148 Grenzen einhalten - Fundament von Vertrauen und Respekt (Gedanken im Zug)

 


Gegenseitiger Respekt bedeutet für mich vor allem das beiderseitige Einhalten der Grenzen des anderen. Das heißt auch nicht ungefragt helfen, Ratschläge und Tipps geben, sondern den anderen als eigenständiges Wesen wahrzunehmen, das seine Probleme selbst lösen kann. Denn kennt niemand seinen inneren Aufbau, seine Geschichte, seine Konstellationen so gut kennt wie er selbst.
Hilfe ist nur dann Respekt, wenn sie erbeten ist. Alles andere ist Grenzüberschreitung in scheinbar freundlich. Diese Form des „Überhelfens", die ich in meinem Leben so oft erlebt habe, hat nichts mit Liebe oder Güte zu tun – sie ist eine subtile Form der Äußerung von vermeintlicher Überlegenheit. Sie sagt: Ich weiß besser, was dich ausmacht, was du brauchst und sogar was das eigentliche Problem ist. Und das ist für mich das Gegenteil von Empathie. Wahres Mitgefühl bedeutet, stehen zu bleiben, zuzuhören, den anderen in seinem Leid und seiner eigenen Lösungsfähigkeit ernst zu nehmen. Respekt will nicht erziehen oder maßregeln, sondern verstehen.

Vertrauen ist die Grundlage enger zwischenmenschlicher Bindungen. Grenzen sind dafür das Fundament. Sie markieren, wo Vertrauen überhaupt erst beginnen kann.
Ohne dass ich mir des Respekts vor meinen Grenzen sicher sein kann, kann ich keine Nähe zulassen, nicht einmal emotionale, schon gar keine körperliche. Ich kann niemandem vertrauen, der mich nicht als eigenständiges Wesen respektiert. Diese Haltung gibt mir Sicherheit, aber sie hat ihren Preis. Vielleicht schütze ich mich so konsequent, dass ich selbst manchmal unbeabsichtigt in die Eigenständigkeit anderer eingreife, indem ich meine zu rigoros verteidige. Dieser Gedanke ist noch nicht ausgereift, aber er existiert als mögliche Schattenseite meiner Konsequenz.

Allerdings ist eine Grenzverletzung, bevor sie benannt ist, noch kein Verrat, nur ein Missverständnis. Erst das Sagen, das Benennen, macht sie relevant. Ab dann zählt das Verhalten, das folgt. Wer sich bemüht, etwas zu ändern, wer zuhört, wer versteht oder zumindest versucht, zu verstehen, der zeigt Respekt. Wer sich rechtfertigt, statt zuzuhören, der verweigert Beziehung. Ich erwarte kein Perfekt-Sein, sondern Lernfähigkeit. Das ist, glaube ich, einer der Kerne des Menschlichen: zu lernen, wie man miteinander umgeht. Nicht der einzige, aber einer. Und ich habe gelernt, dass ich milder werden kann – mit anderen, aber auch mit mir selbst. Fehler sind unvermeidlich und sehr menschlich, aber versuchen sollte man es wenigstens.


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