086 Tiergeschichten eines Spezieszisten - Sture Wolken auf Beinen
Schafe – Wolken auf Beinen mit Sturkopf
Schafe sind einfach Schafe. Wer jemals welche gesehen hat, muss nicht gefragt werden, warum ich sie mag. Sie sehen aus wie Wolken auf Beinen, sie sind sturer, als man ihnen zutraut, und sie haben diese gebogenen Nasen, die mich schon als Kind fasziniert haben. Ich mag ihren Geruch, auch wenn er nicht jedermanns Sache ist, und ich mag diese Mischung aus friedlichem Kauen und plötzlicher Eigenwilligkeit, wenn ein Schaf beschlossen hat, jetzt durch dieses Tor zu gehen – egal, ob es offen ist oder nicht.
Mein Vater war immer für „mischen is possible", weshalb wir nie nur eine Rasse hatten. Schwarzkopfschafe, ganz weiße, und auch Heidschnucken – wunderschöne, robuste Tiere mit Hörnern und schwarzem Gesicht. Heidschnucken-Lämmer sind rabenschwarz und sehen aus wie kleine Teufelchen, aber mit weichem Blick. Leider haben sie eine blaue Zunge, und ich hasse es, wenn Tiere eine blaue Zunge haben. Ich konnte da echt nicht hinkucken, eine blaue Zunge sah und sieht für mich nach Tod aus. Trotzdem, es sind Schafe und allein deswegen toll.
Bärbel war mein Schaf. Der Name war schon gut gewählt – ein Schaf kann „Bärbel" fast selbst sagen. Aber ich nannte sie nie so. Ich war noch klein und nannte sie einfach Annemir, um klarzustellen: Das ist mein Schaf. Annemir. Die gehörte zu mir. Ich liebte es, mit den Schafen zu kuscheln. Manchmal stießen sie einen leicht an – „stumpen", wie wir sagten – um Aufmerksamkeit oder Futter zu fordern. Rammen ist etwas anderes, das tun sie untereinander ernsthaft. Aber stumpen gehört dazu, und ich stumpte zurück.
Ich war noch sehr klein, als Folgendes sich zutrug: In manchen Geschichten, gibt es Drachenreiter und in vielen Geschichten gibt es natürlich sehr viele Leute, die auf Pferden sitzen. Ich war zu vor schon auf einem Bullen gesessen und recht oft auf Ponys. Doch in einem wunderbaren Zeitraum, war ich ein Schafsreiter. Aufsitzen, in der Wolle festhalten und ich war ein sehr glückliches Strahlekind.
Doch,
oh Schreck, oh Graus, die Freude war bald vorbei. Trotz Bullen- und
Ponyreiten: die Schafe waren meine Lieblinge. Doch dann kam die Schur.
Ich habe geweint und geweint und ich habe mich gar nicht ein gekriegt,
schon allein deshalb weil diese ehemaligen Wolken auf vier Beinen für
mich nun hässlich waren. Ich quengelte wenigstens wieder reiten zu
wollen. Meine Mutter widersprach zunächst: „Nee, du fällst runter." Doch
ich war schon in diesem zarten Alter als Sturkopf bekannt und so saß
ich trotzdem auf dem Schaf und dann ging es etwas schneller. Ich hatte
nichts mehr zum Festhalten und bin runtergefallen. Ab diesem Zeitpunkt
habe ich das Schafereiten gelassen.
Aber ich darf mich stolz sowohl
Pferde- als auch Bullen- als auch Schafsreiter nennen. Wenn ich
irgendwo einen Drachen herkriege, bin ich auch Drachenreiter. Ich werde
es zumindest versuchen oder beim Versuch dabei sterben.
Manchmal bekamen wir im Winter Lämmer in die Küche. Schafe bekommen oft Zwillinge, und wenn Schnee lag oder es zu kalt war, mussten sie drinnen großgezogen werden. Einmal fraß ein Schaf die Hausaufgaben meines Bruders. Er bekam einen Entschuldigungszettel mit dem Vermerk: „Lüge: Ich habe sie nicht gemacht. Wahrheit: Das Schaf hat sie gefressen." Schafe sind nicht leicht zu halten, aber Ziegen sind schlimmer. Die können noch mehr klettern und haben diesen Blick, der sagt: „Ich weiß, wie ich hier rauskomme."
Wir haben unsere Schafe übrigens nicht gemolken. Wie die Kühe waren sie für die Fleischproduktion da. Bei uns wurden keine Lämmer und keine Kälber gegessen, nur ausgewachsene Tiere. Irgendwann kam der Tag, an dem auch Annemir – Bärbel – geschlachtet wurde. Für mich war das kein Schock – mir war von Anfang an klar, dass es so kommen würde, und ich mochte Schaffleisch schon als Kind. Ihr Fell lag noch etwa 15 Jahre in meinem Zimmer, bis es irgendwann zu sehr moderte und weg musste.
Schafe sind für mich bis heute die Mischung aus störrischem Eigenwillen und flauschiger Beharrlichkeit. Man kann über sie lächeln, aber man unterschätzt sie besser nicht.
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