145 Psychiatrie - Eine Analyse aus Erfahrung und Interesse
1. Von der Verwahranstalt zur Behandlung
Die Psychiatrie hat eine recht rasante Entwicklung hinter sich, wenn man bedenkt wie komplex ihr Gegenstand ist. Aus reinen Verwahranstalten, in denen fixiert, gebrochen und im schlimmsten Falle lobotomiert wurde, wurden mit der Zeit Orte der Behandlung, so gut es in einem desolaten Gesundheitssystem geht. Freud, Jung, Frankl und viele andere versuchten uns zu erklären wie wir funktionieren. Gleichzeitig gelang der Medizin der chemische Zugang zum Gehirn: Lithium, Chlorpromazin, Imipramin usw. das heilt alles nicht, aber es kann stabilisieren, beruhigen, dämpfen, anheben, abflachen. Seit den 1950er Jahren haben diese und ähnliche Mittel Millionen Leben verändert, manche gerettet, manche zerstört. Doch sie sind nur der Versuch, unser neuronales System zu beeinflussen, ohne es zu mehr als einem Bruchteil zu verstehen. Denn noch immer ist die Blut-Hirn-Schranke eine Grenze, die kaum zu überwinden ist, große Moleküle wie z.B. Serotonin, kommen da nicht von außen durch, die Medikamente sollen das Hirn dazu bringen selbst mehr davon herzustellen oder es länger festzuhalten. Wir behandeln also indirekt, über Umwege, durch Systeme, die wir nicht vollständig kennen. Ja, das wirkt unpräzise, aber wenn die Alternative ist z.B. Psychosen, schwere Depressionen, bipolare Erkrankungen gar nicht zu behandeln, dann spielt man auch mit dem Leben von Menschen.
2. Forschung, Geld und Verantwortung
Haben wir Forschungslücken in dem Bereich?
Ja massiv.
Wird zu wenig in den Neurowissenschaften, in der Pharmakologie und Psychiatrie geforscht?
Ja, massiv.
Wäre Geld dafür da?
Weltweit
machen Pharmaunternehmen jedes Jahr rund 20 Milliarden (Angaben
schwanken je nach Definition) mit Psychopharmaka, das ist mehr als
manches Land für die psychische Versorgung ausgeben kann. [Quelle: im Kommentar zu diesem Absatz]
Also:
Ja, massiv.
Doch jeder Arzt ist verpflichtet „zuerst nicht zu schaden" und das heißt auch massive Selbst- und (seltener) Fremdgefährdung abzuwenden und wenn dies erst mal nur mit nem Benzo (zum Beispiel Tavor) geht, aber das Ergebnis ist, dass der Patient weiter atmet und morgen ne neue Chance hat zurecht zu kommen, dann sollten hoffentlich alle zufrieden sein.
3. Die Psychologie und der ICD
Die
Psychologie angeblich eine„weiche Wissenschaft",versucht uns also den
Menschen zu erklären, eine der komplexesten Aufgaben überhaupt. Der
ICD-10 (und inzwischen der ICD-11)stülpt dieser Wissenschaft mit dem eh
schon fast unmöglichen Ziel nun ein Korsett über, als ließe sich ein
Mensch in 15 Kriterien pressen.Dieses medizinische Verwaltungssystem ist
allerdings kein psychologisches Instrument und schon gar kein Beweis
gegen die Wissenschaftlichkeit der Psychologie,sondern eine Anpassung an
Gesundheitssysteme, die Einordnungen für ihre Gebührenverordnung und
Statistiken brauchen.
Das daraus der Eindruck entsteht, Psychologie
arbeite mit Schubladen und irre nur mit Diagnosen, ist kein Fehler der
Wissenschaft, sondern ein Ergebnis des Systems in dem sie agieren muss.
4.Mein Diagnosewahnsinn und mein Schluss daraus
Ich selbst hatte in den letzten fünfzehn Jahren einige Diagnosen verpasst bekommen. Von Anpassungsstörung über Depression bis hin zu Bipolarität und Borderline war alles mal für die Krankenkasse relevant, für meine Therapie allerdings kaum und für mich quasi gar nicht, außer etwas als innere Legitimation.Letztendlich geht es bei psychischem Leid ja immer um zwei Schritte, egal wie man die Krankheit nun nennt:Was ist für mich am schwersten zu ertragen und wie kann ich das am besten verändern?
Die Diagnose braucht nicht vorrangig der kranke Mensch, nicht der Psychologe, ein bisschen der Psychiater wegen der Wahl der Medikation, aber auch hier geht individuelles Ansprechen auf Mittel weit vor Diagnose. Die Diagnose ist für die Krankenkasse!
5. Die Logik im scheinbar Unlogischen
Die
Psyche folgt keiner universellen Logik. Sie folgt einem verwobenen
Teppich individueller Logiken, inneren Mustern, die für jeden einzelnen
Menschen innerlich völlig schlüssig sind, egal wie destruktiv und
unlogisch sie uns von außen erscheinen mögen. Sie sind aus Prägungen,
Traumata, Erziehung, Kultur usw. entstanden und niemals eine
Entschuldigung, aber oft eine Erklärung.
Doch lassen sich diese Muster erkennen, trainieren, verändern.
Ich habe eine standardisierte Verhaltenstherapie, DBT um genau zu sein, durchlaufen, mit Übungen, Modulen und klaren Abläufen. Ich weiß aus höchst eigener Erfahrung,dass Psychologie genauso empirisch, präzise und logisch sein kann wie jede andere Wissenschaft,die es wert ist so genannt zu werden.Doch ihr Gebiet ist der Mensch und gleichzeitig ihr Messinstrument, das ungenaueste was man sich vorstellen kann. Doch welches Fachgebiet sollte interessanter sein, als unsere ureigene Funktion und unser Wohlbefinden.
6. Im System –allgemeine Erfahrungen seit 2009
Ich
bin seit 2009 „im System" jahrelang auch als „Drehtürpatient" und ich
hab eine ganze Bandbreite erlebt: wissenschaftliche Präzision,
menschliche Wärme, institutionelles Chaos und völlig abgehärmte Kälte.
2009 waren Fixierungen noch ziemlich Alltag und richterliche Beschlüsse
beinahe Routine im BKH Lohr. Medikamente wie Tavor wurden wie Bonbons
verteilt, Haldol machte mich zu einem Roboter, die Muskeln steif, der
Mund sabbernd, der Geist leer.
Der Wachsaal (Raum der immer überwacht
wird [theoretisch]) ist für sieben Personen ausgelegt, wir lagen dort
zu sechzehnt. Bett, an Bett, man musste über das Fußende raus.
Man
liegt dort, weil man nicht mehr leben will, weil man das Leben, die
Menschen und alles nicht mehr erträgt, weil man endlich Ruhe vor allem
will. Und in dem Zustand liegt man da mit 15 anderen Personen in
unterschiedlichen, aber immer schweren Lebenskrisen.
Das ist kein
Vorwurf an das Personal, das System gibt nicht mehr her. Nur es soll
zeigen, dass es besser geworden ist, aber immer noch recht suboptimal,
wie leider unser ganzes Gesundheitssystem.
Fazit:
Ich
will hier keinen Liebesbrief an unser meist kaltes, überlastetes und
leider auch oft profitgeleitetes Psychiatrie- und Psychotherapiesystem
schreiben, auch wenn es banal gesagt ein paar mal mein Leben gerettet
hat, hat es mir unfassbare Nebenwirkungen, eine Diagnoseodyssee,
manchmal mehr Selbstzweifel als Hilfe und unfassbar viel Nervenverlust
eingebracht. Aber ich atme noch und viele die so sehr über „ungenaue"
Psychologie und böse Psychopharmaka lästern, die waren wohl noch nicht
in der Situation diesem miesen System das eigene Leben oder das von
Angehörigen zu verdanken. Ich hoffe sie werden nie in die Situation
kommen.

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