157 Flughafen, Drogen, Prostitution, High Finance
THIS IS FRANKFURT!
Die kleinste richtige Großstadt der Welt
Es wird Zeit, dass ich über diesen Ort schreibe. Nicht, weil ich Frankfurt besonders liebe - glaube kaum wer tut das wirklich - sondern weil man im Umkreis von hundert Kilometern gar keine andere Wahl hat. Frankfurt ist das Gravitationszentrum der Region. Alles bewegt sich irgendwie dorthin oder flieht gerade davon weg. Du kannst in Aschaffenburg, Hanau, Dieburg, Darmstadt, Offenbach, Rodgau oder irgendeinem Dorf im Spessart, Taunus, Odenwald oder der Wetterau wohnen, spätestens am Wochenende merkst du, dass Frankfurt existiert. Spätestens, wenn dir die Frankfurter sämtliche Parkplätze wegnehmen und die Plätze in der „besonders urigen Kneipe" besetzen und dabei ein bisschen so tun als wären sie der Nabel Deutschlands und der EU (und gemeinerweise ein ganz klein wenig Recht haben, sogar geografisch).
Frankfurt ist klein, besonders ohne den Flughafen gerechnet, der eine komplette eigene Stadt ist, und einen eigenen Text verdient hat. Das eigentliche FFM ist peinlich klein für das, was es darstellt. Tagsüber Millionen Menschen, nachts ein Gerippe. Und dennoch ist es ein Ort mit einer schrägen Gleichzeitigkeit von Internationalität, Geld, Subkultur, Hochkultur, Elend und kritischem Denken. Diese Mischung ist so seltsam, dass sie schon wieder Sinn ergibt. Du kannst an der Alten Oper stehen und dir vorkommen wie ein Statist in „Suits" und und knapp daneben verkauft jemand Crack und knapp daneben jemand seinen Körper. Wenn dir jemand in Frankfurt Frühstück anbietet, bedeutet es nicht unbedingt Essen. Doch zieht Frankfurt zieht nicht Denker an, sondern Denken. Die Stadt ist wie ein Seminarraum mit schlechter Akustik: laut, überfüllt, anstrengend, aber du wirst wacher, selbst ohne Substanzen.
Mein Verhältnis zu Frankfurt begann mit dem ersten echten Besuch in der Mainhattan, als ich in der fünften Klasse zum ersten Mal durch die Kaiserstraße lief. Wir kamen aus dem Bahnhof raus, und in den ersten zweihundert Metern war schon alles zu viel und dennoch brummend vor Leben: Junkies mit der Nadel im Arm, Sexworker an der Ecke, Sexshops und dann - BAM! - Glitzerwelt, Banker, Anzüge, Hochkonjunktur. Meine Familie hatte damals die goldene Regel: „Geh einfach davon aus, dass dich in Frankfurt jeder ausrauben will, egal, ob er einen Anzug trägt oder wie ein Penner aussieht." Später ergänzte ich das: „Wenn du in Frankfurt Auto fährst, geh davon aus, dass dich jeder töten will".
Und dann ist da der Großstadtgeruch, der dir „Millionenstadt" entgegen brüllt. Montagmorgen um sechs an der Consti riecht es so sehr nach Pisse und Kotze, dass du schwören könntest, du wärst in New York. Frankfurt riecht manchmal wie eine echte Großstadt. Frankfurt stinkt nach zu viele Menschen und zu wenige Toiletten.
Natürlich hat Frankfurt ein massives Drogenproblem. Der Bahnhof ist kein Bahnhof, sondern Symbol für Drogenelend. Der Druckraum im Osten ist ein teures Unsre-Stadt-soll-schöner-Projekt, quasi: mir doch egal wo Drogenabhängige und Dealer abhängen, nur nicht hier. Die Stadt hat Geld, doch statt Lösungen fährt sie seit Jahren Junkies mit Shuttles vom Bahnhof weg. Ich habe nie romantisch über Suchtkranke geredet, aber auch nie verächtlich: Das sind Menschen mit einer Krankheit. Doch dieses Umfeld ist gefährlich, wer sich auskennt ist nicht immer unmittelbar in Gefahr, aber keiner will jemandem mit massivem Entzug begegnen, dessen Dealer ihm grad nichts mehr gegeben hat, oder jemandem auf nem Horrortrip.
Und ja, natürlich spielt auch meine alte Hochschule da rein. Die Frankfurt University of Applied Sciences ist für Sozialarbeit ein halber Thinktank. Heino Stöver, der über akzeptierende Drogenarbeit lehrt. Vorlesungen, in denen du lernst, das System zu kritisieren und sogar zu boykottieren, für das du später arbeiten sollst. Frankfurt ist in dieser Hinsicht ehrlich: Es weiß, dass es jedes System Widerspruch braucht. FFM hält das aus. Und genau deshalb bleibt es für mich ein Ort, an dem man denken kann, auch wenn man eigentlich nur schnell zur Bahn wollte. Wo Goethe, Senckenberg und viele mehr von Kunst und Forschung erzählen. Und die Frankfurter Schule wartet mit kritischem Denken auf dich und bittet dich herein.
Ich sage es ganz klar: Frankfurt ist nicht die geilste Stadt der Welt. Aber Frankfurt ist DIE Stadt meiner Welt. Sie ist grell, laut, unfreundlich, kaum zu ertragen und trotzdem mag ich sie. Weil sie auf ihre verlogene Art total ehrlich und brutal menschlich ist.
Ich poste diesen Text später vielleicht nochmal mit mehr Bildern. Frankfurt verdient eine ordentliche Galerie und ihr verdient, die Stadt in all ihrer Hässlichkeit und Schönheit gleichzeitig zu sehen.
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