128 Ich spiele mich selbst so gut ich kann
Ich bin in diesen Theaterkurs gegangen, weil ich musste. Pflichtmodul. Ich stand schon als kleines Kind gern auf der Bühne, ein Ort an dem endlich mal alle auf mich schauen, aber ich hatte auch keine Erwartungen.
Die ersten Übungen fühlten sich harmlos an. Swish-Boeing-Pow.
Wir sollten miteinander reagieren, im Rhythmus, mit Aufmerksamkeit. Für
viele war das Spiel. Für mich war es Arbeit am eigenen Nervensystem.
Jede Bewegung wurde beobachtet. Jeder Einsatz war ein Risiko des
Blamierens.
Danach arbeiteten wir an unserem Stück „Der Soziale Wettkampf", was mich noch mehr in tiefe Reflexionen trieb.
Ich hab noch handschriftliche Notizen über dieses Modul, damals schrieb ich:
Nach
meines subjektiven Erfahrung konnte ich das „Swish-Boeing-Pow" nicht
spielen. Denn mein Deutungsmuster war es „Spiel → nach Regeln → mit
Bewegung » wie Schulsport". Das konnte ich nicht gut.
In diesem Kontext hatte ich das Gefühl, mein Handeln könnte für alle Beteiligten nur albern wirken, wodurch ich mich lächerlich machen würde. Ob die anderen Teilnehmer mein Handeln wirklich albern fanden, konnte ich natürlich nicht wissen, aber ich habe es angenommen. Trotzdem habe ich das Spiel so gut ich konnte mitgespielt. An allen folgenden Übungen habe ich teilgenommen. Am nächsten Tag sollten wir unsere Produktion aufführen und als die Gruppe anfing mit den Proben für „den sozialen Wettkampf" wurde es ja auch objektiv wichtig, wurde es für mich noch wichtiger, dass meine persönliche Leistung von den Teilnehmern und dem Werkstattleiter und später als gut bewertet würde. An den Proben habe ich auch teilgenommen, aber meine Leistung wurde kritisiert. Das alles – und diese Kritik, obwohl völlig berechtigt – war einfach zu viel für mich. Das ließ mich aus meiner Rolle fallen. Leider nicht nur aus der Rolle, die ich in diesem Stück spielen sollte, sondern aus der Rolle, die ich im Leben spiele.Im Leben spiele ich: „Die Starke, die gerne hart arbeitet, die immer für jeden Verständnis hat, die die äußere Form wahrt."Auch wenn ichdann an den Proben nicht mehr teilgenommen habe und auch nicht an derAufführung. Ich bin geblieben und habe mir die Aufführung unseresStückes angesehen.Das Stück hat mich unglaublich beeindruckt. Denn es hat bei mir die Frage ausgelöst: „Welche Rolle möchte ich dabei eigentlich spielen?"
Es hatte mich dazu gebracht zu heulen, vor Prof. und Kommilitonen, es hat mich zum Aufgeben gebracht, mein Denken durcheinander gewirbelt... jeder der mich kennt weiß, das ich natürlich im Hauptstudium Theater und performative Künste gewählt habe. Was mich so sehr aufwühlt ist privat auch immer absolut unwiderstehlich. (siehe Pete Arc zum Beispiel).
Meine Auswertung des Moduls ist nicht auf diesen Festplatten, höchstens auf der vom alten Rechner. Ausgedruckt habe ich sie leider nicht da. Deswegen hier aus dem Gedächtnis.
Im Studienschwerpunkt gab es auch ein Theatermodul. Wir sollten am Anfang einen Satz für uns finden, der uns durch das Semester begleiten sollte. Meiner war: Ich spiele mich selbst so gut ich kann. Ich meinte das ernst, ich hab eine Ich-Störung und meine Persönlichkeit wirkte auf mich selbst stets amorph. Ich spielte mich jeden Tag neu. Doch durch die Theatermodule, durch viel Therapie, durch nahe Menschen und natürlich durch viel Eigenarbeit, bekam ich es in den letzten Jahren immer besser in den Griff. Aber hier geht es erstmal um das Theater.
Das Stück hieß "All That Jazz". Jeder sollte sein momentanes Lieblingslied aussuchen und dazu tanzen. Ich wählte J.B.O. "Vier Finger für ein Halleluja".
Jap, pinker Spassmetal aus Franken unter lauter Bildungsbürgern und ich tanzte NICHT. Mit verschränkten Armen sagte ich ins (zu diesem Zeitpunkt nicht vorhandene) Publikum: „ICH TANZE NICHT MEHR!"... das qualifizierte mich anscheinend zur Hauptrolle. Am Schluss des Stückes tanze ich mir die Seele aus dem Leib zu dem Song einer anderen Teilnehmerin... ich weiß nicht mehr wie es dazu kam.
Ich
habe gelernt, über meine Rolle nachzudenken. Nicht im Theater, sondern
im Leben. Das war der Beginn, mich nicht mehr möglichst so zu zeigen,
dass andere mich mögen. Ich tanze nicht mehr für euch.
Ich spiele mich selbst so gut ich kann.
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