097 Tiergeschichten eines Spezieszisten - Rapa, rote Rübe



Rapa – die Tochter von Sira

Relativ früh, nachdem wir Sira so weit hatten, dass sie sich sicher reiten und satteln ließ, stand fest: Sie sollte gedeckt werden. Wir hatten ja absichtlich eine Stute gekauft und außerdem wollte auch meine Schwester ein eigenes Pferd. Mein Vater kannte viele Leute mit Pferden, und so fiel die Wahl auf einen Arabo-Haflinger-Hengst aus dem Bekanntenkreis. Man wurde sich schnell über den Preis einig, und wie bei uns üblich, lief das Decken so ab, dass die Tiere einfach zusammen auf die Koppel gestellt wurden. Diese „Natürlichkeit" war zwar romantisch gedacht, aber ziemlich ineffektiv – bei Pferden wie bei jeder anderen Tierzucht. Der Preis war übrigens trotzdem fällig, egal ob es klappte oder nicht. In unserem Fall klappte es.

Lange waren wir uns nicht sicher, ob Sira trächtig war. Sie hatte eine ausgeprägte Neigung zum Dickwerden, weshalb sie im Reitverein den Spitznamen „schwangere Auster" oder „schwangeres Meerschweinchen" bekam – auch wenn sie gar nicht trächtig war. Doch irgendwann wurde klar, dass es diesmal wirklich so weit war.

Meine Mutter tippte, dass die Geburt in einer bestimmten Nacht stattfinden würde. Sie schlief im Wohnwagen neben der Koppel, meine Schwester und ich im Zelt. Früh am Morgen kam Helga ins Zelt und sagte: „Sira hat ihr Fohlen – es ist weiß, mit roter Mähne, rotbraunen Punkten und rotem Schweif. Und es ist so groß, es passt nicht unter Siras Bauch durch." Ich hielt das für einen morgendlichen Scherz, doch Helga log normalerweise nicht. Also stapfte ich schlecht gelaunt raus – und da stand es wirklich: ein riesiges weißes Fohlen, roter Schopf, rote Punkte, roter Schweif, und trank bei Sira. Kurz darauf wusste der ganze Reitverein Bescheid.

Rapa war von Tag eins an ein Hingucker. Im Dorf kannte man die Pferde der anderen, aber Rapa war sofort eine kleine Berühmtheit. Später wollten unzählige Leute sie kaufen – vor allem, als sie abgesetzt war. Manche träumten davon, sie vor einer Kutsche zu sehen, doch Helga ließ sich nie überreden, sie einzuspannen. Und ja – sie war wirklich ein schönes Pferd. Auch Nicht-Pferdeleute blieben stehen und sagten: „Wow, was für ein hübsches Tier." Sira war für mich natürlich immer schöner, einfach weil sie mein Pony war, aber Rapa hatte diese Ausstrahlung. Sie war größer und stämmiger als Sira und wirkte mehr wie ein kleines Pferd als ein Pony.

Der Name „Rapa" kam aus dem Langenscheidt-Lateinwörterbuch, das wir zu Hause hatten, obwohl keiner von uns Latein hatte. Wir suchten etwas, das auf ihre Farbe hinwies, und fanden „Rapa" – lateinisch für Rote Rübe.

Charakterlich war Rapa ganz anders als ihre Mutter. Schon als Fohlen war sie umgänglich, freundlich und zugewandt. Sie hatte keinerlei Hang zum Geschwindigkeitsrausch wie Sira. Stur war sie trotzdem. Sie war ein Pferd, das man ständig antreiben musste – etwas, das mich beim Reiten wahnsinnig macht. Ich hatte sie nicht gerne unter dem Sattel, weil ich Pferde mag, die von sich aus gehen. Helga hingegen liebte sie und hing sehr an ihr.

Natürlich gab es auch mit ihr kleine Anekdoten. Beim ersten Hufe-Ausschneiden – unsere Ponys wurden nicht beschlagen – half der damalige Vereinsvorstand, ein erfahrener Pferdemensch. Rapa kannte das nicht, mochte es nicht, und keilte heftig nach hinten aus. Er nahm's mit Humor und erzählte, er habe schon Schlimmeres erlebt – unter anderem, dass ihm ein Pferd in die Hoden gebissen habe, weil es dort vermutlich Futter vermutete.

Ich selbst habe ebenfalls schmerzhafte Erfahrungen mit Pferdezähnen gemacht: Auf der Suche nach einem Hengst für Sira waren wir bei Connemara-Züchtern. Ein junger Hengst biss mir aus heiterem Himmel in die Schulter. Der Abdruck ging fast ums Schlüsselbein, so dünn war ich damals. Aus Reflex bekam er einen Klaps auf die Nüstern – woraufhin der Besitzer empört wurde. Meine Mutter konterte trocken: „Meine Kinder werden nicht gebissen." Wir verließen den Hof und nahmen schließlich den Arabo-Haflinger als Vater für Rapa.

Rapa blieb über die Jahre ein begehrtes Pferd, und Helga bekam immer wieder Kaufangebote. Für mich war sie zwar nicht „mein" Pferd, aber sie gehörte selbstverständlich zu unserer kleinen Herde und zu dieser ganzen Ära unseres Lebens.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kapitel 5 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 7 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 1 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.