149 Macht Testosteron fair?
Oder:
Was Wissenschaft nie gefragt hat!
Klingt
banal – ist es aber nicht. Ich habe mir dank dem lieben u/klimaheizung
(schade das du denweiterführenden Thread nicht selbst aufgemacht hast)
die Mühe gemacht, zwei Studien zu lesen, mit denen angeblich bewiesen
sein sollte, dass Testosteron fairer mache und Frauen deshalb als
Richterinnen weniger geeignet seien. Probleme: Das weder Fragestellung
noch Ergebnis der Studie.
Die erste stammt von der Universität
Hamburg, von Reimers und Diekhof. Sie wollten wissen, wie Testosteron
das Verhalten von Männern gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe und
gegenüber Mitgliedern einer fremden Gruppe beeinflusst. Fußballfans
spielten ein ökonomisches Entscheidungsspiel. Das Ergebnis war
eindeutig: Mit höherem Testosteron verhielten sich die Männer fairer
gegenüber der eigenen Gruppe – und unfairer gegenüber der gegnerischen.
Das nennt man parochial altruism: Loyalität nach innen, Härte nach
außen. Kein moralisches Urteil, kein Beweis für mehr oder weniger
Fairness, sondern schlicht: Kontextabhängigkeit.
Die zweite Studie, veröffentlicht in Nature von Eisenegger, Naef, Snozzi, Heinrichs und Fehr,
untersuchte Frauen. Auch hier ging es um ein ökonomisches Spiel, das sogenannte Ultimatum
Game. Verabreicht wurde Testosteron – und das Ergebnis war das Gegenteil dessen, was man
erwarten
würde, wenn man nur Schlagzeilen liest: Frauen mit Testosteron
verhielten sich nicht aggressiver oder unfairer, sondern im Schnitt
kooperativer. Nur wurde bei dieser Studie der In-Group-Out-Group-Effekt
nicht getestet, das heißt sie könnten sich alle als einer Gruppe
zugehörig gerechnet haben. Das eigentlich Faszinierende aber war der
Placebo-Effekt: Frauen, die nur glaubten, Testosteron bekommen zu haben,
wurden tatsächlich unfairer. Nicht das Hormon machte
den Unterschied, sondern die Erwartung, was es tun würde, tat es.
Beide Studien sagen also nichts über Richterämter, Geschlechter oder Moral aus. Sie untersuchen, wie Menschen sich in kontrollierten Situationen verhalten, wenn biologische und soziale Faktoren aufeinanderprallen. Wer daraus eine pauschale Aussage über Tauglichkeit einer Menschengruppe ableitet, hat die Frage nicht verstanden, die die Forscher wirklich gestellt haben.
Und das ist das eigentliche Problem. „Macht Testosteron fair?" ist keine wissenschaftliche Frage. Sie klingt so, aber sie ist eine Schlagzeile. Wissenschaft fragt präzise: Wie wirkt Testosteron in bestimmten Situationen, bei welchen Personen, unter welchen Bedingungen? Der Unterschied zwischen diesen beiden Fragen ist der Unterschied zwischen Forschung und Meinung. Und das macht mich wütender, als die „verschwendete Zeit" (Wissen ist nie verschwendet, war ja ne gewagte These von ihm und spannende Forschungsergebnisse von anderen)
Man kann Wissenschaft kritisieren, aber man sollte sie nicht missbrauchen. Ich verstehe, warum viele diese Abkürzung nehmen, aber es ist fast schlimmer als eine wissenschaftliche These aus Unwissen abzulehnen. Wenn jemand einen populärwissenschaftlichen Artikel verlinkt, ist das völlig in Ordnung, es hilft, damit auch Menschen ohne Fachkenntnis verstehen, worum es geht und jeder andere sich nen groben Überblick machen kann. Aber etwas mit einer Studie belegen will, braucht mindestens das Abstract, und sollte dies (mit Hilfe meinetwegen, mach ich doch auch wo nötig) verstanden haben.
Das
zweite, das mich wütend macht, ist die Geringschätzung, die so
mitschwingt. Diese Studien, egal was wie am Ende die Ergebnisse
aussehen, sind Arbeit von Monaten oder Jahren. Da sitzen keine Chatbots,
da sitzen Forscher, Doktoranden, Assistenten, Studierende,
Versuchspersonen, Daten auswerten, Fehler prüfen, endlose Fragen über
sich ergehen lassen. Da steckt echte Lebenszeit drin. Und dann kommt
jemand, sieht das Wort „Testosteron" in einer Überschrift, klickt auf
den erstbesten Link und behauptet, das wäre der Beweis für seine
Weltanschauung. Das ist keine Meinung, das ist Respektlosigkeit
gegenüber Forschung.
Wissenschaft ist kein Zitatsteinbruch für
Argumente, sondern eine Sprache, die Präzision verlangt. Wenn man sie
nicht sprechen will, ist das okay. Dann sollte man aber von Glauben,
Meinung oder Haltung sprechen, nicht von Wissen.
Ich will gar nicht nur über Testosteron reden. Mir geht es um etwas Grundsätzlicheres.
Wissenschaftliche
Arbeit ist kein Hobby von Leuten mit zu viel Freizeit. Sie ist das
System, mitdem wir der Wirklichkeit auf die Spur kommen. Wir irren uns
vorwärts, eine These wird aufgestellt,
versucht nachzuweisen, dann veröffentlicht, angegriffen, verteidigt, widerlegt, teil widerlegt oder
bestätigt. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung ist kein „Ich glaube, das ist so"-Beitrag. Sie ist
eine überprüfte, nachvollziehbare Aussage über das, was sich messen, beobachten oder herleiten
lässt.
Wenn man so etwas dann nimmt und in Aussagen wie „Testosteron macht fair" zusammenfasst, ist
das nicht bloß ungenau. Es ist eine Beleidigung all der Arbeit, die dahintersteht.
Und vielleicht ist das der einzige Satz, auf den man sich wirklich einigen kann: Wenn man schon
mit Wissenschaft argumentiert, sollte man wenigstens wissen, welche Frage sie gestellt hat.
Quellen:
Reimers, L. & Diekhof, E. K. (2015). Neural substrates of male parochial altruism are modulated
by testosterone and parochial empathy. Frontiers in Neuroscience, 9:183.
https://doi.org/10.3389/fnins.2015.00183
https://www.uni-hamburg.de/newsroom/forschung/2017-07-03-studie-testosteron.html
Eisenegger, C., Naef, M., Snozzi, R., Heinrichs, M., & Fehr, E. (2010). Prejudice and truth about
the effect of testosterone on human bargaining behaviour. Nature, 463, 356–359.
https://doi.org/10.1038/nature08711
https://www.spektrum.de/news/fair-durch-testosteron/1016628
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