099 Identität

 Deutschland ist o.k.

Ich lehne Deutschland nicht ab. Im Gegenteil: Ich bin sehr froh, mit dieser Muttersprache geboren zu sein, weil man im Deutschen anfangen kann zu lesen und niemals aufhören muss. Es gibt unerschöpflich viele großartige Texte, Sachbücher, Gedichte, Romane – und man kann mit dieser Sprache fast alles erfahren, was man wissen will. Das ist ein Geschenk der Geburtslotterie, das ich schätze. Gleichzeitig hat die nationale Ebene für meine Identität wenig Gewicht. Natürlich sage ich ohne Zögern, dass ich Deutscher bin – man hört es auch sofort, wenn ich Englisch rede –, aber das sagt weit weniger über mich aus als die Tatsache, dass ich Franke bin. Genauer gesagt: Randfranke. Aschaffenburger. Das sind Kategorien, in denen ich mich verorte. Die kleinteiligen, historisch gewachsenen Regionen in Deutschland sind für mich bedeutender als das Konstrukt des Nationalstaats, der erst seit 1871 in dieser Form existiert. Der Nationalstaat ist für Verwaltung, Repräsentation und überregionale Organisation praktisch – mehr nicht.

Regionale Identitäten

Diese regionale Identität prägt auch andere. Ein Münchner ist vor allem Münchner, ein Frankfurter ist Frankfurter. Im Ruhrgebiet ist ein Dortmunder Dortmunder – und nennt sich nicht einfach „aus NRW". Großstädte definieren sich traditionell eher als eigene Stadtstaaten, auch mental. München zum Beispiel ist nicht Bayern, so wie Frankfurt nicht wirklich Hessen ist. München ist affektiert, weltoffen, selbstbewusst Hochkultur und Hochfinanz – und erstaunlich dialektarm, abgesehen vom Hofbräuhaus, wo der Akzent touristisch gepflegt wird. Frankfurt dagegen ist voller Frankfurterisch, ein eigener hessischer Dialekt, und dabei völlig unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. In Frankfurt kann jedes Klingelschild alles tragen – afrikanische, jüdische, arabische, asiatische Namen, klassische Kartoffelnamen – und es sagt nichts darüber, ob jemand Frankfurter ist. Migration gehört hier seit Jahrhunderten zur Realität. Das gilt auch fürs Ruhrgebiet, wo Zuwanderung lange vor der Nachkriegszeit stattfand.

Natürlich gibt es schreckliche historische Kapitel – Frankfurt hatte früher viele jüdische Familien, die seit Jahrhunderten dort lebten. Manche sind nach der Schoah zurückgekehrt, weil Verwurzelung nicht so einfach verschwindet. Das macht Frankfurt, wie viele Städte, zu einem Ort, an dem Herkunft komplex ist. Und es macht deutlich, dass „Migrationshintergrund" als Begriff schnell unscharf wird. Wenn die Großeltern eingewandert sind – hat man dann noch Migrationshintergrund? Wenn nur ein Urgroßelternteil eingewandert ist? In Städten wie Frankfurt verschwimmen diese Grenzen. Manche Leute legen leider eine primitive Schablone an: Hautfarbe. Für mich ist das absurd. Deutsch ist man meiner Meinung nach zum Beispiel, wenn die Kartoffelsalatschüssel spawnt und man seinen eigenen Kartoffelsalat macht, wenn man Müll trennt, wenn man im Ausland deutsches Brot vermisst. Frankfurter ist man, wenn man fährt wie ein Geisteskranker und Ortsfremde schroff anpflaumt. Was völlig irrelevant ist: Hautfarbe oder die Frage, wie lange die Familie schon hier lebt.

Gender und Sexualität

Meine Identität ist stabil. Ich zweifle nicht an meinem Geschlecht, nicht an meiner Sexualität, nicht an meiner Rand-Fränkischkeit. Ich habe meinen Dialekt zwar so weit entschärft, dass mich in ganz Deutschland jeder versteht, aber nie den Kern meiner Identität verändert. Für viele Menschen scheint das anders zu sein. Ihre Identität ist so fragil, dass allein die Existenz von Menschen, die anders sind – queer, mit Migrationshintergrund, anderer Religion – sie in Rage versetzt. Nicht, was diese Menschen tun, sondern schlicht, dass sie da sind. Wenn das für mich so wäre, wäre das furchtbar, denn die Mehrheit der Menschen leben, lieben oder glauben anders als ich.

Queer-Ansteckung und Woke-Washing

Gerade im queeren Bereich ist diese Angst irrational. Sexualität und Genderidentität sind keine Wahl. Der Prozentsatz nicht-heterosexueller und nicht-cisgender Menschen ist klein und wird es immer bleiben. Die Vorstellung einer „Transagenda" oder „Homoagenda", die Menschen gezielt „macht", ist Unsinn – wäre das möglich, gäbe es nach Jahrtausenden überwältigender Heteronormativität keinen einzigen queeren Menschen mehr. Sichtbarkeit sorgt nur dafür, dass queere Menschen genauso selbstverständlich auftreten können wie andere. Wenn Netflix oder Disney queere Figuren zeigen, ist das keine Menschenfreundlichkeit, sondern Marktrechnung. Das ist Woke-Washing – früher gab es Green-Washing. Es ist Marketing, keine Revolution.

Repräsentation funktioniert am besten, wenn sie nicht übererklärt wird. Wenn ein Film oder eine Serie eine queere Figur zeigt, ohne die ganze Handlung um deren Sexualität zu bauen, ist das normalisierend. In der Serie Flash ist der Polizeichef schwul und mit einem Mann verheiratet – das ist einfach so und wird nur am Rande thematisiert. Genau so sollte es sein.

Was viele stört, ist nicht, wie stark solche Figuren vorkommen, sondern dass sie überhaupt vorkommen. „Oh nein, der Polizeichef ist schwul – ich gucke das nicht." Als ob es im echten Leben unmöglich wäre, dass der eigene Chef schwul ist. Was tun diese Leute dann – kündigen? Identität, die so zerbrechlich ist, dass sie das nicht aushält, ist keine stabile Identität.

Anekdote zum Schluss

Menschen sind Menschen – auch Männer sind Männer, egal ob hetero oder schwul. Ich habe das einmal beim Couchsurfing mit einem Mann diskutiert, der sich darüber beschwerte, dass schwule Männer ihn manchmal anbaggern, obwohl er hetero ist. Er war irritiert, als ich sagte: Männer bleiben Männer, auch schwule. Und es gibt eben die Sorte Mann, die einfach jeden anquatscht – so wie es unter Heteros auch alte Männer gibt, die sehr junge Frauen ansprechen, obwohl die Erfolgschancen verschwindend gering sind. Intensität macht den Unterschied: Aufdringlichkeit ist respektlos, egal ob sie von einem hetero- oder homosexuellen Mann kommt.

Fazit

Ein Teil der Identität steht fest, ob man will oder nicht: die Muttersprache, in die man hineingeboren wird, das eigene Geschlecht, so wie man es empfindet, und die sexuelle Orientierung. Daran lässt sich nichts ändern, und deshalb erstaunt mich immer wieder, wie sehr manche Menschen sich genau da bedroht fühlen. Wenn mich etwas nicht betrifft und ich es nicht ändern kann, warum sollte seine Existenz mich aus dem Gleichgewicht bringen?
Der andere Teil der Identität ist gestaltbar – wie man lebt, ob man heiratet, Kinder bekommt oder ganz andere Lebensentwürfe wählt. Das ist heute freier als früher, und genau das ist der Punkt: Wahlfreiheit bedeutet, dass nicht alle dieselbe Wahl treffen müssen. Wer daran Anstoß nimmt, dass andere eine andere Wahl treffen offenbart vor allem eines: ein recht wackeliges Fundament. Wen die bloße sichtbare Existenz von anderen eh unabänderlichen Identitäten aus dem Gleichgewicht bringt, dessen Fundament scheint mehr als wackelig. Und auf wackeligem Fundament zu stehen, muss ein unangenehmer Zustand sein. Ich kenne ihn nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es sich anfühlt, als könnte jederzeit alles einstürzen. In diesem Fall sollte man wahrscheinlich echt daran arbeiten, die eigene Identität zu stabilisieren.

Frage

Seht ihr euch in eurer Identität verunsichert, weil es andere gibt? 


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