068 Warum ich ständig von DBT rede und mich bisher vorm Erklären gedrückt habe

Einleitung – Warum ich über die DBT schreibe

Dialektisch behaviorale Therapie – radikal ehrlicher Erfahrungsbericht mit möglicher alltagspraktischer Anwendung über eine Verhaltenstherapie für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung.

🚨 Triggerwarnung:
Dieser Text enthält Inhalte zu Suchtverhalten, Essstörungen, Selbstverletzungen und suizidalen Gedanken. Bitte nur weiterlesen, wenn du dich aktuell stabil genug fühlst.

Warum ist DBT für mich so wichtig?

Ich schreibe dauernd darüber, ich rede oft darüber, aber ich hab sie nicht ausgeführt bisher, das werde ich nun tun, sehr persönlich und radikal ehrlich.
Als ich zur DBT kam, war ich nicht auf der Suche nach Verbesserung. Ich wollte nicht „wieder leben lernen" – ich wollte leben wollen lernen. Das war mein Therapieziel. Das stand auf meiner Karte. Ich suche sie grad verzweifelt, wenn ich sie finde, wird sie hier eingebaut – vielleicht sogar als Foto. Es war ein existenzieller Zustand.

  Deswegen hab ich mich angemeldet, ein Jahr Wartezeit, eine lange Testung und viele Formalien durchgezogen  – weil es keinen anderen Weg mehr gab

 
Deswegen hab ich mich angemeldet, ein Jahr Wartezeit, eine lange Testung und viele Formalien durchgezogen – weil es keinen anderen Weg mehr gab. Ich habe geatmet, aber nicht gelebt.

Ich war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht im absoluten Notfall – sonst hätte ich gar nicht teilnehmen dürfen. Aber ich war im Überlebensmodus. Und DBT hat mir über die Jahre hinweg geholfen, vom ‚Ich überlebe diesen Tag' zum ‚Ich lebe diesen Tag' zu kommen.

Ich schreibe erst jetzt darüber, weil zwei Dinge passiert sind:
Erstens habe ich mich verändert. Durch das Programm, durch Menschen, durch Studium, durch Schreiben. Ich bin heute jemand, der der sich traut so einen Text zu veröffentlichen. Das war ich noch vor einem halben Jahr noch nicht, schon gar nicht vor 13 Jahren. Und die DBT und alles andere hat mir auf dem Weg dahin sehr geholfen.
Zweitens: Es ist rechtlich und technisch jetzt machbar. Das DBT-Manual ist urheberrechtlich geschützt. Ich darf nichts daraus zitieren, keine Diagramme oder Arbeitsblätter zeigen. Aber ich kann es mit eigenen Worten beschreiben – mit Unterstützung von ChatGPT, das mir hilft, meine Gedanken strukturiert zu formulieren um rechtliche rechtliche Grauzonen zu umschiffen.

Die DBT hat sich so in mein Leben eingeprägt, das ich ein innerliches MMO RPG „Real Life" (MMORPG Massively Multiplayer Online Role-Playing Game, ist ein Online-Rollenspiel, bei dem eine große Anzahl von Spielern gleichzeitig in einer Welt spielen) hab einfließen lassen. Meine Quests in meinem Spiel sind nicht selten DBT-Übungen. Aber dieses Spiel habe ich gesondert ausführlich erklärt in meiner Geschichte: Mein (MMO)RPG "Real Life" ( 🔗 Link im Kommentar)

Warum lohnt sich DBT nicht für „Normalos" oder bei kleineren Problemen?

Weil es ein riesiger Aufwand ist – der sich nur lohnt, wenn es wirklich nicht mehr anders geht oder man zumindest unbedingt was ändern will.
Wenn du das Gefühl hast, du bist nicht mehr Kapitän deines eigenen Schiffs, sondern nur noch Spielball der Wellen – dann kann DBT helfen. Aber nur in Teilen.
Das ganze System ist für Menschen gedacht, deren Persönlichkeit nicht nur angeschlagen, sondern tief zersplittert ist. Deswegen werde ich hier eine abgeschwächte Version liefern, weil ich hoffe nicht jeder in der Leserschaft leidet an einer solchen Persönlichkeitsstörung. Selbst aus diesem Mini-Programm muss sich jeder eigenverantwortlich raus picken was passt.

Aber auch für Leute ohne Persönlichkeitsstörung kann es sich lohnen:
– Bei Suchterkrankungen (habe ich selbst erlebt, beim Alkohol und Jahre später beim Rauchen)
– Bei Menschen, bei denen oft die Gefühle die Handlungsebene übernehmen und die sich Kontrolle
zurückwünschen.
– Bei Entscheidungsschwierigkeiten, Selbsthass, Kontrollverlust

Aber: DBT will dich umbauen. Und das kostet Kraft. Es reicht nicht, die Übungen zu verstehen – du musst sie machen. Du musst neue Denkgewohnheiten einschleifen wie andere Leute das Joggen vor der Arbeit. Und das ist verdammt anstrengend, denn dein Geist wird sich wehren, glaub mir.

Dialektik am Schluss:

Ich weiß nicht, wie es ist, dieses Programm mit nur relativ kleinen Problemen zu machen. Vielleicht ist es dann unerträglich – zu lang, zu mühselig, zu absurd. Vielleicht aber auch leichter, weil der Mensch nicht im Ausnahmezustand lebt und sich regelmäßig ein Kapitel und eine Übung raus suchen kann, ganz entspannt. Vielleicht reicht es, wenn man wirklich was ändern will? Vielleicht muss ein Problem nur genug nerven.

Vielleicht ist alles gleichzeitig wahr.

Warum geht es nicht ohne Übungen?

Weil DBT Verhaltenstherapie ist. Und Verhaltenstherapie heißt: Du musst es tun. Jeder weiß wie verdammt schwer es ist, eine Gewohnheit ändern zu wollen – und immer wieder zurückzufallen. Erst wenn man sich eine Art „Gegengewohnheit"(damit gemeint sind Reaktionen, Gedanken oder Handlungen, die gezielt eingeübt werden, um alte automatische Muster zu ersetzen – oft das Gegenteil davon, was man bisher getan oder gedacht hat.) angewöhnt hat, wird es leichter. Aber in DBT geht es um mehr als Gewohnheiten. Es geht um Grundannahmen. Um Denkgewohnheiten, die tief und teils sogar unbewusst in dir verankert sind und die dich sabotieren. Und die du nur ändern kannst, wenn du sie bewusst umtrainierst.

Es ist wie bei der Zigarette zum Kaffee: Nach fünf Monaten weglassen... fehlt sie nicht mehr.
Und das Gleiche gilt für den Satz „Ich bin dumm." Wenn du ihn oft genug ersetzt durch etwas, das wahrer ist, dann wird er irgendwann leiser.

DBT bringt dir bei, den Moment zu erkennen, in dem dein Autopilot übernimmt – und dann selbst zu entscheiden.
– Nicht automatisch zu denken „Die hassen mich eh."
– Nicht sofort zu glauben „Ich mach es sowieso falsch."
→ Sondern zu merken: Stopp. Das ist ein Gedanke. Kein Fakt.

Und genau das wird geübt. Wieder und wieder.
Es ist unangenehm, weil unsere Hirne lieber eingelaufene – notfalls sogar schädliche – Pfade gehen, als neue Wege zu begrüßen.
Aber es funktioniert.

Warum habe ich es trotzdem gemacht?

Weil ich am Boden war. Ich war wieder bei meiner Mutter eingezogen, hatte nichts mehr, hab gesoffen, hatte keinen Plan. Und dann kam meine Schwester – mit einem Zeitungsinserat. Kein Scherz. Sie hat kaum Internet benutzt, aber dieses Inserat gesehen. Und gesagt: „Das soll gut sein." Ich habe recherchiert. Ich habe mich angemeldet. Und bin in diesem Jahr sogar noch trocken geworden.

Es war viel in diesem Jahr, Formalitäten, stabil werden, trocken werden, umziehen in ein einzelbetreutes Wohnen, Tagesstättenbesuch. Aber ich wusste: So kann ich nicht mehr lang, es muss was passieren.

Mein inneres Grundrauschen war Selbsthass. Ich hab mich im Kopf zerlegt wie der ärgste Feind. Kein Mensch auf dieser Welt hat je so mit mir gesprochen, wie ich mit mir selbst gesprochen habe.
Und das musste aufhören, oder ich hätte aufhören müssen.

Was unterscheidet DBT von anderen Therapien?

Ich habe nie eine andere stationäre Psychotherapie gemacht in sofern wird es ein schiefer Vergleich – aber ich war mehrfach in der Allgemeinpsychiatrie, im BKH Lohr. Auch auf der sogenannten Borderline-Station. Der Unterschied ist krass.

Im BKH
bist du, damit du weiter atmest.
Du kommst nach Suizidversuchen, nach Eskalationen. Du wirst abgeschirmt von der Welt, sitzt viel rum, redest mit anderen, wartest auf irgendwas. Und das ist gar nicht so schlecht. Ich war froh, dort mal „unter" zu sein. Unter der Käse Glocke, die Welt auf „mute". Und die Gespräche mit Mitpatient*innen? Gold wert. Da saßen ungelernte Leute, Erzieher, Hausfrauen, Sozialpädagogen, Pflegekräfte, Künstler, Akademiker, Bandarbeiter – einfach alles. Verschiedene Berufe, verschiedene Lebensentwürfe, verschiedene Herkünfte, verschiedene Realitäten. Auch Privatversicherte waren dabei. Die hatten ein anderes Stockwerk, schliefen in anderen Betten – aber saßen mit uns in denselben Therapien. Eine echte Privatklinik war auch diese Abteilung nicht. Für so was reicht es nicht, wenn du Lehrer bist. Nicht mal, wenn du drei Bäckereifilialen hast, eine gut laufende Kfz-Werkstatt oder eine florierende Gastwirtschaft... . Dafür müsstest du richtig reich sein. Nicht wohlhabend – reich. Also fast alle waren vertreten... gut aus sozialen Berufen gefühlt doppelt so viele wie andere. Die Psychiatrie ist ein Schmelztiegel. Und das hilft. Du siehst: Es kann jeden treffen. Du bist nicht grundsätzlich einfach zu dumm zum Leben, viele kriegen das nicht hin. Es besteht also Hoffnung.

Aber in der DBT
zumindest damals in Nürnberg war das anders. Da bekommst du einen Stundenplan. Zwei Therapien vormittags, zwei nachmittags. Du führst Protokolle. Du arbeitest. Du hast Einzelgespräche, Gruppentherapien, die Module der DBT und noch komplementäres wie Kunsttherapie oder Körpertherapie. Du hast keine Pause vom Leben – doch du bekommst ein System, wie du damit umgehen kannst.

Und das System ist nicht sanft.
Beispiel radikale Akzeptanz:
– Dein Kind ist gestorben? Es ist tot.
– Du hast Diabetes? Das geht nie mehr weg.
– Du leidest deshalb? Ja, das ist nur menschlich. Leb damit!
→ Es geht nicht ums Schönreden. Es geht um klare Realität.
→ Erst wenn du sie anerkennst, kannst du was verändern, oder erkennen das sie unabänderlich ist.

Was hat mich am meisten genervt – und was war am Ende Gold wert?

Ganz klar: Achtsamkeit.
Dieses Wort klingt weich und nett. In Wirklichkeit ist es ein Brecheisen ins Innenleben. In der DBT ist Achtsamkeit keine Ruheübung – sie ist eine Zumutung an deinen Geist.

Wenn ihr euch zum Lesen entscheidet, ihr werdet so viel von Achtsamkeit hören, ihr werdet anfangen das Wort zu HASSEN.
Hier nur ein kleiner Vorgeschmack:
Die WAS-Fertigkeiten heißt exakt wahrnehmen, was der IST-Zustand ist – wahrnehmen, beschreiben (ohne Wertung; versucht das mal!), teilnehmen.
Die WIE-Fertigkeiten bedeuten wie du deine Handlungen ausführen solltest – annehmend, konzentriert, wirkungsvoll.
Und du sollst das Ganze dann auch noch in den Alltag übertragen und prüfen, wie sich Achtsamkeit überhaupt zeigt.

Es wirkt harmlos, aber dahinter stecken endlose Wiederholungen, Übungen und den Widerstand des eigenen Hirns gegen „im hier und jetzt sein" überwinden, den massiven und unerwarteten Widerstand.
„Im Hier-und-Jetzt-Sein" klingt nach Facebook-Spruch – heißt in der DBT aber: alles wahrnehmen – Gedanken, Gefühle, Körper, Sinneseindrücke – und nichts davon bewerten. Kein schön, kein schlecht. Wahrnehmen, beschreiben, teilnehmen, annehmen – und das auch noch konzentriert und wirkungsvoll. Das ist: der Gegenwart ausgeliefert sein. Den Moment leben, wenn er gerade super alltäglich ist. In der Warteschlange. Beim Zähneputzen. (Denkt euch ruhig noch ein paar sadistische Übungen dazu – denen fällt immer was ein.) Mein Hirn hat sich gewehrt – und hatte Recht: So kann man nicht 100 % der Zeit leben. Und Unrecht: Ab und zu so einen Statuscheck zu machen ist enorm hilfreich.

Was sofort geholfen hat, weil es schlicht logisch war. Fast hab ich mich geärgert, dass ich es vorher noch nicht angewendet hatte:
Radikale Akzeptanz: logisch, direkt, wirksam
Pro- und Kontralisten: mittlerweile Standard in meinem Alltag – sogar bei Chipstütenkauf schnell im Kopf
Anti-Craving: Verlangen ist eine Welle. Und man kann lernen, sie auszusitzen.

Andere Module wie Umgang mit Gefühlen oder zwischenmenschliche Fertigkeiten waren schwer zu erlernen, aber ohne diesen Widerstand, der sich bei Achtsamkeit existenziell anfühlte.

Welche Haltung braucht man, um überhaupt etwas daraus zu ziehen?

Die beste Haltung für „Erfolg" ist:
„Es muss sich etwas ändern. Es geht nicht anders."
Nicht: „Ich schau's mir mal an." Nicht: „Ich will ein bisschen was optimieren."
Sondern: „So kann ich nicht mehr."

Zweitbeste Haltung, denke ich:
„Ich will nicht mehr so weitermachen."
Auch das reicht möglicherweise.

Und ganz wichtig:
DBT verändert nicht die Welt.
Nicht deine Eltern. Nicht dein Umfeld. Nicht die Bürokratie.
Du musst bereit sein, DICH zu verändern. In deinen innersten Einstellungen.

Nicht alles. Aber etwas. Und nicht irgendwann – sondern JETZT.

Für wen schreibe ich das?

Für Menschen über 18. Für Leute, die sich wirklich mit diesem Programm beschäftigen wollen – weil sie betroffen sind oder weil sie neugierig sind. Für Menschen mit Borderline. Mit anderen Persönlichkeitsstörungen. Mit Depressionen. Mit Sucht. Mit verzerrter (Selbst-) Wahrnehmung. Mit sozialen Ängsten. Für neuokonforme („normale") Leute, die in manchen Bereichen trotzdem Veränderungsbedarf sehen. Für Leute die einfach neugierig sind was das ist und wie es ist eine DBT zu machen.

Für Menschen, die mündig sind.
→ Wenn du das Programm machen willst, musst du dich dafür entscheiden können.
→ Wenn du kurz vorm Kollaps stehst, mach erst ne Krisenintervention.
→ Wenn du nichts ändern willst oder musst, dann nur aus Neugier lesen.

Ich schreibe es auch für mich, um endlich Ordnung in das zu bringen, was ich seit Jahren mit mir herumtrage.

Und ich schreibe es für ein paar wenige Menschen, die mir in meinem Leben Sätze geschenkt haben, die ich nie vergessen werde – und die trotzdem von mir dauernd hören: „DBT hat mir unfassbar geholfen." ohne das ich in ein paar Sätze packen könnte wie sie das tat.

Jetzt wissen sie's bald.




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