066 Faulheit ist weder schlecht noch gut - genau wie Fleiß
Warum jetzt dieser Text?
Es ist mal wieder so weit: Ich habe seit 5 Tagen nichts veröffentlicht. Und das, obwohl in meinem Wattpad-Ordner mittlerweile zwölf angefangene oder zumindest grob geplante Themen liegen. Ich sammle fleißig, ich sammele Themen wie andere Leute Tankquittungen. Aber veröffentlicht habe ich: nichts. Nicht einen Satz – nicht ein Video – nicht ein Reel. Das ist Prokrastination auf dem klassischen Level: Immer schön alles parat legen, damit es möglichst viel zu tun gäbe, nur um dann wieder was völlig anderes zu tun.
Viele Selbstständige, künstlerisch Tätige, Content Creatoren oder sonstige selbstverwaltete Chaosmenschen kennen das vielleicht. Wenn man sein eigener Chef ist, dann ist man auch sein eigener Peitscher – aber manchmal vor allem sein eigener Saboteur. Da steht niemand hinter mir, der sagt: „Du musst heute noch liefern!" Aber der innere Algorithmus brüllt trotzdem, Tag für Tag: „Wenn du nicht regelmäßig was postest, rutscht du aus dem System. Niemand wird dich lesen. Niemand wird dich sehen."
Und weil ich grad so schön dabei bin, mich vor mir selbst zu rechtfertigen, ist natürlich klar, welches Thema als erstes dran glauben muss: Faulheit. Es ist nicht nur das erste Thema in meinem Ordner – es ist auch das, was mir in den letzten Tagen so penetrant auf der Seele lag wie ein unerledigtes Fahrtenbuch auf dem Schreibtisch vorwurfsvoll mahnt.
Warum hab ich mich eingehend mit Faulheit beschäftigt?
Bis vor wenigen Jahren war „Ich bin halt einfach zu faul" mein Standard-Mantra. Nicht nur in Krisenzeiten, sondern grundsätzlich, immer dann, wenn irgendwas nicht klappte, nicht vorankam, nicht ins Leben passte. Ich habe diese Ausrede so oft heruntergeleiert, dass sie fast schon Gebet war – und ich weiß, dass viele Menschen mit psychischer Erkrankung das ähnlich kennen. Meine damalige Sozialarbeiterin war irgendwann so genervt davon, dass sie mich aufforderte: „Dann halt doch mal ein Referat über Faulheit, wenn das so wichtig ist." Ich habe es gemacht – und viel mehr gelernt, als ich erwartet hätte.
Bevor ich zu meinen eigentlichen Überlegungen komme: Wer depressiv ist, ist nicht faul. Wer depressiv ist, leistet Monsteraufgaben, die für andere aussehen wie banales Duschen. Ich weiß, wie brutal anstrengend es sein kann, nur den Tag zu überstehen, und ich kenne depressive Phasen aus eigener Erfahrung. Das ist nicht das Thema dieses Textes, auch wenn es damals einen großen Teil meiner selbst diagnostizierten „Faulheit" ausmachte.
Mir geht
es um die „Faulheit" außerhalb der Krise. Es gibt bei mir – nie
getestet, aber vielleicht naheliegend – Merkmale von ADS, vielleicht war
ich auch einfach immer ein Träumer. Schon als Kind war ich schwer aus
meinen Phantasien und Tagträumereien zu holen. Die Familie hat das
regelmäßig moniert und erwähnt es manchmal noch heute, wie Familien das
eben tun (hab euch lieb Leute!), und natürlich dachten alle, das gibt
sich im Erwachsenenalter. Hat es aber nicht. Heute weiß ich nicht
einmal, ob das krankhaft ist oder einfach mein Charakter. Es ist mir
auch egal. Ich bin ein Träumer. Und ich liebe es, mich zu verlieren – in
Kontemplation, in Tagträumen, in gedanklichem Umherwandern oder
fokussiert und teils schriftlich über ein Thema zu reflektieren. Das ist
kein Defizit. Für mich persönlich jedenfalls ist es eine Quelle von
Kreativität, Selbsterkenntnis und manchmal auch Ausgleich. Nur: Für die
Gesellschaft ist selbst das bereits verdächtig. „Faulheit" wird gern
jedem unterstellt, der nicht pausenlos etwas produziert, schafft,
erledigt. Kontemplation war mal eine Tugend – in religiösen Kontexten,
bei Philosophen, in Klöstern. In unserer Gegenwart ist Arbeit die
Religion, Erwerbsarbeit das höchste Gut. Solange jemand fleißig war,
kann ein Satz wie: „Er*sie hat zwar [..], aber er*sie war immer
fleißig.", mit beliebigen Schrecklichkeit ergänzt werden.
Fleißig
und ordentlich musst du auch sein, wenn du nur einen Hauch anders als
die Mehrheit bist. Bist du queer, BPoC oder einfach ein schräger Kauz,
dann sei am besten sehr sichtbar, sehr fleißig, dann werden sie die
Fackeln und Forken vorerst noch nicht holen. Wirst du arbeitsunfähig,
wird neu verhandelt!
Es gibt Faulheit die schadet und Faulheit die zerstört – doch Fleiß kann auch beides
Wichtig ist mir: Tagträumen, Versenken, Kontemplation, Reflexion – das alles ist für mich kein Problem, kein Defizit, keine negative Faulheit. Für die meisten Menschen da draußen, vor allem im Arbeitskontext, ist es aber genau das. Das ist der erste fatale Irrtum: dass Träumer automatisch faul und Faulheit per se schlecht ist. Träumer können eine Bereicherung sein. Sie sind oft reflektiert, kreativ, empathisch. Aber sie stehen ständig unter dem Generalverdacht, „nutzlos" zu sein, was eine der beiden schlimmsten Verurteilungen in der Gesellschaft zu sein scheint: „Ich hab ja nix gegen [hier Randgruppe einfügen], solange sie fleißig und ordentlich sind.". Darin steckt eine Drohung: „... wenn nicht, dann...".
Gibt es den Teil der Faulheit, den ich selbst als pathologisch bezeichnen würde? Ja. Prokrastination. Nicht Kontemplation, nicht Tagträume, sondern das aktive Ausweichen vor Aufgaben, das endlose Aufschieben, das Vermeiden von Verantwortung, obwohl ich eigentlich genau weiß, was zu tun wäre. Prokrastination ist bei mir lange Zeit so ausgeprägt gewesen, dass sie mich imens gebremst hat – und ich kämpfe bis heute dagegen. Ich bin weit gekommen, aber es ist nie ganz weg.
Aus
dem kreativen Teil meiner Faulheit allerdings ist irgendwann mein
sogenanntes „Wissens-Fangkörbesystem" entstanden: Wenn man als Träumer
in der modernen Welt überleben will, muss man Prozesse optimieren. Nicht
sich selbst optimieren – das ist eine Sackgasse für wirklich faule
Menschen, jedenfalls für mich, das halte ich nie durch. Sondern das
Drumherum optimieren. Ich habe Jahre darauf verwendet, Arbeitsabläufe,
Wissenserwerb, soziale Aufgaben so zu gestalten, dass sie möglichst
wenig Zeitverluste und Nervenverluste erzeugen, zum Beispiel hilft mir
da mein „RPG Real Life"
In Bezug auf den Wissenserwerb ist dieses Fangkörbesystem für mich entstanden, aber das wird ein eigener Text werden.
Es ist eine Eigenart, die ich für grundlegend menschlich halte: Faulheit ist häufig die Mutter der Innovation. Die meisten Programme, Werkzeuge, Routinen und im Endeffekt sogar dieses riesige Projekt KI sind nicht entstanden, weil jemand besonders fleißig sein wollte – sondern weil jemand keinen Bock mehr hatte, etwas immer wieder mühsam zu machen. Die Grundhaltung lautet: Wie schaffe ich mir das Leben möglichst angenehm? Und das ist keine Schwäche, sondern in vielen Bereichen eine Voraussetzung für Fortschritt.
Faulheit im Arbeitskontext ist deshalb nicht per se destruktiv oder konstruktiv. Es gibt faule Menschen, die Prozesse so weit optimieren, dass die ganze Firma profitiert. Es gibt aber auch faule Menschen, die einfach Arbeit auf ihre Kollegen abwälzen. Und genauso gibt es fleißige Menschen, die enormen Schaden anrichten, wenn sie ohne Sinn und Verstand loswurschteln. Fleiß wie Faulheit sind keine positiven oder negativen Werte an sich – sie sind Eigenschaften. Der Wert entsteht durch den Umgang damit.
Ein kleiner Einschub: Damit klar wird das Fleiß allein kein Wert ist. Man kann ein Auto acht Stunden lang mit Scheiße polieren, fleißig und sehr emsig – es bleibt ein miserables Ergebnis, egal wie fleißig man war. Fleiß ist nur dann ein Wert, wenn er auf ein sinnvolles Ziel gerichtet ist. Das gleiche gilt für Faulheit: Sie ist nicht automatisch schlecht. Entscheidend ist, was man daraus macht.
Und heute?
Zwei, drei Jahre nach dem Referat saß ich zum ersten Mal bei einer niedergelassenen Psychologin in Therapie. Begeistert war ich nicht. Ich hatte mir eine systemische oder tiefenpsychologische Begleitung gewünscht, aber es wurde – mangels Angeboten - eine Verhaltenstherapeutin – zu einer Zeit, als ich schon genug von Verhaltenstherapie zu haben glaubte, ich irrte (nicht nur wegen des folgenden Lernerfolgs, aber das DBT-Kapitel ist wegen Prokrastination noch nicht geschrieben). Damals kämpfte ich immer noch mit depressiven Verstimmungen und diesem ganz eigenen, unangenehmen Grübelmodus, den vermutlich fast jeder Depressive kennt: Versinken, aber ohne Erkenntnis, nur Kreisen, nur Schmerz.
Und
dann kam ein fast schon banaler Vorschlag von ihr, wie ihn nur
Verhaltenstherapeuten machen: „Geben Sie sich doch einfach jeden Tag
eine Stunde Worry-Time. Wenn nichts Wichtiges ansteht, setzen oder legen
Sie sich hin, und erlauben Sie allen Sorgen, zu kommen. Wälzen Sie sie
von allen Seiten, lassen Sie sie toben, aber nach einer Stunde klingelt
der Wecker – und dann machen Sie mit etwas anderem weiter."
Am
Anfang fand ich das albern, irgendwie mechanisch, und wenig hilfreich.
Aber es war das erste Mal, dass mir jemand ausdrücklich die Erlaubnis
gab, Faulheit – oder zumindest das scheinbar sinnlose Grübeln, das
Nichtstun, das Nicht-Weitermachen – als Teil des Tagesplans einzubauen.
Das war mein Einstieg ins Erlauben von Faulheit. Denn ich fing wieder an
meine Gedanken aufzuschreiben, ich machte Checklisten in der
Worry-Time. Wie könnte ich das Problem, dass ich wälzte tatsächlich
angehen? Was wäre der Worst Case? Würde ich den aushalten? Wisst ihr was
passierte? Ich fing an meine Probleme anzugehen. Würde ich Angst haben?
Würde ich mich schämen? Würde mich vielleicht jemand weniger mögen? Ist
das der Worst Case? Halte ich den aus? JA! Dann auf in den Kampf,
Torero!
Ich gönne mir immer noch Zeiten zum „einfach denken", obwohl ich nicht mehr depressiv bin und keine Grübelneigung mehr habe.
Mein Fazit:
Träumer sind kein Problem. Prokrastination kann eins sein. Fleiß ist kein Wert für sich. Faulheit ist auch keiner. Entscheidend ist, was man daraus macht – für sich, für andere, für das System, in dem man lebt.
Und den Wert von Menschen nach Nützlichkeit einzuteilen, ist schnell in der Nähe von sehr gefährlichen Gedanken.
Und jetzt du:
Ich
schreibe diese Zeilen nicht, weil ich eine perfekte Antwort auf das
Thema Faulheit habe, sondern weil ich weiß, wie viele von uns damit
kämpfen – oder einfach anders damit umgehen.
Mich interessiert: Wie
geht ihr mit Faulheit um? Wie unterscheidet ihr zwischen Müßiggang,
Prokrastination und echter Erschöpfung? Was hat euch geholfen, euch
nicht über euren Output zu definieren?
Erzählt eure Geschichte, teilt eure Tricks, schreibt, wie ihr (nicht) mit dem inneren Richter umgeht. Kommentiert, widersprecht, ergänzt, teilt eigene Beispiele oder Denkanstöße – ich bin gespannt auf eure Perspektiven.
Der Text ist keine letzte Wahrheit. Lasst uns die vielen Versionen von Faulheit zusammenlegen – vielleicht ist dann am Ende einer klüger als allein.

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