154 Kommunikation ist Hochleistungssport für Mutige
Meine ganz persönliche Sicht zum schwierigsten Sport der Welt
Ich sage ja immer, Kommunikation ist Hochleistungssport für Mutige. Und tatsächlich empfinde ich es so, weil ich in diesem Sport als absolute Nullpe gestartet bin, nicht bei null, sondern bei minus. Der einzige Vorteil daran ist, dass man überhaupt merkt, dass man Defizite hat. Das fiel mir schon als Kind auf: Ich kam nicht so mit anderen klar wie die meisten miteinander. Also fing ich früh an zu lernen, steckte mein Leben lang Training in diesen Sport, Theorie und Praxis. Heute bin ich gar nicht schlecht darin, stürze mich in Situationen, die andere eher meiden, und blamiere mich dabei auch. Ich leide vorher unter Angst und danach unter Scham, aber Hochleistungssport braucht Übung. Gewählt hätte ich das nie. Kommunikation war nicht meine Liebe, sondern eine Notwendigkeit, weil ich zwischenmenschliche Kontakte wollte.
Ich glaube, dass viele Neurodivergente einen ähnlichen Weg gehen mussten. Nicht, weil diese Fähigkeiten mit der Krankheit spawnen, sondern weil sie überlebensnotwendig sind. Suizidversuche sieht man von außen. Nicht sichtbar sind die hunderten Tage davor, in denen Menschen Wege finden mussten, es nicht zu tun. Vor der ersten Therapie bleibt nur, eigene Strategien zu entwickeln. Und so schaut man auch da schon in sich hinein und findet alles war man meist nur anderen Menschen zu schreiben mag: Gier, Geltungsdrang, Neid usw. . Doch daraus entstehen dann diese Kompetenzen, die bei Neurodivergenten oft stärker ausgeprägt wirken: Reflexion, Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, Nachdenken über Kommunikation. Das wirkt nicht wie eine Gabe, sondern wie ein Zwang, eine Überlebensstrategie.
Mein erster Hebel gegen Scham war, mein Leben wie ein Theaterstück zu betrachten. Der innere Richter, der alles in mir niedermachte, wurde zur Stimme aus dem Off. Das Theatralische daran machte seine Härte erträglicher, brachte manchmal sogar ein Schmunzeln. Es war vielleicht der cleverste Trick, den ich mir selbst beigebracht habe. Und er half mir, mit Fehlern zu leben.
Doch je weiter ich ins Therapiekarussell geriet, desto weniger Lust hatte ich auf Menschen, die nie reflektiert haben. Die sich mit aller Kraft dagegen wehren, einmal über sich selbst nachzudenken. So wuchs bei mir die Bevorzugung von neurodivergenten Freunden und Partnern. Nicht, weil sie besser wären, sondern weil sie gezwungen wurden, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Und was die moderne Welt von neurotypischen Menschen nicht fordert, bleibt oft unterentwickelt. Da entsteht dann das, was ich den Typus „Golden Angel Inside" nenne, in Anspielung auf „Pentium Inside". Menschen, die sich für grundlegend gut halten. Keine Monster, keine wirklich bösartigen Menschen, aber solche, die sich selbst unerschütterlich als Maßstab nehmen.
Das Problem dabei ist, dass dieses Weltbild nicht angekratzt werden darf. Wer sich als Engel sieht, macht sein eigenes Leben zum Maßstab des Guten. Egal, wo er politisch steht. Oft ist das Bild nach innen längst rissig, dann wird es nach außen umso mehr verteidigt. Es entstehen die Was-sagen-die-Leute-Leute, mit wackligem Selbstbild, unfähig, andere Identitäten auszuhalten. Wenn sie konservativ sind, äußert sich das in Abwehr gegen Minderheiten. Wenn sie links sind, äußert sich das paternalistisch: für Minderheiten entscheiden, ohne überhaupt mit ihnen geredet zu haben, denn sie wissen ja was für ALLE gut ist.
Ich habe in linken Bubbles hart Kritik erlebt, auch verletzend. Wegen meiner Rechtschreibung, Grammatik oder Begriffsdiskussionen, während Inhalte ignoriert wurden. Ausgrenzung habe ich dort genauso erlebt wie an anderen Orten. Trotzdem fühle ich mich links wohler, weil ich den Eindruck habe, dass mir dort wenigstens niemand ans Leben will. Das ist egoistisch gedacht, aber wahr: Ich hänge am Leben. Mein Linkssein ist nicht nur egoistisch, aber auch.
Das heißt nicht, dass es in linken Kreisen bequem wäre. Dort wird man genauso aussortiert. Und ich habe basisdemokratische und aktivistische Arbeit für mich komplett gestrichen. Ich mache das alles nur noch im Internet. Auf der anderen Seite gruselt es mich zutiefst, wenn ich über den Rand der CSU hinausblicke. Da ist für mich ein schwarzes Loch. Demokratie ohne Menschenrechte ist keine Demokratie. Artikel 1 unseres Grundgesetzes sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ohne Adjektive. Nicht „deutscher" Mensch, nicht „weißer" Mensch, nicht „gesunder" Mensch... Mensch.
Interessanterweise werde ich aber auch für diesen Satz, für die simple Berufung auf Recht und Gesetz, schon als Antifa, als Linksextrem, als jemand mit „Demogeld" eingeordnet. Früher war das noch die Mitte, beziehungsweise von WIRKLICH links als Systemknecht eher nach rechts gesteckt, heute gilt man allein mit dem Hinweis auf Rechtsstaatlichkeit als Linksextremist. Das sagt viel über den Zustand der politischen Debatte.
Und es ist auch ein Grund, warum ich mich generell nicht gerne unter politischen Extremen aufhalte. Aber lieber streite ich mich mit hoch-studierten Punks, als mir anhören zu müssen, dass Rechtsstaatlichkeit linksextrem sei. Denn das ist für mich eine der klaren Grenzen. Wer Rechtsstaat oder Menschenrechte ablehnt, oder gar Massenmord befürwortet, disqualifiziert sich vollständig. Das ist, nett gesagt, zutiefst unsympathisch.
Und doch, als progressiver Mensch habe ich immer wieder dieses innere, paternalistische Bedürfnis, solchen Menschen zu erklären, was sie da gerade befürworten.
Das ist...
A: unnötig.
B: überheblich.
C: schwer zu unterdrücken.
Aber es gibt Grenzen, an denen auch dieser Drang versiegt. Wenn jemand sehr deutlich Massenmord befürwortet oder anderen Menschen schlicht den Tod wünscht, dann ist da nichts mehr zu erklären. Da bleibt für mich nur ein Schlussstrich: Gespräch beendet, Sympathie ausgeschlossen.
Ich hab mehr Verständnis für Menschen entwickelt, sogar für das Bedürfnis den eigenen Status und den der eigenen Gruppe zu schützen, aber wer so weit geht ist eine Gefahr und gehört nicht zum Kreis derer mit denen man demokratische Werte verhandeln sollte, zu denen ich natürlich auch konservative und religiöse Menschen rechne, nur eben in diesen Grenzen.
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