077 Älter werden ist das beste, was mir je passiert ist

 Älter werden ist das beste, was mir je passiert ist

Nicht nur weil es heißt, dass ich noch lebe

Das Beste daran, über 40 zu sein – und auch so auszusehen – ist einfach: Niemand spricht dir mehr deine Lebenserfahrung ab. Ich habe lange, graue Haare. Ich färbe sie nicht. Und ja, anscheinend gilt das im weiblichen Körper schon als „mutig". Ich finde das immer witzig: Mutig? Es sind einfach meine Haare. Ich liebe sie. Ich finde lange, graue Haare wunderschön – an Männern, an Frauen, egal an wem. Das ist einfach ein ästhetischer Kink von mir.

Und dieser graue Schimmer hat einen Bonus: Wenn ich heute sage „Meiner Erfahrung nach ist es so und so", kommt kein „Ach, warte mal, bis du älter bist, dann verstehst du das auch." Das ist vorbei. Und das ist herrlich.

Nur, liebe Leute, die mir jetzt plötzlich zuhören: Das Verrückte ist – vieles von dem, was ich heute sage, wusste ich schon mit 25. Meine größten Abstürze, meine härteten Erkenntnisse habe ich alle lange vor den grauen Haaren gemacht. Aber erst jetzt glaubt ihr mir. Nicht, weil ich klüger geworden bin, sondern weil ich älter aussehe. Und genau das ist die Ironie: Alter macht dich nicht automatisch schlauer. Es macht dich nur für andere glaubwürdiger. Also hört auch mal auf die Erfahrungen, von denen euch junge Leute berichten.

Aber Alter hat auch eine andere Seite: den Körper. Und der hält sich nicht an Höflichkeit. Früher konnte ich irgendwo auf einem Motorradtreffen einfach im Schlafsack neben dem Motorrad auf dem harten Boden pennen. Heute? Heute stehe ich morgens von meiner Matratze auf und mein Rücken sagt mir, dass ich dringend eine neue brauche. Mein Knie protestiert bei jeder dummen Bewegung. Und ja, ich habe eine Blasenschwäche. Mit 43! Nicht zu operieren, nicht rückgängig zu machen – einfach nervig und endgültig. Das ist kein Drama, aber es verändert die Spielregeln.

Und genau dieser protestierende Körper macht das älter werden wertvoll: weil es dich mit der Nase darauf stößt, dass jeder Tag und jede Minute zählt. Dass der Körper nicht verhandelbar ist, das er endlich ist. Die grauen Haare sind der sichtbare Teil. Die kleinen körperlichen Macken sind der stille, dauerhafte Reminder: Du bist sterblich. Und wenn du das einmal wirklich begriffen hast, hörst du immer weniger auf Bullshit, du fängst an Dinge einfach zu tun, weil die Gelegenheit da ist. Vielleicht bin ich heute sogar „unvernünftiger" als früher... naja, ich war schon immer für jeden Blödsinn zu haben.

Und genau diese ständigen Erinnerungen machen etwas mit dir – sie bringen dich dazu, dich zu sortieren, klarer zu werden und loszulassen. Das ist vielleicht die größte Veränderung, die das Alter wirklich bringt: Gelassenheit. Und die beginnt nicht erst mit den grauen Haaren, sie fängt viel früher an. Schon mit 19, als ich plötzlich auf eigenen Beinen stand, kam die erste harte Erkenntnis: Was die anderen sagen, ist nett, aber am Ende musst du mit dir selbst klarkommen. Natürlich willst du gemocht werden. Natürlich willst du dazugehören. Aber irgendwann merkst du: Wenn der Preis dafür ist, dich zu verbiegen, dann lieber nicht.

Das war kein einfacher Weg. Es hat wehgetan, immer wieder. Aber jedes Jahr, das vergeht, schiebt ein weiteres Stück Ballast von dieser Angst nicht gemocht zu werden weg. Du merkst: Du brauchst keine hundert Menschen, die dich feiern. Du brauchst ein paar, die dich wirklich sehen. Und der Rest? Danke, NEXT.

Und noch etwas kommt dazu: Wenn ich morgen draufgehe, bereue ich keinen einzigen Tag. Nicht mal die schlechten. Nicht die Nächte in der Psychiatrie, in denen ich mein Leben nicht mehr mochte. Nicht die Fehler, die mich haben stolpern lassen. Ich habe Menschen wehgetan – und das sind die Entscheidungen, die mir am meisten leid tun. Aber mein Leben? Es war immer meins. Ich war schon früh stur, schon früh eigensinnig, schon früh nicht bereit, mich zu wirklich zu beugen. Das lag an meiner Kindheit: teils offen, teils brutal autoritär. Mit 19 da raus zukommen hat mich eigenmächtig gemacht. Ich habe mein Leben in riesigen Schlucken genommen, manchmal zu viel, und ja – dann habe ich die Konsequenzen getragen. Ich hab gelebt, ich hab geliebt, ich war unterwegs, ich hab mich dem Rausch hingegeben, ich hab mich überhoben, ich hab bereut, ich hab gefeiert, ich hab Chancen ergriffen – manches davon hatte harte Konsequenzen. Aber es war mein Weg.

Ich will nicht wieder 20 sein. Den Körper? Sofort. Aber den Kopf nicht. Mein Kopf war damals noch voller Selbsthass, voller Zweifel, und trotzdem – er war schon meiner. Ich möchte keinen Tag zurück. Keine Entscheidung. Keine Abzweigung. Jede Narbe gehört dazu.

Ich mag mich immer noch nicht besonders, aber heute weiß ich:

Du kannst jeden Menschen loswerden, aber nicht dich selbst. So lebe ich in relativen Frieden mit diesem sturen, anstrengenden, über-reflektierten, exaltierten, aufbrausenden, prinzipientreuen, erfahrungshungrigen Menschen, der ich nun mal bin. 

Und jammere über den Körper, ich brauch immer was zu jammern, sonst fühle ich mich nicht wohl – ich bin deutsch.


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