch den Humanismus besser kennen, die Lebenswelttheorie, das kritische Denken.
Und doch stand über allem noch der innere Richter, mein eigenes Konstrukt, geboren aus dem Versuch, ein guter Mensch zu werden. Dies war schon längst verformt zu einem gnadenlosen Henker über jede meiner Taten. Er ist keine Innenperson oder so. Er ist ein Prinzip. Und dieses Prinzip hat mich mehr verletzt als jeder Mensch. Es wertet den anderen stets als moralischer als mich selbst.
Bis zu dem Tag, an dem P. das fertigbrachte, was keine Therapie zuvor geschafft hatte. [das wird jetzt recht ausführlich, aber es war der krasseste Genesungsmoment meines Lebens]
Der Streit war heftig gewesen. Ein langer Tag voller Verletzungen, in dem P. über meine Gefühle und Traumata lachte, mich dauernd mit Mimimi kommentierte, jeden Satz von mir abwertete. Ich machte schließlich einen Witz, der tatsächlich unpassend war und ihn verletzt hat, was auch banal Absicht war. Dafür habe ich mich später entschuldigt, ohne Ausrede. Aber er beleidigte mich aufs Übelste. Er sagte mir, ich solle ihn ab sofort siezen. Er werde mich aus seiner Lebensgeschichte streichen, meinen Namen nie wieder erwähnen (eines meiner drei Hauptziele im Leben ist in den Geschichten von Menschen vorkommen, er wusste das). Worte, die so tief gingen, dass ich sie stundenlang anderen schildern musste, weil ich nicht glauben konnte, was passiert war.
Und dann – zwei Tage Stille. Er hatte „keinen Kontakt mehr" gewollt.
Zwei Tage später bekam ich eine WhatsApp. Keine Entschuldigung. Kein Ansatz von Reflexion. Nur eine sachliche Schilderung, dass mein Witz ihn verletzt habe und dass er erwarte, dass ich es jetzt endlich verstehen würde (er dachte wohl ich hätte ihn unabsichtlich verletzt). Kein Wort darüber, dass seine eigenen Beleidigungen jenseits aller Grenzen waren. Kein Wort darüber, dass er mich vorher dauernd verletzt hatte.
Und genau da, in diesem Moment, sagte der innere Richter zum ersten Mal in meinem Leben: „Anne, in diesem Fall hast DU recht."
Es war, als würde mein System abstürzen. Der innere Richter war sprachlos. P. hatte zwei Nächte darüber geschlafen und kam immer noch zu dem Schluss, er sei im Recht. Er hatte keinerlei Einsicht, trotz Zeit, trotz Distanz, trotz aller Hinweise auf sein eigenes Verhalten. Der Richter fand keinen einzigen moralischen Grund, um P. weiterhin über mich zu stellen. Irgendwas zerbrach in mir und setzte sich neu zusammen.
Die Beziehung ist an diesem Tag kaputtgegangen. Das war nicht mehr reparierbar, auch wenn ich noch eine Weile auf eine Einsicht bei ihm gewartet habe, aber meine Gefühle gingen weg.
Aber meine innere Struktur war seit diesem Moment verändert. Ich konnte nun mit dem Richter verhandeln.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Ich bin ein Mensch.
Also ist auch meine Würde unantastbar.
» Also darf der Richter mir nicht dauernd das Recht zu leben absprechen.
Mein Leben ist Progression. Ein Weg den ich mich mühsam vorwärts gearbeitet habe. Aber meine mäandernden Pfade führten immer zu einer Verbesserung meines psychischen Zustands. Mir geht es heute innerlich besser als vor fünf, zehn, zwanzig oder dreißig Jahren und das ist ein fantastisches Gefühl.
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