092 Tiergeschichten eines Spezieszisten - Moritz, der Kampfschmuser



 Moritz – Der Kampfschmuser

Moritz war der Sohn von Duchesse und vom Alten Mo, und er trug beides in sich: ein Stück Adelsgehabe von seiner Mutter – aber vor allem das raue Straßenkaterblut seines Vaters. Vom ersten Blick an war klar: Das wird kein filigraner Salonlöwe. Moritz hatte diesen massigen, muskulösen Körperbau, das gleiche antrazit-schwarze Fell, ein Gesicht mit Ecken und Kanten und Ohren, an denen Stücke fehlten. Jede Kerbe erzählte von einem Kampf, den er nicht gescheut hatte.

Trotz dieser Optik war Moritz ein Schmusekater vor dem Herrn. Kaum saß man auf dem Sofa, kletterte er auf den Schoß, schmiegte sich an und schnurrte wie ein Presslufthammer. Das Problem: Katzen sind keine Duftkerzen. Moritz hatte das Talent, seine Zuneigung mit einem völlig unverhältnismäßigen Geruchsunfall zu kombinieren. Da saß man, streichelte diesen scheinbar gefährlichen, tatsächlich aber sanftmütigen Riesen – und plötzlich wünschte man sich eine Gasmaske. Ein Katzenpups während des Schnurrens hat etwas Verstörendes.

Moritz hatte Humor. Schwarzhumor. Eine Kindheitsfreundin von mir, auch mit meiner Schwester befreundet, hatte panische Angst vor ihm. Moritz spürte das und nutzte es aus. Einmal kniete sie aus irgendeinem Grund im Wohnzimmer. Moritz nutzte den Moment, nahm Maß – und sprang ihr mit ausgefahrenen Krallen mitten in den Rücken. Nicht bösartig im eigentlichen Sinn, eher wie ein Straßenkater, der ein Spiel wittert, das nur für ihn witzig ist. Für sie war es weniger witzig.

Moritz war ein mutiger Kerl, der keine Konfrontation scheute – weder mit Ratten noch mit Mardern. Doch selbst der härtste Kater hat seinen Schwachpunkt. An einem sonnigen Tag stand er unter einer unverputzten Scheunenwand, an der Schwalben Nistmaterial sammelten. Offenbar entschieden ein paar dieser wendigen Vögel, dass ihre Nestpolsterung noch Katzenhaare brauchte. Und sie nahmen sie sich – im Sturzflug. Immer wieder rasten sie auf Moritz zu, rissen ihm Haare aus und stiegen wieder auf. Ich stand daneben, meine Mutter auch. Wir sahen zu, wie dieser große, furchtlose Straßenkater ängstlich zwischen den Beinen meiner Mutter Schutz suchte. Vor Schwalben.

Das andere Bild ist fast so herrlich: Moritz hatte keine Angst vor Pferden. Er saß manchmal einfach auf dem Rücken von Hans, als gehöre er dorthin. Eines Tages stand er hinter meiner Sira, während Hans etwas weiter vorne war. Sira machte einen Schritt zurück – genau auf Moritz' Schwanz. Es war nur das Fell, das sie erwischte, aber Moritz rannte panisch davon, mit einem Schweif, dem die Spitze fehlte. Nicht verletzt, nur enthaart. Aber beleidigt bis ins Mark.

Er war ein Freiläufer durch und durch, einer, der Mäuse fraß, Katzenfutter verschlang und sich sein Revier nicht nehmen ließ. Manchmal war er drei Tage weg, kam verkratzt und zufrieden zurück, als hätte er in einer anderen Stadt einen Auftrag erledigt. Und wie es sich für so einen Rumtreiber gehört, ist er wohl auch gegangen, um nicht wiederzukommen. Als er älter wurde und es ihm sichtbar schlechter ging, verschwand er eines Tages – und kam nicht mehr zurück. Wahrscheinlich ist er im Wald gestorben, irgendwo unter Büschen, so wie es viele Freigängerkater tun.

Noch etwas hatte er mit seiner Mutter gemein: die absurde Angewohnheit, uns beim Spazierengehen zu begleiten. Für eine Katze gibt es im Wald wenig Gutes und viel Gefährliches – und für die Tiere, die dort leben, noch weniger Gutes, wenn eine Katze mitläuft. Aber Moritz war schwer zu überzeugen, zu Hause zu bleiben. Er folgte uns trotzdem, als gehöre er dazu. So wie er überhaupt immer dort auftauchte, wo er gerade sein wollte – und nur, wenn er es wollte.

Max war sein Bruder – und er war nur kurz bei uns. Auch er hatte den kräftigen Körperbau und die direkte Art ihres Vaters geerbt. Beim Spielen mit ihm bekam man oft Kratzer, und es war fast ein kleiner Wettbewerb, wer in dieser wilden Rauferei länger durchhielt. Max war kein Schmusekater wie Moritz, sondern eher ein Spielkämpfer. Leider blieb er nicht lange bei uns. Mit nur etwa eineinhalb Jahren wurde er schwer verletzt – der Kiefer war gebrochen, vermutlich durch einen Tritt oder eine ähnlich brutale Handlung. Es war kein Unfall, der zufällig passiert wäre. Wir mussten ihn gehen lassen. Sein kurzer Aufenthalt in unserer Familie war wild, intensiv – und viel zu früh vorbei.  


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