152 Ich stehe im Weg - meine Sozialphobie

 Das hier ist keine Beschreibung von Sozialphobie im Allgemeinen. Das ist nur die Innenansicht meiner Ängste, so persönlich, wie ich es nur formulieren kann. Meine soziale Angst hat nichts mit Angst vor Gewalt oder Übergriffen zu tun. Ich fürchte Überfälle und ähnliches wie jeder durchschnittliche Mensch, vielleicht sogar viel weniger, weil meine anderen Ängste mich die ganze Zeit beschäftigen.

Ich habe Angst, eine Störung zu sein. Nicht eine Bedrohung, eine Störung. Das Gefühl, im Weg zu stehen, ist für mein System eine Bedrohung meiner Existenzberechtigung. Das klingt übertrieben, aber genau so fühlt es sich an. Ich spüre in solchen Momenten einen uralten, tief verdrahteten Mechanismus: Wenn ich störe, dann wäre die Welt stabiler ohne mich.

Ein fremder Mensch muss nichts sagen, nichts tun, nicht einmal böse gucken. Es reicht die Möglichkeit, dass ich etwas davon denke: „Stehe ich im Weg? Störe ich grad? Bin ich hier unerwünscht? Rieche ich unangenehm? Rede ich zu laut? Wäre es hier besser wenn ich nicht da wäre?". Die Supermarktkasse ist der Ort, an dem dieser Mechanismus am brutalsten zuschlägt. Sobald jemand hinter mir steht, baut sich ein Druck auf, der sich innerhalb weniger Sekunden hoch schrauben kann bis zu Todesangst. Wenn etwas runter fällt, wenn ich einen Geldschein nicht aus dem Portemonnaie bekomme, wenn ich die EC-PIN falsch eingebe, wenn ich auf dem Display nach der richtigen Taste suche.Jede verstrichene Sekunde in der ich im Weg der anderen stehe beschleunigt die Panik. Je länger die Schlange, desto schlimmer, je genervter die Kassiererin desto schlimmer, je mehr Unmutsäußerungen der Kunden, desto schlimmer.

Und dann kippt mein Körper manchmal in Wut, nicht weil jemand mich drängt, sondern weil Wut die einzige Restreaktion ist, mit der mein System noch verhindern kann, vollständig zu kollabieren. Ich sage dann Dinge wie „Lasst mich alle in Ruhe", obwohl niemand mich berührt hat, niemand mich beschimpft, niemand mich gehetzt hat. Ab da bin ich dann endgültig der Weirdo. Ich habe viele Techniken gelernt diesen Meltdown zu verhindern, wenn keine Technik greift, dann trete ich meist einfach die Flucht an, das ist mir lieber als dieser Verlust von Selbstachtung.

Im öffentlichen Raum bin ich die ganze Zeit damit beschäftigt, mich selbst zu kontrollieren, d.h. nicht seltsam wirken, nicht auffallen, nicht schwitzen, nicht stolpern, nicht laut atmen, nicht zu viel Raum wegnehmen, nicht mit jemandem zusammenstoßen, nicht erschrecken, nicht zu stark ausweichen, freundlich sein, nicht zu freundlich... . Während andere anscheinend genervt davon sind,dass fremde Menschen stinken könnten, habe ich nur Angst davor, selbst zu stinken.

Menschen draußen sind für mich keine Individuen. Ich sehe nicht, ob sie attraktiv sind, ich sehe keine Gesichter, sehe keine Stimmung. Ich sehe bewegte Körper, an denen ich sozial verträglich vorbei manövrieren muss. Und ich darf sie auf keinen Fall bremsen, auf keinen Fall ihren Weg blockieren.

Bühne ist das Gegenteil davon. Auf der Bühne existiere ich, weil Menschen mich da wollen. Hier bin ich erwünscht. Im Alltag existiere ich unter Vorbehalt. Unsere Gesellschaft sendet dauernd das Signal: Sei nützlich. Funktioniere! Niemand muss das individuell so wollen, niemand muss es bewusst denken. Ich spüre diesen Rahmen trotzdem mit jeder Faser meines Körpers. Und das Gegenteil von Nützlichkeit im Menschlichen ist Störung. Genau dort sitzt meine Angst. Und der Satz, der in mir die Panik auslöst, ist immer derselbe: Sie wünschen sich, ich wäre nicht da. Es ist Angst vor Aussonderung. Angst, eine Belastung zu sein. Angst, die soziale Ordnung zu stören, allein durch die pure Existenz. Und trotzdem gehe ich raus. Trotzdem gehe ich einkaufen. Trotzdem stehe ich an Kassen und in Zügen und an Haltestellen. Nicht, weil die Angst verschwunden wäre, sondern weil ich mich längst daran gewöhnt habe Angst zu haben.



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