085 Tiergeschichten eines Speziezisten - Duchesse, die kleine Gräfin

 Duchesse – Die kleine Gräfin

Duchesse war eine von diesen Katzen, die nicht einfach nur eine Katze sind, sondern ein Statement. Klein, zart gebaut, schwarz-weiß gefleckt, aber mit einem Auftreten, das jeder Adelsschule Ehre gemacht hätte. Ihren Namen hatten wir Kinder gewählt – französisch ausgesprochen, weil es zu ihr passte. Sie hätte auch eine Adelige im Hofstaat von Versailles sein können, so selbstbewusst und unnahbar war sie.

Schon am ersten Tag bei uns zeigte sie, dass sie kein Kätzchen war, mit dem man sich anlegt. Kaum angekommen, saß sie auf einem Fenstersims draußen, als der Alte Mo – der ungekrönte Herrscher der Katzen in unserer Straße – auftauchte. Ein riesiger, vernarbter, schwarz getigerter Straßenkater mit gelben Augen, der aussah, als hätte er jeden Kampf in einem Umkreis von zehn Straßen gewonnen. Er wollte zu ihr hoch, und Duchesse? Langte ihm einfach eine. Ohne Zögern. Diese Szene war der Beginn ihrer Legende.

Der Alte Mo – eigentlich hieß er wohl Moritz, sicher bin ich nicht – war später nicht nur ihr Rivale, sondern auch der Vater mancher ihrer Kinder. Eigentlich hätte sie keine bekommen sollen. Meine Mutter hatte mehr als einmal einen Termin zum Sterilisieren gemacht. Aber Duchesse verstand nicht nur gesprochene Worte, sie konnte offenbar auch lesen. Jedes Mal, wenn der Termin stand, verschwand sie, bis der Tag verstrichen war – und tauchte wieder auf, wenn sie schon hochträchtig war. Selbst die Tierärztin sagte irgendwann: „Sagen Sie das nicht mehr laut, schreiben Sie es auf."

Von ihren Würfen blieben zwei Kater bei uns: Max und Moritz. Max starb tragisch – vermutlich getreten, Kieferbruch –, Moritz blieb uns lange erhalten. Andere Junge, wie Miro, gingen in andere Hände. Manche kamen unter... ungewöhnlichen Umständen zur Welt. Einmal entschied Duchesse, dass nicht die vorbereitete Kiste in der Küche der richtige Ort war, sondern die alte Spielzeugkiste meiner Schwester und mir. Der Anblick danach – spare ich jedem, der noch ruhig schlafen will.

Duchesse hatte diese typische Katzendiplomatie: „Ja, du darfst mich jetzt streicheln. Nein, jetzt nicht mehr." Wer die Grenze nicht rechtzeitig erkannte, bekam eine gepflegte Ohrfeige mit Krallen. Selbst meine Mutter lernte das schmerzhaft, als sie Duchesse eines Abends raussetzen wollte, weil sie genervt hatte. Die Gräfin drehte sich um und tackte ihr den Finger durch – so tief, dass man die Zahnabdrücke auf dem Fingernagel sehen konnte.

Sie war eine Meisterin darin, jünger zu wirken, als sie war. Mit über zehn Jahren hielten viele sie für ein junges Kätzchen – nicht nur wegen ihrer Größe, sondern wegen der Eleganz, mit der sie sich bewegte. Und sie wusste, wie man ihre Vorteile ausspielte. Sie war charmant, wenn es ihr passte, und kratzbürstig, wenn sie keine Lust hatte.

Ihr Tod war so schockierend wie unbegreiflich. Wir fanden sie auf der Straße, kein Blut, keine Anzeichen von Altersschwäche. Nur ein Loch im Körper. Die Polizei kam – in unserem Dorf schießt niemand auf Katzen, zumindest nicht offen. Das Ergebnis war noch verstörender: kein Schuss, sondern ein Stich. Jemand musste sie mit Futter angelockt haben, um sie zu erstechen. Selbst Menschen, die keine Katzen mochten, waren entsetzt.

Und trotzdem – so makaber es klingt – passte dieser hinterhältige Mord zu ihrer adeligen Art. Ein heimtückischer Dolchstoß im Schatten – wenn man schon gehen muss, dann bitte mit Stil.

Das war Duchesse. Eine Katze, die wusste, was sie wollte. Eine Katze, die wusste, wann sie es wollte. Und eine Katze, die bis zum Schluss nach ihren eigenen Regeln lebte.


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