156 Wie Menschen auf erzähltes Leid und Probleme reagieren

 Welcher Typ seid ihr und welchem Typ begegnet ihr gern?

Wenn ich einem Menschen von Leid und/oder Problemen erzähle merke ich sehr schnell ob das überhaupt passen kann. Ich meine nicht Leid als poetische Metapher, sondern das echte Ding: was dir das atmen erschwert, was dich morgens schon müde macht, was dich durch jeden Tag begleitet. Es gibt grob drei bzw. vier Typen von Reaktionen für mich, und sie unterscheiden sich nicht durch Intelligenz oder Bildungsgrad, sondern durch Haltung des Hörenden mir gegenüber.

Typ 1: Die Problemlöser.
Das sind die Menschen, die sofort der Meinung sind, sie hätten das Problem schon verstanden, obwohl du gerade einmal zwei Sätze gesagt hast. Sie glauben, sie müssen handeln, weil się so viel klüger sind als du, deine Freunde, deine Familie, dein evtueller Sozialarbeiter, Psychiater, Arzt whatever. Sie haben zwei Sätze über dich gehört und geben die Perlen ihrer unendlichen Weisheit weiter. Und das sind manchmal grenzdebil einfache Vorschläge wie: „Hast du mal versucht Sport zu machen?", „Du solltest mehr rausgehen." oder andere unfassbare Weisheiten, die mich stets niederknien ließen mit den Worten: „Oh nein, weiser Ratschlaggeber, ich der ich seit Jahren an diesem Problem leide und alle aus meinem Umfeld sind noch nie auf diese geniale Lösung all meines Leids gekommen.". Das sollte ich mal real machen, vielleicht würde das bei manchen mal die Überheblichkeit, Herablassung und Sinnlosigkeit ihrer Aussagen klar machen.

Aber diese Leute sind nach einer Äußerung schnell aussortiert, da ich noch nie Einsicht nach so einem falsch selbstüberzeugtem Gelaber erlebt habe.

Typ 2: Die Relativierer. Diese Gruppe spaltet sich.

Typ 2 a): Die Golden-Angel-Insight-Fraktion.
Das ist die Sorte Mensch, die sich selbst für besonders empathisch hält. Sie haben ein geradezu religiöses Bedürfnis, überall Licht zu streuen, selbst da, wo man gerade nüchternes Beim-Thema-Bleiben braucht. Sie sprechen in Watte, in Pastell, in Sonnenschein. „Glaub an dich", „Die gute Fügung ist immer bei dir", „Morgen scheint die Sonne", „Freu dich doch deiner Talente". Sie meinen, sie wären Heilung. Tatsächlich sind sie ein akustischer Weichzeichner von etwas was ihnen gerade als Problem erzählt wurde. Sie meinen ihr Farbe drüber kleistern wäre freundlich, dabei ist es pure Missachtung.

Wenn man sie auf ihren Kalenderspruch anspricht, reagieren sie nicht etwa mit Einsicht, sondern mit Abwehr. Manche werfen sogar ihre Biografie in den Raum: „Ich bin selbstständig! Ich habe ein Haus gebaut!", als wäre das ein Argument dafür, dass ihre Reaktion richtig war. In Wahrheit steckt hinter diesem Ton oft ein verkappter Klassismus: „Würdest du so denken wie ich, wärst du auch erfolgreich.". Diese Menschen sind überzeugt, dass ihr Erfolg ein Produkt ihres Denkens sei, nicht ihrer Startbedingungen und auch ihrer Talente anscheinend. Es ist der romantisierte, esoterische Kapitalismus in seiner privatesten Form.

Dabei sind die wirklichen Faktoren des Erfolgs im Leben eher schlicht (vereinfacht dargestellt):

1. Die Stellung der Eltern. Wer reich, stabil oder gut vernetzt geboren wird, startet höher.

2. Die Kindheit. Gewalt, Sucht, Depressionen, Chaos, das kostet dich Jahre.

3. Körperliche und psychische Gesundheit. Eine schwere Erkrankung macht Erfolg nicht unmöglich, aber ungleich schwerer.

4. Umfeld. Gibt es im erwachsenen Umfeld Gewalt, Sucht, Kriminalität oder extrem toxisches Verhalten?

5. Glück. Das große, stille Kapital.

6. Durchhaltevermögen, Fleiß, Opferbereitschaft. Talente die auch nicht jeder hat

7. Risikobereitschaft. Und hier kommt positives Denken mal kurz ins Spiel — wer sehr positiv denkt, geht Risiken eher ein. Aber Risikobereitschaft entsteht seltener in zerstörten Kindheiten. Sie entsteht oft in sicheren, denn dort kann ein gewisses Urvertrauen leichter wachsen.

Fixierung auf positives Denken ist keine Erfolgsformel. Es ist ein Glaube. Und Glaube ist wie ein Penis: Man darf natürlich einen haben, man darf ihn benutzen, man darf ihn sogar schätzen. Aber man sollte ihn nicht ungefragt herausholen und anderen Leuten vor die Nase halten.

Typ 2 a) tut genau das emotional. Ihr „Licht" ist nicht Wärme. Es ist Blendung. Sie überdecken Leid, anstatt es zu sehen. Sie übertönen Schmerz, anstatt zu würdigen wer ihn tragen muss. Und sie halten sich dabei noch für besonders sensibel. Für mich ist das der nervigste Typ überhaupt, weil er Feedback nicht versteht. Man sagt klar: „Ich brauche keinen Kalenderspruch." Und sie antworten: „Ich wollte doch nur helfen." Man korrigiert ihren Ton. Sie verteidigen ihren Charakter. Der Dialog findet nie statt. Sie fühlen sich toll nach dem Gespräch, man selbst beschmutzt.

Typ 2b) : Die Unwissenden.
Das sind Menschen, die einfach nicht viel wissen über psychische Erkrankungen, Armut, chronische Belastungen oder schwierige Lebenslagen. Sie sagen „ach komm, wird schon", weil sie nicht verstehen, was im Raum steht. Und das ist manchmal nervig, aber nicht bösartig. Man erklärt es kurz, und entweder lernen sie oder nicht. Manchmal reicht ein Satz.

Typ 3: Die Anerkennenden.
Der seltenste Typ. Sie hören zu. Sie sagen nicht „lös es so", nicht „denk positiv", nicht „es wird schon". Sie sagen: „Wow. Das klingt echt schwierig. Wie kommst du da jeden Tag durch?" Das ist echte Empathie. Anerkennung der Realität. Kein Versuch, Leid kleiner oder milder zu machen. Und es stimmt: Die meisten von Typ 3 tragen eigenes Leid, oder haben es sehr nah erlebt. Sie wissen, dass man niemanden heilen kann, indem man die eigenen Ideen überstülpt.

Was denkt ihr?

Welcher Typ seid ihr?

Welchen Typ schätzt ihr?

Welche Typen kennt ihr noch?



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