150 Die Erfindung des haarlosen Körpers
Es ist eine der erfolgreichsten Kulturleistungen des Kapitalismus: aus dem natürlichen Körper ein Dauerprojekt zu machen. Und das trifft viele Bereiche, in diesem Text geht es speziell über die Verbreitung der Vorstellung haarloser Körper = schöner Körper.
Rasur, Waxing, Laser, Peeling – die Liste ist endlos. Und das, was von Natur aus völlig banal am erwachsenen Körper dran ist, wurde zum Feind erklärt: Haare.
Niemand kann ernsthaft glauben, dass Milliarden Menschen gleichzeitig auf die Idee kamen, glatte Haut erotischer zu finden als solche mit Haaren. Irgendjemand hat uns das beigebracht, jemand mit Profiabsichten. Es waren keine Philosophen, keine Liebenden, keine Künstler. Es war Werbung. In den 1930er Jahren begann Gillette, Damenrasierer zu verkaufen – nachdem der männliche Markt gesättigt war. Seitdem wurde das Gefühl von „glatt = schön" so oft und von so vielen wiederholt, dass es heute wie eine biologische Wahrheit klingt. Doch es ist ein Marketing-Slogan, der viele von uns Ekel gegenüber dem natürlichen Körper empfinden lässt.
Denn Körperbehaarung ist ganz klar natürlich. Sie signalisiert uns Reife, sie hat sogar schützende Funktionen. Man kann sie hässlich finden, man kann sie unpraktisch finden, man kann sie entfernen, aber man kann nicht so tun, als wäre sie von Grund auf falsch. Die Rasur ist kein Hygieneakt, sie ist ein kulturelles Ritual, geboren aus Scham und Verkaufslogik die dir seit Jahrzehnten ein spezielles Bild des Körpers vermitteln will um ihre Produkte zu verkaufen. Die Industrie verkauft dir in vielen Belangen angeblich oder tatsächlich Kontrolle über den Körper, über das Altern, das Körpergewicht, mal über Haarwuchs, mal über Haarausfall, was sich halt an die Leute bringen lässt.
Sich die Haare am Körper zu entfernen kann völlig harmlos sein, wenn man es richtig macht und die eigene Haut da mitspielt, aber fast jede*r hat Stellen, an denen es sich schwierig gestaltet oder auch zu Irritationen führt (auch wenn die stellen natürlich individuell sehr variieren) und wenn das Ziel jeden Tag 100% glatte Haut am ganzen Körper ist, wird es schwierig dies völlig ohne Beeinträchtigungen der Haut hinzubekommen.
Wir wurden trainiert, erwachsene Körper als makellos zu empfinden, wenn sie aussehen wie Kinderkörper und ich glaube vielen ist das nicht mal wirklich bewusst. Bei mir hat es damals (etwa 2009) auch einen großen Schubs gebraucht. Als ich selbst noch dem Rasur-Diktat folgte, denn ich war damals in der Swingerszene unterwegs und glatt war Pflicht, sagte eine Gespielin außerhalb dieses Zirkels zu mir, als ich nackt war: „Sieht aus wie zwölf."
Es war keine Beleidigung, nur ein spontaner Reflex. Aber dieser Satz hat mir gezeigt, wie nah das ästhetische Ideal an etwas Unheimlichem liegt: an der Entsexualisierung des Erwachsenen und der Sexualisierung des Kindlichen. Körperhaare stehen im besonderen Maße für Reife, fehlende natürlicherweise für Präpubertät. Das ist keine Anklage, das ist eine Feststellung. Haare besonders intim, können echt unpraktisch sein und nicht jede*r mag dann da mit dem Mund hin, es geht nur darum WORAUF wir uns da haben prägen lassen zu erkennen.
Die Erfindung des haarlosen Körpers ist kein Fortschritt. Sie ist ein ökonomisches Meisterwerk und ein menschliches Missverständnis.
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