134 Cancel Culture II - Wer wirklich canceln kann und warum

Zunächst: Ich finde Cancel-Versuche, Shitsorms, Doxxing beim Arbeitgeber usw. oft moralisch selbst kompromittierend und IMMER absolut sinnlos. Man gibt der gecancelten Person dadurch eine Märtyrerrolle und dadurch die Möglichkeit zu mehr Reichweite an anderer Stelle. Man kann vereinfacht sagen: Bürger können sowieso nicht canceln, nur Plattformen.

Wer mehr in der Thematik lesen will, kann gern meine beiden anderen Texte zum Thema lesen:
116 Cancel Culture – die Angst vor Exkommunikation
132 „Digitales Hausrecht"

Wenn also nur Arbeitgeber, Plattformen, Verlage, Fernsehsender usw. canceln können, was bewegt sie dazu es zu tun? Moralische Bedenken? Wohl kaum. Eher Angst Kundschaft zu verlieren. Es ist eine marktwirtschaftliche Entscheidung jemanden zu entfernen. Und der Kundschaft bringt dieser „Sieg" gar nichts. Die Person wird anderswo Bühne finden.

In meinen verlinkten Texten hatte ich verschiedene Beispiele genannt von Fällen, die man als Canceln bezeichnen könnte, aber wenn dann als erfolgloses: Mois, Drachenlord, Wendler, Naidoo...Man könnte auch noch mehr nennen: Luke Mockridge ist nach all seiner Jammerei und seinen Skandalen immer noch aktiv. Faisal Kawusi tritt noch auf.

Mittlerweile gibt es Leute die tun so als wären sie gecancelt worden um die Karriere zu pushen: Dieter Nuhr, der meint man dürfe nichts mehr sagen, tritt weiterhin in der ARD auf. Lisa Eckhard tourt erfolgreich nach dem sie angeblich „Cancel Opfer" war.

Dann gab es den Fall mit dem Sylt-Video bei dem Privatpersonen ihren Job verloren, nachdem einer der Konsorten das kompromittierende Video ins Internet gestellt hatte (leider lassen sich Handys auch betrunken noch bedienen). Arbeitsrechtlich war das wohl in Ordnung, wenn ein Unternehmen fürchtet, dass ein Mitarbeiter den Ruf schädigt, darf es kündigen. Gesellschaftlich hat der Fall nur mehr Märtyrer geschaffen und NICHTS erreicht.

Manches Canceln ist einfach nur ein Hassmob (z.B. Drachenlord) oder private Rachegelüste. Jeder Shitstorm wird irgendwann unglaublich unfair und schadet damit der Sache. Denn eigentlich ist die Intention doch meist, dass menschenverachtendes Gedankengut und demokratieschädigende Aussagen verschwinden. Und das tun sie dadurch nicht, ganz im Gegenteil, es pushed diese Leute, es ist Wasser auf den Mühlen der Menschen die sich als „Man darf nichts mehr sagen"-Opfer inszenieren.

Als progressiv denkender Mensch kann ich die Überreaktionen manchmal sogar verstehen, ich selbst spüre oft die Verzweiflung darüber, WAS heutzutage alles sagbar ist, ohne soziale Ächtung. Aber ethisch rechtfertigt diese Verzweiflung keine Shitstorms, kein Doxxing und sonstige Aktionen. Und praktisch erreicht all dies nur das Gegenteil des gewünschten Ziels.



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