091 Tiergeschichten eines Spezieszisten - Federdramen

 Wellensittiche – kleine Dramen im Federkleid

Eigentlich war es schon schräg, dass wir überhaupt Wellensittiche hatten. Mein Vater hatte eine Federallergie, allergisches Asthma sogar. Außerdem war er nie der große Freund von Haustieren, die keinen direkten Nutzen hatten – eine Kuh, ein Pferd oder ein Hund waren etwas anderes, damit konnte man arbeiten. Katzen ließ er gewähren, weil sie die Mäuse fernhielten. Und trotzdem: Wellensittiche mochte er. Warum, weiß ich bis heute nicht. Aber er hatte einen Narren an ihnen gefressen – auch wenn es für ihn selbst nicht gerade gesund war.

Panzerknacker & Amanda – die Nebenfiguren mit eigener Legende
Panzerknacker hieß Panzerknacker, weil er den Namen lebte. Er war der Houdini unter den Wellensittichen. Sperrst du ihn ein, rüttelte er so lange an den Gitterstäben, bis du entweder entnervt aufgabst oder er es tatsächlich schaffte. Das Geräusch, dieses trrrrrr, war sein persönlicher Soundtrack. Fliegen konnte er nicht immer – Katzen im Haus machten das zu riskant. Irgendwann nutzte eine Katze dann doch ihre Chance als er mal wieder entflohen war, und Panzerknackers Geschichte endete abrupt.
Amanda hingegen war das komplette Gegenteil. Dick, alt und flugunfähig. Sie gehörte meinem ältesten Bruder, kam aber in unsere Obhut, wenn er im Urlaub war. Und Amanda war flugunfähig – sie lief. Einmal lief sie sogar bis in den Hof der Nachbarin. Niemand hatte es geschlossen, weil Amanda ja nur tapste. Kein spektakulärer Ausbruch, eher ein gemächlicher Spaziergang, als wollte sie sagen: „Ich bin unterwegs, macht euch keine Sorgen."

Dinky – der besondere Clown
Alle anderen Wellensittiche bei uns hießen Dinky. Einfach so, alle gleich, der Reihe nach. Aber einer dieser Dinkys war anders. Dinky der Clown. Er hatte die bemerkenswerte Eigenschaft, Tische vollständig abzuräumen – sicherer als jede Katze. Alles, was da lag, flog runter. War etwas zu schwer, hing er daran und zerrte, die Füße drehten fast wie im Comic durch. Er schmiss sogar Gläser runter. Wenn man nicht aufpasste landete er auf dem Rand der eigenen Tasse oder des Glases in der Hand und trank daraus. Ich fand das eklig, aber er schien genau zu wissen, dass er uns damit unterhielt. Vielleicht war er einfach schlau. Vielleicht mochte er das Lachen. Wahrscheinlich beides.

Birte Bird – der Lone Star
Birte Bird lebte ursprünglich nicht bei mir, sondern bei Zero. Damals waren es insgesamt zwei Wellensittiche: Birte – die damals noch Charlie hieß – und Bubi. Bubi war das genaue Gegenteil von ihr: ein Clown, ein Quatschkopf, für jeden Unsinn zu haben und unglaublich auf Zero fixiert. Zero hatte ihm allerlei Kunststücke beigebracht, und manches hatte er sich selbst beigebracht, nicht immer zu unserer Freude. Birte dagegen war von Anfang an ein „Rühr-mich-nicht-an"-Vogel. Sie wollte ihre Ruhe, ließ sich nicht anfassen und hackte, wenn man es doch versuchte. Manchmal muss man aber einen Vogel anfassen – etwa, um die Krallen zu schneiden. Das war bei Birte jedes Mal eine Herausforderung.

Zwischen ihr und Bubi herrschte keine Harmonie. Sie stritten sich oft heftig, und Birte verletzte ihn sogar mehrfach an Beinen und Füßen. In der Hoffnung, dass ein dritter Vogel die Lage entspannen würde, zog Cookie ein – ein ruhigerer Wellensittich, aber aus dem Zoohandel (hatten weder ich noch Zero schon mal gemacht) und er wirkte nie wirklich gesund. An der Stimmung änderte sich nichts. Birte verstand sich mit keinem der beiden.

Als Zero und ich uns trennten, zog ich aus – und nahm Birte mit. Lieber ein einzelner Vogel als ständige blutige Kämpfe im Käfig. Ich versuchte, sie an Menschen zu gewöhnen, gab es aber irgendwann auf. Birte führte ihr Birte-Leben als Lone Star – ohne Partner, dafür ohne Stress. Ich habe mich nicht getraut, noch einen zweiten dazu zu setzen. Die Verletzungen von früher waren mir zu präsent.

Birte lebte noch zwei, drei Jahre bei mir, bis sie altersbedingt starb. Sie war hellgelb, und wenn sie die Flügel ausbreitete, konnte man auf ihrem Rücken, zwischen den Flügelansätzen, einen smaragdfarbenen Fleck sehen – ein Edelstein im Gefieder. Wunderschön und unnahbar, das war Birte Bird.

Manche Tiere bleiben einfach als Charaktere im Gedächtnis – nicht, weil sie besonders eindrucksvoll, brav, schön oder zutraulich waren, sondern weil sie ihr eigenes Ding gemacht haben. Birte Bird mit ihrer Unnahbarkeit, Panzerknacker mit seiner unbändigen Ausbruchslust, Amanda mit ihrer gemächlichen Bodenexpedition und Dinky der Clown, der jeden Tisch zur Bühne machte – sie alle waren kleine Persönlichkeiten im Federkleid. Und vielleicht ist genau das das Schönste an Wellensittichen: Sie sind nicht nur bunt und laut, sondern jeder von ihnen ist ein eigenes Kapitel. Manche Geschichten enden abrupt, manche gehen leise zu Ende – aber jede einzelne prägt das Bild, das bleibt.


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