125 Gewalt der Floskeln - Fall B-Hörnchen
Dies ist eine Fortsetzung der Reihe Gewalt der Floskeln.
Der Fall
Ich habe B-Hörnchen zwei Tage lang intensiv kennengelernt. Wir haben viel geschrieben, Spitznamen erfunden (A- und B-Hörnchen), persönliche Fragen gestellt. Dann kam Funkstille. Zwei Tage ohne Antwort, bis ich schon dachte, sie sei der klassische Ghoster.
Was mich immerhin zu diesem Meme inspiriert hat, ich mag's.
Doch dann meldete sie sich zurück –
Sie sagte, dass es nicht bedeute, sie habe keine Lust, wenn sie mal nicht schreibe. Sie wolle sich von diesem kleinen Apparat ungern steuern lassen und fühle sich verpflichtet, immer gleich zurückzuschreiben – genau das wolle sie nicht. Und sie wolle sich auch nicht ständig erklären müssen.
Missverständnis
Ich schickte ihr recht ausführliche Antworten. Ich wollte sie nicht kritisieren, ich wollte nicht streiten, sondern ich wollte ihr klarmachen: Mit diesem Verhalten komme ich nicht klar. Zwei Tage lang einfach weg sein, Nachrichten nicht lesen, nicht antworten, dann so eine Erklärung hinschmeißen – das ist für mich zu viel. Ich habe ihr gesagt, du kannst nichts dafür, du hast es nicht verursacht, ich bin gerade überempfindlich, aber genau deshalb passt es nicht. Meine Botschaft war eindeutig: Mit einer Person wie dir komme ich momentan nicht klar.
Und was macht sie? Sie versteht es nicht. Sie versteht nicht mal den Kern dessen, was ich sage. Stattdessen kommt zurück: „Mach dich nicht verantwortlich..." Als wollte sie mir erklären: Änder dich, damit du mit Personen wie mir klarkommst. Nein, B-Hörnchen, genau das wollte ich dir gerade ersparen. Ich nehme die Verantwortung auf mich, weil ich lieber selbst verantwortlich bin, als dir die Schuld zu geben für dein komisches Ghosting-Verhalten. Sei froh, dass ich dich nicht verantwortlich gemacht habe.
Aber die Wahrheit ist: Wenn du wirklich Interesse an mir hättest, würdest du dich anders verhalten. Zwei Tage einfach nicht melden ist kein Zeichen von Interesse. Das ist Desinteresse oder Warmhalten. Ihr Leute gebt das nur nie zu. Ihr gebt nie zu, dass ihr eigentlich kein Interesse habt, ihr lasst die anderen lieber am ausgestreckten Arm verhungern.
Ich habe dir gesagt, Menschen wie dich ertrage ich gerade nicht in meinem Umfeld, tut mir leid und Tschüss. Und was sagst du mir? Änder' dich. Damit ignorierst du alles, was ich gesagt habe. Genau das ist das Problem.
Hier dieses Schmuckstück in den Größten Beispielen für die „Gewalt der Floskeln":
Hey A-Hörnchen!🐿Mach dich nicht für etwas verantwortlich, machst du auch nicht verursacht hast...ich glaube du machst dir über viele Dinge viel zu sehr einen Kopf. Versuche viele Sachen lockerer anzugehen, dass es dir und anderen ganz ganz viel 🙂🙃Und genieße das was dir gut tut 🤍Liebe Grüße B-Hörnchen
Für viele klingt das nett. Für mich war es maximal triggernd.
Die Analyse
– „Mach dich nicht verantwortlich..."
Das ist noch harmlos. Sie kennt meine eigene Devise nicht: Solange ich
verantwortlich bin, bin ich kein Opfer. Für mich ist Verantwortung etwas
Positives. Dass sie das nicht weiß, das kann man ihr nicht negativ
auslegen.
– „...du machst dir über viele Dinge zu sehr einen Kopf..."
Hier wird es beleidigend. Eine ihrer ersten Fragen war: Was magst du an dir selbst?
Meine Antwort: Ich mag mein Denken, meine Reflektiertheit, meine
Fähigkeit, mir im Kopf immer eine zweite Meinung zu bilden. Und nun
schreibt sie mir genau das ab. Sie spricht mir das ab, was ich am
meisten an mir mag.
– „Versuche viele Sachen lockerer anzugehen..."
Dasselbe Muster. Ich hatte ihr erklärt, dass meine Prinzipien und meine
ethische Strenge zu meinen Stärken gehören. Sie fordert mich auf, diese
Prinzipien zu lockern. Auch hier widerspricht sie genau dem, was ich an
mir schätze.
– „Und genieße das, was dir gut tut..."
Das ist der Gipfel. Wir hatten über meine Sexualität gesprochen, über
Musik, Literatur, Filme, Gaming – ich hatte klar gesagt, wie sehr ich
genießen kann. Und dann kommt ein Satz, der klingt, als wüsste ich
nicht, was Genuss ist. Für mich klingt das, als hielte sie mich für
unfähig, Freude zu empfinden.
Gewalt der Floskeln
Für Normalos klingen diese Sätze wie Fürsorge. Für jemanden wie mich klingen sie wie Entwertung. Sie nehmen mir genau die Stärken, die ich an mir liebe, und verpacken es in wohlmeinende Worte. Das ist die Gewalt der Floskeln: Sie sind nicht böse gemeint, aber sie wirken über griffig.
Ich hatte B-Hörnchen gesagt, dass ich eine Sozialphobie habe. Dass ich seit 2009 an einer Persönlichkeitsstörung arbeite. Dass ich in Therapie bin, seit vielen Jahren. Trotzdem kommt dieser Satz, als wüsste sie es besser.
Wer darf überhaupt Ratschläge geben?
– Fachleute: Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten – das ist ihr Beruf.
– Verwandte Professionen: Sozialarbeiter, Pädagogen, Pflegekräfte, Ärzte – nachvollziehbar, wenn sie manchmal in diese Rolle rutschen.
– Betroffene: Menschen mit eigener Diagnose – sie dürfen von sich sprechen, aber nicht ihre Erfahrung über andere stülpen.
– Angehörige: Partner, Eltern, Kinder von Betroffenen – sie haben eine wichtige Außenperspektive und sind in Foren meist willkommen.
– Neurotypische ohne Erfahrung:
keine Diagnose, keine Ausbildung, keine engen Kontakte zu psychisch
Kranken. Genau diese Gruppe ist es, die am schnellsten Floskeln
verteilt. Und genau da liegt das Problem.
B-Hörnchen sagte mir: „Versuche viele Sachen lockerer anzugehen. Und genieße das, was dir gut tut." Für sie klang das nett. Für mich war es gnadenlos über griffig.
Persönlicher Kontext
Vielleicht wäre meine Reaktion milder gewesen, wenn die letzten zwei Jahre anders verlaufen wären. Aber B-Hörnchen wusste nicht, was meine treuen Leser wissen: Ich hatte eine Beziehung, in der ich alles erklärt habe. Immer wieder. Was Therapie bedeutet. Was meine Diagnosen bedeuten. Welche Wege ich seit 2009 gehe. Was meine No-Gos sind. Was für mich wichtig ist. Ich habe es offengelegt, so detailliert, wie man es nur kann. Und es wurde trotzdem nicht beachtet. Ich bin daran fast zerschellt, weil ich dachte: Wenn ich nur ausreichend erkläre, dann wird es auch verstanden. Ich habe mich darin getäuscht. Der ganze Aufwand war umsonst.
https://www.tiktok.com/@binabianca89/video/7544743865790647574
Dieses
herrliche TiKTok hab ich in dem Moment gefunden und sogar in meinen
WhatsAppStatus gepackt... obwohl ich meinen Ex, der ja gemeint war,
vorher schon blockiert hatte. Und ich hab selbst über die Unlogik
dieser Tat lachen müssen...
Nur das kann sie nicht wissen, ich hab ihr schlichtweg noch nicht von dieser Beziehung erzählt. Auch das kann man ihr nicht negativ auslegen.
Und jetzt, zwei Jahre später, soll ich wieder von vorn anfangen? Wieder die komplette Lebensgeschichte erzählen? Wieder Grundlagen erklären, das eine Persönlichkeitsstörung kein „Schwalli-Schwalli" wegmacht, und auch harte Medikamente und jahrelange Therapie nicht einfach ausradieren? Das es etwas bleibendes ist, etwas tiefgreifendes. Nein. Ich habe dafür keine Kraft mehr, zumindest jetzt gerade nicht.
Zwischenmenschliche Beziehung heißt mehr als Romantik. Sie schließt auch Freundschaft, Nähe, Verbundenheit ein. Aber ich will keine Beziehung mehr eingehen, in der ich bei null anfangen muss, Grundlagen zu erklären, die längst Teil meiner öffentlichen Arbeit sind.
Grundsatz
Leute: Nehmt einander ernst. Immer. Nehmt die Erfahrungen des anderen ernst.
Gebt keine Ratschläge, wenn ihr nicht gerade
– der beste Freund seid,
– die komplette Lebensgeschichte kennt,
– oder jahrelang professionell damit zu tun hattet.
Selbst dann ist es schwierig.
Gebt Ratschläge, wenn ihr Kfz-Mechaniker seid und es um Autos geht.
Gebt Ratschläge, wenn es um euer eigenes Hobby geht.
Gebt Ratschläge, wenn ihr selbst betroffen seid und ihr das Bedürfnis habt, eure Perspektive zu teilen.
Aber gebt keine ungefragten Ratschläge
über psychische Erkrankungen, wenn ihr neurotypisch seid, ohne
Ausbildung, ohne Erfahrung, ohne Angehörigenrolle. Das ist ein
lebensbedrohliches Thema. Und da gilt eine einfache Regel:
Wenn ihr
keine Ahnung habt – haltet die Fresse. Oder, wenn euch wirklich etwas
interessiert, dann fragt. Fragt ehrlich, statt neunmalklug daherzureden.
Fragt, anstatt übergriffig und wohlmeinend Ratschläge zu erteilen, die
am Ende nur verletzen. Denn Fragen öffnen Türen – Floskeln schlagen sie
zu.
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