076 Ein Aufruf zu einer freieren Männlichkeit - Glam Rock Träume

 

Ein Aufruf zu einer freieren Männlichkeit – Glam Rock Träume
Ein persönliches Manifest

Ich bin non-binary im weiblichen Körper, innerlich fühle ich mich eher männlich, aber ich hab keinen Schwanz. Ich habe keine Eier. Dafür ich habe etwas anderes: Ein ganzes Archiv an Musik, Bildern, Körperhaltungen, Gesten und Blicken, die mir gezeigt haben, was Männlichkeit auch sein kann.

Und ich sage: Glitzer war möglich.


Es gab eine Zeit, da standen Männer auf Bühnen, trugen Make-up, Plateaustiefel und hautenge Anzüge mit tiefem V-Ausschnitt. Sie trugen Posen wie andere ihre Meinung – selbstbewusst, laut, lächerlich gut. Sie waren keine Karikatur. Sie waren Stars.
Sweet, T. Rex, Kiss, Slade. Ich mag nicht jeden Song und ich fand manche Klamotten scheußlich. Slade sahen manchmal aus wie ein Unfall zwischen Fasching und Theaterfundus, aber selbst drückt so herrlich "I don't care" aus. Aber andere – Marc Bolan zum Beispiel – waren heiß. Und das sage ich sowohl aus meiner männlichen Perspektive als auch aus meiner weiblichen Seite heraus, denn beides ist in mir da. Ich habe kein eindeutiges Geschlecht, aber ich habe einen sehr eindeutigen Geschmack. Und ich stehe auch auf Männer.

Ich stehe auf lange Haare bei Männern. Ich stehe auf Brustbehaarung. Ich stehe auf Make-up, wenn es getragen wird wie eine Krone. Ich stehe auf Männer im Rock. Ich stehe auf Männer in Kleidern. Aber ich stehe nicht auf Androgynität im klassischen Sinn. Ich stehe auf Männer, die sich etwas trauen. Männer, die nicht fragen, ob sie dürfen. Männer, die stehen bleiben, wenn's glitzert.

Ich glaube, dass die 70er und 80er in all ihrem Glam-Rock-Exzess eine kleine, vergessene Tür geöffnet haben. Eine Tür, durch die Männlichkeit kurz mal frei war. Nicht woke, nicht queer, nicht reflektiert – einfach möglich. Du konntest hetero sein, Mann sein, Make-up und Glitzerfummel tragen und dich geil finden – ohne dass dir jemand dein Begehren oder deine Identität erklären wollte. Es war keine Revolution. Aber es war ein Schlupfloch. Und ich lebe da bis heute drin.

Ich bin kein Glamrocker. Aber ich habe eine ganze Ästhetik im Herzen, die funkelt, kracht und sich nicht schämt. Und genau das ist meine Art, laut zu sagen: Männlichkeit und Glitzer schließen sich nicht aus.

Dieser Aufruf ist genehmigt, abgesegnet und mit Glitzer bestempelt.



Ja, bitte – gebt uns die ungebügelte Schönheit der 70er zurück. Männer mit wallendem Haar, Brusthaar wie Bühnenvorhang, Jeans so eng, dass die Stimme fast kippt, und trotzdem: Haltung. Selbstbewusstsein. Kein Fitnesswahn. Kein Rasierkult. Kein durchchoreografierter „Look". Sondern Körper, die existieren dürfen, aufrecht und unverstellt, mit Haltung, Stil – und vielleicht einem Schal.

Make-up? Optional. Rock oder Kleid? Wäre schön, aber okay, lasst es meinetwegen. Aber gebt uns die Haare zurück. Die langen. Die echten. Die struppigen. Gebt uns Bühnenpräsenz, die aus dem Körper kommt, nicht aus dem Gym. Gebt uns Männlichkeit mit Weite.

Und wer meint, das sei zu viel – kleine Erinnerung:
Meine Haare bleiben auch da, wo sie wachsen.
Wenn ihr's nicht aushaltet, schaut halt woanders hin.

P.S.: Ich meine das ernst, aber mir war auch einfach nach einem angenehmeren Thema, nach dem ich die letzten Wochen mit Schreiben über Sucht und Therapie verbracht habe... da hab ich mir kurz erlaubt zu träumen.


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