127 HOLY - die Influencer-Weihe mit der Kraft des Marketings
Kennt ihr HOLY? Wenn ihr jetzt nein sagt, habt ihr entweder gerade vergessen, wovon ich rede, oder ihr seid einfach nie auf YouTube, TikTok oder Instagram unterwegs gewesen. Ihr wart nie da, wo im deutschen Internet gestreamt, geredet, verkauft und gesegnet wird. Ist okay. Dann erkläre ich es kurz.
HOLY ist kein Sponsor. HOLY ist DER Sponsor. HOLY ist kein Influencer-Marketing. HOLY ist DAS Influencer-Marketing.
Es gibt natürlich andere, aber sie sind irrelevant. Das entscheidende Kriterium, ob du in Deutschland Influencer bist oder nicht, ist heute die HOLY-Anfrage. Ob du ja oder nein sagst, spielt keine Rolle. Du wirst schon Gründe haben, dich dagegen zu entscheiden – und du wirst sie uns mitteilen. Wenn du ja sagst, erfahren wir es sowieso. Du machst dann Werbung. Für HOLY.
Und das bockt niemanden mehr. Wir sind das gewohnt. Jeder hat einen Code für HOLY. Jeder Influencer, der auf jemanden reagiert, sagt: „Ihr könnt ja auch bei ihr*ihm kaufen, aber mein Code bringt natürlich genauso viel." Alle finden HOLY gut, weil alle Geld von HOLY bekommen. Eine komplette Szene, gesponsert von einem einzigen Geldgeber. Und das ist schräg, da fühlt sich nach etwas an, was ich kritisieren wollen würde.
Dabei ist das Produkt nicht mal besonders kritikwürdig. Es ist Pulver zum Anrühren von Getränken, wie früher Quench, wie Krümeltee. Nur ohne Zucker, dafür mit Süßstoff. Teilweise mit Koffein. Es gibt sicher gesünderes, aber es ist nicht wirklich gefährlich. Die Firme ist nicht Nestlé, kein Skandal, keine Politik. Sei will einfach überteuertes Lebensmittel verkaufen, wie Millionen andere. Wer kann das nicht bewerben? Jeder trinkt. Das macht es so einfach.
Und ehrlich gesagt, ich glaube vielen Influencern, dass sie es wirklich trinken. Warum nicht? Wenn du es eh im Haus hast und es nicht schrecklich schmeckt, trinkst du es halt. Der Mensch ist pragmatisch, wenn die Limo leer ist und der Supermarkt weit, das hängt nicht vom Einkommen ab. Es ist kein Wunder, dass es sogar authentisch wirkt.
Und irgendwann – das ist das Schönste daran – wird jemand anfangen, diese Ära zu benennen. Irgendjemand wird sie die HOLY-Phase nennen. Er wird sagen: „Das war die Phase des deutschen Internets, die man die Holy-Phase nennt."
Und dann wird die Person erklären, warum. Weil alle dabei waren. Weil
es jeder gesehen hat. Weil jeder ein Stück HOLY in seiner Timeline
hatte.
Genau so wird man einmal über HOLY sprechen. „Die Holy-Phase, das war der Anfang vom Rest. Danach wurde es nur noch schlimmer."
Und wie jeder Mensch, der ein bisschen nerdig drauf ist und sich gern im digitalen Strom bewegt, liebe ich dieses Gefühl, dabei gewesen zu sein. Wir Menschen sind seltsam: Wir ertragen das Schreckliche, aber wir genießen das Erinnern. Wir waren da, als die WIZO-CDs dazu brachten laut und nur (fast) aus Spaß den Papst zu kritisieren. Wir wissen noch, wie das Ackermann-Victory-Zeichen aussah und was es in uns auslöste (bei manchen mehr WIZO-hören und ähnliche Phänomene). Niemand wollte den 11.September 2001 in der Timeline – aber wir wissen, das dieser Tag unsere persönliche Welt auch in „davor" und „danach" teilte.
Und wenn es etwas Popkulturelles ist, etwas Harmloses, etwas, das nur Nerven kostet, aber kein Leben, dann feiern wir es. Dann sind wir gerne Zeitzeugen. Der Jamba-Frosch war so etwas. Wenn ihr wisst, was der Jamba-Frosch war, dann wart ihr dabei. Ihr habt es miterlebt. Es war nervig, absurd, kapitalistisch – und ihr seid stolz darauf, das sagen zu können.
Aber gruselig ist, wie allgemeingültig es geworden ist. HOLY ist mehr als eine Marke. HOLY ist die Weihe. Die Heiligsprechung des Influencers selbst. Wer von HOLY gefragt wird, wird geweiht. Heilig gesprochen vom Gott HOLY, der sich selbst heilig nennt und weiß das es für nichts steht. Influencer werden iniziert von einer Gottheit, die für nichts außer recht harmlosen Konsum steht und jeder weiß wie passend das insgeheim ist.
HOLYtastisch – ich weihe euch mit nichts, zu nichts und jeder weiß es ist nicht blasphemisch sondern auf kaptitalistisch-ironische Art... einfach nur wahr. Unterlegt mit Ameno von Era, Begründer der Era-Ära voller pseudo-religiös aufgeblasenem Nonsens. Besser könnte kein Soundtrack passen.
Mein Ironiedetektor spielt verrückt. Diese postironischen Schleifen, in denen wir alles überhöhen und dann wieder brechen, bis es am Ende echt wird – das ist grauenhaft und herrlich zugleich. Und ich weiß, irgendwann werde ich es tun. Irgendwann werde ich aus Ironie bestellen. HOLY, macht noch ein paar Jahre weiter, und ich werde euer Kunde sein. Ich schwöre es. Ich werde Pulver bestellen, ich werde es anrühren, ich werde es trinken. Vielleicht widerlich finden, vielleicht gut. Vielleicht nochmal bestellen. Vielleicht sterbe ich an einem Koffeinschock. Vielleicht stellt sich raus ich bin allergisch. Vielleicht seit ihr erwartungsgemäß absolut mittelmäßig.
Was auch immer passiert – es wird passieren. HOLY, haltet aus. Noch ein paar Jahre. Dann werdet ihr mich haben.
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