Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

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Die komplette Chronologie am Stück



Kapitel 1 – Bevor es mich gab 

Meine Eltern haben sich noch als Kinder auf einem Bauernhof kennengelernt, weil sie beide arbeiten mussten. Die Nachkriegszeit kannte da keine Gnade. 

Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits geprägt von einer Kindheit, die ich mir nur schwer vorstellen kann, obwohl ich sie oft erzählt bekommen habe. Sie wurde 1940 geboren, mitten in den Krieg hinein, und ihre frühen Erinnerungen handeln von Dunkelheit im Keller, von Angst, von nicht den Radiosender einstellen dürfen und von Erwachsenen, die selbst Angst hatten. Ihre Eltern waren überzeugte, ich denke das kann ich so sagen, Nationalsozialisten, die Erziehung war hart, autoritär, durchdrungen von der schwarzen Pädagogik jener Zeit. Hunger, körperliche Arbeit schon als Kind, auch schon früh fast und dann komplett den ganzen Haushalt führen, und auch Misshandlungen, all das gehörte zu ihrem Alltag. 

Sie liebte aber auch Bücher, Kino, Musik (besonders Rock ‚n’ Roll) und das Tanzen. Und das war für sie wie auch für uns später sicher ein Baustein unserer Widerstandskraft. 

Mein Vater wurde 1935 geboren, war zu jung, um noch in den Krieg eingezogen zu werden, aber alt genug, um dessen Folgen unmittelbar zu tragen. Seine Mutter starb früh an Krebs, sein Vater kurz nach dem Krieg, vermutlich an einer Methanolvergiftung (Selbstgebrannter mit dem „falschen“ Alkohol) und er und seine Geschwister wurden auf verschiedene Pflegefamilien verteilt, von denen nicht alle Orte waren, an denen Kinder gut aufgehoben sind. Er lief schließlich davon, setzte sich auf ein Fahrrad und fuhr etwa 200 km zu einer seiner Schwestern, weil Weggehen in diesem Fall die einzige Möglichkeit war, irgendwo anzukommen. 

Landwirt zu werden war für ihn keine Notlösung, sondern genau das was er tun wollte. Er wollte Landwirt sein, er blieb es auch, später im Nebenerwerb, und zwar nach einer Logik, die wenig mit moderner Agrarindustrie zu tun hatte, sondern eher mit einer sehr alten, beinahe vormodernen Vorstellung von Landwirtschaft: Tiere haben Bedürfnisse, Kühe fressen Gras, Kälber trinken Milch, und am Ende isst man die Kuh. Ohne Ideologie, ohne Romantisierung, ohne spirituellen Überbau. 

Meine Eltern mochten sich anfangs nicht besonders. Rock’n’Roll und Tanzen brachten sie einander näher. 

Sie heirateten 1960, trotz Widerständen, insbesondere von meiner Großmutter mütterlicherseits, die einem Bauer ohne Land, ohne Glauben und ohne klare gesellschaftliche Verortung wenig abgewinnen konnte. Mein Vater ließ sich taufen, nicht aus innerer Überzeugung, sondern um meine Mutter heiraten zu können. 

Die Ehe, die daraus entstand, war keine heile. Sie war geprägt von Machtkämpfen, von Abhängigkeiten, und gleichzeitig von einer Form von Pragmatismus, die vieles möglich machte, was damals unüblich war. Mein Vater gab meiner Mutter früh eine Bankvollmacht, drängte sie, den Führerschein zu machen, bestand darauf, dass sie landwirtschaftliche Geräte bediente, Traktor fuhr, Verantwortung übernahm, nicht aus einem emanzipatorischen Ideal heraus, sondern weil es den Alltag erleichterte. Er vertraute ihrem Geschmack, auch bei Büchern, und las, was sie aus der Bibliothek mitbrachte. Sie hielten einander aus, trugen ein gemeinsames Leben, ohne dabei wirklich heil zu werden. 

Sie bekamen 11 Kinder, aus unterschiedlichen Motiven heraus. Meine Mutter wollte immer viele Kinder, mein Vater viele helfende Hände für die Landwirtschaft. Vier dieser Kinder starben, Verluste, die für alle Eltern kaum zu schaffen sind, auch für meine eigentlich viel zu viel. 

1974 verlor mein Vater bei einem Autounfall seinen linken Arm, ein Unfall, an dem er nicht vollständig unverschuldet war. Er ging damit trotzdem auf eine Weise um, die mich tief beeindruckte. Er trug kaum eine Prothese, zeigte die Behinderung offen, ging so ins Schwimmbad, an den FKK-Strand, beantragte selbstverständlich seinen Behindertenausweis und machte kein Geheimnis daraus. Vielleicht, weil ihm das Konzept von Scham nie besonders zugänglich war, vielleicht auch, weil er sich selbst immer als jemand sah, der ohnehin nicht ganz in die Ordnung der Dinge passte. Er arbeitete weiter, machte später noch seinen Meister, und als ich geboren wurde, bezeichnete er mich scherzhaft als sein eigentliches Meisterstück. 

Meine Eltern arbeiteten viel, sparten, bauten ein Haus, betrieben Landwirtschaft im Nebenerwerb, lebten sparsam, naja meist eher geizig, mit einem hohen Maß an Eigenleistung und wenig Schonraum füreinander oder uns. Es gab keine romantische Vorstellung von Familie, aber es gab Verbindlichkeit. Niemand wurde verleugnet, niemand wurde ausgegrenzt, niemand wurde verschwiegen. 

Als ich geboren wurde, war meine Mutter 41 Jahre alt. Niemand hatte mehr mit einem weiteren Kind gerechnet. Ein Arzt hatte ihr Angst gemacht, von möglichen Behinderungen gesprochen, von Nicht-Lebensfähigkeit, von Risiken, die man ihr eindringlich vor Augen führte. Sie entschied sich trotzdem, dieses Kind zu bekommen, nicht aus Trotz und nicht aus Naivität, sondern aus ihrer eigenen ethischen Haltung heraus, die sie ihr Leben lang begleitet hat. 

Die Geburt war schwer. Und dann war ich da. Alle Werte lagen bei zehn. Meine Mutter ließ den Arzt, der ihr so Angst gemacht hatte, wecken um noch einmal messen, noch einmal prüfen. Alles war gut. 

In diese Konstellation bin ich hineingeboren worden. Zwei Menschen mit beschädigten Biografien, mit großer Härte und großer Pragmatik, mit Überlebensstrategien, die funktionierten, aber ihren Preis hatten.Eine Familie, die mit damals schon 7 Kindern, lange vor mir gelernt hatte, wie man zerbricht und trotzdem weiter geht, manchmal mit Pathos, aber ohne Pause. 

Bevor ich da war, war all das schon da.


Kapitel 2 – Kindheit inmitten von Arbeit, Tieren und Verantwortungsbereichen

Ich bin in eine Familie hineingeboren worden, in der Zuständigkeiten keine pädagogische Entscheidung waren, sondern sich schlicht aus der Anzahl der Menschen, der Menge an Arbeit und der begrenzten Zeit ergaben. Es gab viele Kinder, es gab die Nebenerwerbslandwirtschaft mit den Tieren, es gab einen Alltag, der funktionieren musste, und es gab Eltern, die selbst nie gelernt hatten, dass Kindheit ein geschützter Raum sein könnte. Entsprechend war auch meine eigene Kindheit weniger ein Schonraum als ein Mitlaufen, ein Dabeisein, ein Hineinwachsen in etwas, das längst in Bewegung war, bevor es mich gab. 

Aufgezogen haben mich nicht in erster Linie meine Eltern, sondern vor allem meine Geschwister. Besonders meine älteste Schwester T und mein Bruder E waren früh Verantwortungspersonen für mich, später auch meine Schwester S und mein Bruder J. Sie haben mir Dinge beigebracht, die meist eher Eltern beibringen: laufen, reden, lesen, schreiben, rechnen, sich orientieren, sich schützen. Sie haben auf mich und meine kleine Schwester aufgepasst, sie haben vermittelt, sie haben schlicht übernommen, weil jemand übernehmen musste. Das war gleichzeitig heroische Leistung UND Alltag. Und für mich war es normal, dass Nähe, Sicherheit und Anleitung teilweise eher von Geschwistern kamen als von den Erwachsenen, die formal dafür vorgesehen gewesen wären. 

Meine Mutter war und ist tatsächlich körperlich recht anfällig. Sie musste geschützt werden, nicht wir. Migräne bedeutete absolute Ruhe, und das hieß hieß, dass zwei Vorschulkinder lautlos zu spielen hatten, stundenlang, ohne Rücksicht darauf, ob das zumutbar war. 

Ihre häufig ausgesprochenen Suizidgedanken trugen zusätzlich zu unserer Angst um sie bei. 

Und gleichzeitig war da diese andere Seite: ihre Fantasie, ihre Liebe zu Geschichten, zu Musik, zu Kino, zu Büchern, die sie uns mitgab das war der Teil von Mutterschaft, den sie wirklich meisterlich beherrschte. Sie ist super im familiären Legenden bilden. 

Mein Vater war auf andere Art schädlich und Vorbild gleichzeitig. Er war da, körperlich präsent, laut, bestimmend, oft cholerisch, und jemand, vor dem man sich in Acht nahm. Seine Ausbrüche waren unberechenbar, seine Stimmung schwankte, und obwohl seine Trinkphasen weniger belastend für mich waren als seine nüchternen, war er als Figur immer eine, die man im Blick behalten musste. Schutz kam nicht von oben nach unten, sondern seitlich. Meine Geschwister waren es, die sich zwischen uns „Kleine“ und ihn stellten, wenn es nötig war, die vermittelten, ablenkten, entschärften. 

Meine Großmutter mütterlicherseits lebte dreizehn Jahre mit im Haus und verschärfte die Spannungen zusätzlich. Die hing immer noch der Ideologie ihrer Jugend an und ist von allen Menschen die ich kenne, derjenige der am ehesten das Adjektiv „böse“ verdient zu haben scheint. Auch wenn es, wie bei jedem, auch bei ihr biografische Erklärungen gab. Für ihre Taten gibt es keine Entschuldigungen, weder die an unserer Mutter, noch die, die sie uns Geschwistern antat. 

Die Tiere der Nebenerwerbslandwirtschaft waren ein fester Bestandteil dieses Systems, kein romantisches Beiwerk, sondern Arbeit, Verantwortung und Realität. Tiere sind Charaktere, aber sie hatten auch eine Funktion. Man kümmerte sich um sie, man respektierte sie, manchmal mochte man sie, man streichelte sie und man aß sie. Das war kein Tabu, sondern Teil eines Kreislaufs, den niemand erklären musste. Für mich bedeutete das, früh zu lernen, dass Leben wertvoll ist und gleichzeitig endlich, dass Fürsorge und Härte sich nicht ausschließen, sondern oft gleichzeitig auftreten. Diese Ambivalenz hat mich geprägt und mir sogar geholfen früh zu verstehen dass zwei Sachen gleichzeitig wahr sein können. 

Kindheit bedeutete bei uns spielen in der Scheune und Rückzug in Geschichten und Musik, aber auch sehr viel Mithelfen, Zuschauen, Dabeisein. Ich erinnere mich an Gummistiefel die im Matsch feststeckten, an Heu machen, an schwere Arbeit, an Situationen, in denen ich körperlich anwesend war, innerlich aber schon begann, mich wegzuträumen, in Geschichten, in Fantasien, in Gedankenwelten, die mir erlaubten, da zu sein und gleichzeitig nicht da zu sein. Diese Fähigkeit, sich innerlich auszublenden, habe ich nicht später gelernt, sie entstand genau hier, zwischen Gummistiefeln, Regen, Kälte, Sonnenbrand und dem Wissen, dass man noch lange nicht fertig ist, auch wenn man müde ist. 

Gleichzeitig war unsere Familie keine, die sich nach außen schämte. Es gab Konflikte, es gab Geldstreitigkeiten, es gab Vorwürfe, es gab auch Unausgesprochenes, aber es gab kein Schweigen über das, was war. Niemand tat so, als wäre alles in Ordnung, und niemand verlangte von mir, etwas zu verstecken. Diese Offenheit hat mir später geholfen zu erkennen das jede Lüge und jedes sinnlose Beschönigen einfach unnötige Kraft kostet. 

Ich war ein gefallsüchtiges Kind. Ich wollte senden, ich wollte gesehen werden, ich wollte gehört werden, und gleichzeitig schämte ich mich für fast alles, was mich ausmachte. Diese Spannung, zwischen dem Bedürfnis nach Ausdruck und der Angst vor Sichtbarkeit, zog sich durch meine gesamte Kindheit und Jugend und wurde nicht aufgelöst, sondern nur verfeinert. Schon damals war klar, dass ich es nicht aushalten würde unauffällig zu leben, selbst wenn ich es wollen würde.


Kapitel 3 - Du bist überflüssig

Ich erinnere mich an meinen ersten Schultag. Ich sah die Buchstaben an der Wand, erkannte fast alle und dachte: „Das wird gut!“. Dann bekamen wir Sitzplätze und ich wusste schnell: „Das wird auch Hölle!“. Man sollte sich einen Platz suchen. Die anderen Kinder wussten offenbar, wohin sie gehörten, sie bewegten sich mit einer Selbstverständlichkeit, die mir fehlte. Ich war nicht im Kindergarten gewesen, kannte die unausgesprochenen Regeln nicht. Ich kam neu dazu und spürte zum ersten Mal, was mich seit dem begleitet: „Du bist hier nicht willkommen“. 

Dass ich dort saß, war nicht von Dauer. Ich wurde umgesetzt, zwischen die Jungs. In diesem Alter ist das keine neutrale organisatorische Entscheidung, sondern eine weitere Markierung als „nicht passend“. Niemand sprach mit mir, aber die Botschaft war klar. 

In den Pausen wich ich aus, nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Überforderung. Ich wusste schlicht nicht, wie man Anschluss findet, und mein Rückzug machte den Ausschluss nur noch endgültiger. 

Später erfuhr ich, wie sie mich nannten: „Psycho“. Ich nehme ihnen das heute nicht einmal übel. Kinder analysieren nicht was abweicht, sie etikettieren. Und ich war abweichend. Still, stolz, stur, nach Regeln handelnd, die aus einer Familie kamen, die einfach sehr anders aufgebaut war als ihre eigenen. 

Eine Anekdote die mein anders sein gut beschreibt und mir später sogar von dem darin erwähnten Klassenkameraden noch mal erzählt wurde: 

In der dritten Klasse hatten wir Werkunterricht. Wir sollten einen Holzschmetterling bemalen. Meiner gefiel mir nicht. Er war schief, unausgewogen, falsch, irgendwas gefiel mir nicht, was weiß ich nicht mehr. Also warf ich ihn weg. Ein anderes Kind holte ihn aus dem Müll, gab ihn ab und bekam eine Drei. Ich gab nichts ab und bekam eine Sechs. Ich hatte nichts gemacht, was ich als mein Werk anerkennen konnte. Ich habe nie Dinge abgegeben, die meinen eigenen inneren Maßstäben nicht entsprachen, nur um dafür gelobt zu werden. 

Faul war ich auch, durchaus. Aber unfassbar neugierig und begierig darauf die Welt und die Menschen zu verstehen. Dazu später aber noch mehr. 

Der Unterricht selbst war für mich immer ein guter Ort. Dort wurden Dinge erklärt. Dort ging es nicht darum, wie ich aussehe oder wie schnell ich bin, sondern darum, ob ich etwas verstehe. Ich liebe es auf Fragen richtig zu antworten, liebte es, wenn ich Zusammenhänge verstand, wenn ich Logiken in der Welt erkannte. Die Pausen waren das Gegenteil. Ich war schräg, still, sozial unbeholfen, und ich wusste, dass es nicht nur an den anderen lag. 

Ich tat mir also schwer damit Freunde zu finden und freundete mich so mit einer speziellen Gruppe Außenseiter im Dorf an: den Lehrerkindern. So entstand in mir der Gedanke aufs Gymnasium zu wollen, als Erster unserer Familie.

Dann fiel dieser Satz. Von einer Lehrerin, deren Namen ich bis heute nicht ausspreche. „Was willst denn du auf dem Gymnasium? Von euch war doch noch nie jemand da.“ Ich sagte nichts. Ich habe mir diesen Satz gemerkt. Ich merke mir solche Sätze immer und sie erzeugen Sturheit.

Meine Noten reichten nicht. Meine Lehrerin half nicht. Meine Mutter war unsicher, vorsichtig, vielleicht auch müde. Aber ich konnte schon damals reden, wenn es mir wichtig war. Ich überredete sie. Nicht manipulativ, sondern beharrlich. Also ging ich zur Aufnahmeprüfung für ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Nicht dort, wo meine beste Freundin war, sondern bewusst woanders. Ich wollte nicht ihr Anhang sein.

Und plötzlich ergab vieles Sinn. Die Inhalte waren klar, strukturiert, nachvollziehbar. Regeln, an denen man sich entlangdenken konnte eine erkennbare Ordnung für mein Wissen. Ich war gut genug, vielleicht sogar gut. Aber ich gehörte trotzdem nicht dazu. Nicht die richtigen Bücher. Nicht die richtigen Filme. Nicht die richtige Musik. Nicht die richtige Sprache. Nicht das richtige Zuhause. Eher ein interessantes Tier im Zoo als ein Mitschüler. Wieder wurde mir gezeigt: "Du bist nicht richtig.".

Also beendete ich es. Zuerst erklärte ich es, dann machte ich klar dass ich freiwillig oder gezwungen runter gehen werde. Ich gab leere Seiten ab. Irgendwann verstanden es alle, meine Mutter, deren Freunde, die Lehrer. Man muss nicht immer schreien, um gehört zu werden.

Sport lief parallel zu all dem. Ich begann früh mit dem Turnen, mit sechs oder sieben, offiziell als Mannschaftssport. Inoffiziell war es ein System aus Wertungen, bei dem die zwei schlechtesten Ergebnisse gestrichen wurden. Ich war immer eines davon. Ich war Teil der Mannschaft und zählte gleichzeitig nicht. Ich war da, ich trainierte, ich machte mit, und mein Dabeisein hatte dennoch keinen Effekt. Und lernte: „Du bist hier überflüssig.“ 

Schulsport war noch mehr Qual. Schon in der Grundschule war klar, dass ich schlecht war. Ich konnte keinen Purzelbaum, ich war langsam, ungelenk, immer der Letzte, der gewählt wurde. Nicht nur aus sozialen Gründen, sondern schlicht aus Logik. Man wählt die, die funktionieren. 

Nach dem Turnen kam die Wasserwacht. Ich war etwa zwölf. Wieder Training, wieder Wettkämpfe, wieder Letzter. Es war nicht mehr nur mögliches Scheitern, es war erwartetes Scheitern. Ungefähr zu dieser Zeit sagte meine beste Freundin AM zu mir: „Du warst in der Turnmannschaft? Das kann ich mir bei jemandem so Plumpem wie dir gar nicht vorstellen.“ Das war nicht der Anfang meiner verzerrten Körperwahrnehmung, aber es war ein Schnitt. Ein Satz, der etwas fixierte, was vorher diffus gewesen war. Ab da war mein Körper nicht mehr nur nicht leistungsfähig genug, sondern zu fett, um teilzunehmen. 

Später kam das Reiten. Ich wollte nie auf Turniere, ich lernte jahrelang einfach nur reiten. Doch irgendwann hieß es, ich sei gut, also stellte ich mich noch einmal einem Wettkampf. Es lief eigentlich gut. Meine Stute war ruhig, ich war konzentriert. Ich wurde Letzter. Das war mein letztes Turnier, mein letzter Wettkampf überhaupt. 

Gleichzeitig wurde mein Körper immer muskulöser. Durch die Arbeit in der Landwirtschaft, durch Reiten, durch Schwimmen. Ich war stark, zäh, belastbar. Und ich fand mich furchtbar dick. Ich wog mit siebzehn, achtzehn Jahren etwa fünfzig Kilo bei 1,68 Meter. Und dennoch ein plumper Klotz, den niemand je wollen könnte, in meinen Augen damals. 

Und dann gibt gibt es noch diesen Raum, der einen eigenen Abschnitt verdient hätte: die Umkleide. Ich hatte nie die richtigen Klamotten. Alte Jogginghosen, nichts, was gut aussah. Meine Familie war groß, mein Vater geizig, Sportkleidung nie Priorität. Dazu kam die Angst vor Geruch, vor Schweiß, vor der Kennzeichnung als ungepflegt. Und mit Beginn der Pubertät wurde dieser Raum endgültig schlimmer als der Sport selbst. Ich hatte keine Begriffe. Ich wusste nur, dass ich dort nicht sein sollte. Nicht dort, aber auch nirgendwo anders. Ich wusste, dass ich dort drüben bei den Jungen noch weniger passen würde. Ich war ein Wolf im Schafspelz, und mir war das auch ohne Begriffe bewusst. 

All das lief zusammen, nicht als große Ursache, sondern als viele kleine tägliche Bestätigungen. Als ich den Sport schließlich aus meinem Leben strich, wurde es schlagartig leichter, noch bevor ich irgendetwas verstanden oder benannt hätte. Erst viel später begriff ich, dass der Sport mich nie verbunden hatte. Er hatte mir keinen Halt gegeben. Für andere mag das anders sein. Für mich war er ein Ort, an dem ich sehr früh lernte nicht ausreichend zu sein um zu zählen. 


Kapitel 4 – Sich den Ängsten stellen 

In der Schule war ich also stets sehr isoliert und fand keinen wirklichen Anschluss. 

Mit siebzehn traf ich eine Entscheidung, die rückblickend absurd und folgerichtig zugleich war. Ich war schüchtern, unsicher, voller Scham, sozial unbeholfen und gleichzeitig jemand, der reden wollte, senden wollte, gesehen werden wollte, und genau deshalb entschied ich mich für eine Ausbildung, in der man mit Menschen zu tun hat, im direkten Kontakt, im Verkauf, im Gespräch, im Blickfeld anderer. 

Nicht, weil mir das lag, sondern weil mir klar war, dass die Gefahr bestand nur zu lernen wie man Kontakte aufbaut. 

In meiner Familie war klar, dass man einen Handwerksberuf lernt, etwas „Gescheites“, etwas, das trägt. Ich entschied mich für die Augenoptik, aus Leidenschaft für Brillen und weil sich dort mehrere Dinge trafen, die ich mir zutraute: präzises Arbeiten, technische Zusammenhänge, Strahlengänge, Mathematik, die mir später noch Probleme machen sollte, und eben der Verkauf, das Gespräch, das Aushalten von Blicken, Erwartungen, Fragen fragen stellen. Von diesem zweiten Teil war mir völlig bewusst, dass ich mich in die Hölle schickte. 

Ich wusste damals allerdings noch nicht, dass man das was ich habe Dyskalkulie nennt, ich wusste nur, dass Zahlen mir nicht gehorchen, aber ich wusste auch, dass ich lernen kann, wenn Strukturen klar sind. 

Die Berufsschule war Blockunterricht in Nürnberg. Für ein Dorfkind mit siebzehn war das eine andere Welt. Großstadt, fremde Menschen, andere Codes, andere Selbstverständlichkeiten… Futter für meine Neugier. Ich lernte dort auch meine Cousine besser kennen, die schon länger in der Stadt lebte, kulturell erfahren war und mir Dinge zeigte, ohne sie mir erklären zu müssen. Es war eine erste Ahnung davon, dass ich mich ohne die soziale Kontrolle im Dorf besser fühlte. 

Der Verkauf selbst war kein Rollenspiel, keine Maske, die man einfach aufsetzt, sondern eine Form von Begegnung, die mich zwang, präsent zu sein. Ich konnte mich nicht verstecken, nicht wegträumen, nicht innerlich ausblenden, ohne dass es sofort auffiel. Also lernte ich. Nicht aus Talent, sondern aus der Angst nie Anschluss zu finden heraus. 

Mein Chef war geduldig, die Berufsschule fordernd, die Schulungen oft hart, aber klar. Es gab Regeln, Abläufe, Gesprächsstrukturen, an denen ich mich entlanghangeln konnte. Ich machte Fehler, und ich machte weiter. 

Diese Zeit war anstrengend. Ich habe viel geweint, war oft überfordert, wütend auf mich selbst, erschöpft von dem ständigen Über-sich-hinaus-Müssen. Aber ich bin im Endeffekt nicht gescheitert. Ich habe diese Ausbildung abgeschlossen. Und etwas für mich lebenswichtiges gelernt: dass Angst kein Kriterium dafür ist, ob man etwas tun darf, sondern der Preis dafür es zu tun. Ich habe meine Unsicherheit nicht überwunden, sie ist bis heute mein täglicher Begleiter, aber ich habe gelernt, mich trotz ihr zu bewegen. 

Rückblickend war das eine der härtesten und zugleich hilfreichsten Entscheidungen meines Lebens. Mir etwas zuzumuten, was unglaubliche Angst ausgelöst hat, nicht um mich zu optimieren oder zu „reparieren“, sondern um handlungsfähig zu sein. Später habe ich viel über Kommunikation gelernt, aus Fachbüchern, aus Psychoedukation, aus Therapie, aus Studium, aus Begegnungen, aber der Grundstein lag hier, in dieser frühen Entscheidung, nicht darauf zu warten, dass Angst verschwindet, sondern sondern mitten rein zu stechen. 

Diese Entscheidung beendete die einsamste Zeit meines Lebens und ab da begann ich mal vernünftig und mal verzweifelt an meinen sozialen Fähigkeiten zu arbeiten. 


Kapitel 5 – Funktionieren bis zum Zerbrechen

Alkohol war nichts Besonderes. Er gehörte einfach dazu. Auf dem Dorf, in meiner Generation, war es normal, spätestens mit fünfzehn, sechzehn am Wochenende zu trinken. Wenn man zusammen saß, trank man. Wer nicht trank, fiel eher auf als jemand, der es tat. Für mich war Alkohol von Anfang an Selbstmedikation. Er machte Gespräche leichter, senkte die Anspannung, ließ mich weniger darüber nachdenken, wie ich wirke, ob ich passe, ob ich falsch bin. Andere Menschen mögen mich lieber, wenn ich nicht nüchtern bin.

Während der Ausbildung blieb das so. Trinken war etwas für Wochenenden, für Situationen, in denen man unter Menschen war. Wenn ich aus irgendeinem Grund nicht trinken konnte, wenn ich mit anderen zusammen war fühlte ich mich unwohl.

Das änderte sich nicht abrupt, sondern schleichend. Mit dem Abitur auf der Berufsoberschule begann eine Phase, in der mein Leben insgesamt enger wurde. Zur Schule waren es 60 km einfach, ich pendelte lange Strecken, hatte wenig Zeit, hohen Leistungsdruck und kaum Erholungsräume. Es war nur ein Jahr, aber es war ein Jahr ohne Puffer. Außerdem war ich damals in einer Freundesgruppe in der sehr viel getrunken wurde und ich somit nicht auffiel. Und langsam begann sich etwas zu verschieben. Alkohol war nicht mehr nur Wochenendsache. Er tauchte unter der Woche auf, zunächst vereinzelt, dann regelmäßiger. Nicht als Absturz, sondern als Mittel um sich milder wahrzunehmen und auch zu wirken.

Nach dem Abitur kam die nächste große Entscheidung: das Studium. Ich hielt lange an der Idee fest, etwas Technisches zu studieren, etwas „Gescheites“, etwas mit Hand und Fuß. Ingenieurwesen schien mir logisch, konsequent, respektabel. Ich wälzte Studienführer, suchte nach etwas, das zu mir passen könnte, und entschied mich schließlich für den Studiengang Umweltschutz in Bingen am Rhein. Das Studium passte zu meiner Herkunft, zu dem, was ich über Landwirtschaft wusste, über Kreisläufe, über Verantwortung gegenüber dem, was lebt. Es passte zu meinen Werten und zu dem Umfeld, in dem ich mich damals bewegte. Ich glaubte, dort richtig zu sein.

Was ich unterschätzte, war der Preis. Die mathematischen Anforderungen waren hoch. Thermodynamik, Strömungslehre, Statistik. Spätestens wenn ich ein Integral sehe, klinkt sich mein Kopf aus. Ich fiel durch Prüfungen, bereitete mich erneut vor, fiel wieder durch. Erst lebte ich von BAföG, dann ein KfW Studienkredit. Unterstützung durch meine Familie kam nicht in Frage, auch aus innerer Logik heraus nicht. Niemand meiner Geschwister hatte studiert, niemand hatte finanzielle Hilfe wegen einer Ausbildung bekommen, und ich wollte nicht der eine sein, der sie in Anspruch nimmt. Scheitern war für mich keine Option, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus einer tief verankerten schrägen Vorstellung von Selbstachtung.

Der Druck wuchs. Mit jedem nicht bestandenen Versuch wurde das Studium weniger ein Weg und mehr ein Beweisstück meines Versagens. Jeder aus meiner Familie, jeder der mich kannte sagte: "Anne, du schaffst das schon." Sie meinten es aufmunternd, aber diese Worte bei jedem nur ganz schwach geäußerten Problem nahmen mir dann auch von außen die Möglichkeit scheitern zu dürfen.

Alkohol begleitete diese Zeit immer selbstverständlicher. Er war kein Exzess, sondern Bestandteil des Alltags. Ein Mittel, um weiter zu funktionieren, um nicht stehen zu bleiben, um das Gefühl von Versagen zumindest kurzfristig zu überdecken. Ich sah keine Alternative, die mich handlungsfähig gehalten hätte.

2009 war klar dass es wenig Aussicht gab, das Studium jemals erfolgreich zu beenden und keine jemals ein brauchbarer Ingenieur zu werden. Ich hatte mein Leben in meiner damaligen Denkweise komplett an die Wand gefahren. Alles, worauf ich gesetzt hatte, war gescheitert. Es gab in meinem Denken keinen ehrenvollen Ausweg mehr, keinen Weg, der mein Gesicht vor mir selbst gewahrt hätte. Ich wollte nicht mehr leben. Nicht aus Impulsivität, nicht aus einem kurzen Zusammenbruch, sondern aus der Überzeugung heraus, dass ich mein Recht auf Existenz verwirkt hatte. Dass meine Art, Leben zu führen, Denken zu organisieren, Probleme zu lösen zum unentschuldbaren Scheitern geführt hatte.

Der Suizidversuch war das Ende dieser Anne. 


Zwischenkapitel  6 – Warum ich es überhaupt bis 2009 geschafft habe

Latente Suizidgedanken hatte ich etwa seit meinem elften oder zwölften Lebensjahr. Akute mal mehr und mal weniger häufig. 2009 war ich siebenundzwanzig Jahre alt. Man könnte ausrechnen, an wie vielen Tagen ich mich in diesen Jahren nicht umgebracht habe. Man könnte die Tage berechnen, an denen ich mich bewusst oder unbewusst gegen den Suizid entschieden habe, aber auch so wird klar: Es hat Gründe gegeben, die mich am Leben hielten.

Einer dieser Gründe war meine Liebe zu Musik, Geschichten, Filme, Games und Fantasie. Bei uns war das erlaubt. Lesen war nicht nur geduldet, sondern erwünscht. Bücher standen überall, Kino war nichts Verruchtes, Musik nichts Verdächtiges. Man durfte sich für Dinge begeistern, auch für seltsame. Ich habe Bücher verschlungen, Filme aufgesogen, Serien geliebt, Welten gebaut und bewohnt, die mir sagten, solange du dein Innen hast bist du immer frei. Popkultur ist für mich kein Zeitvertreib, sondern ein Denkraum. Orte, an denen ich sein durfte, ohne bewertet zu werden. "Star Trek" lies mich von einer Utopie träumen in der Verstand und Ethik regieren, die "Unendliche Geschichte" erzählte mir das Phantasie an sich ein Wert ist und das jede Entscheidung ihren Preis hat, "Das fünfte Element" erzählte mir schrillbunt, cool durchchoreografiert die uralte Botschaft "Liebe rettet die Welt". Nur Bullettime in Matrix war NOCH cooler inszentiert als der Kampf zu "The Diva Dance" und Matrix sagte gleich: "Vielleicht ist alles nicht real, du kannst es nie wissen.". Warum Phatasie also gering schätzen, dann kam "The Sixth Sense" mit SPOILER "Vielleicht bist du schon tot". 

Die Welt ist unendlich wenn man träumt.

Meine Neugier auf das Funktionieren der Welt holte mich immer zurück in die Realität und lies mich in ihr bleiben. Wissen war für mich immer auch Schutz und zwar in zweierlei Hinsicht, erstens nimmt Systemverständnis Ängste vor der Welt und solange ich noch nicht verstanden hatte, wie die Welt funktioniert, wollte ich nicht gehen. "Das hier ist spannend. Warum ist das so?" Dieses Denken hat mich gehalten, oft gerade so.

Ein weiterer, sehr zentraler Punkt war das, was wir in meiner Familie über Verantwortung gelernt haben. Du kannst alles tun. Du musst nur mit den Konsequenzen leben können. Das klingt frei, und in Teilen war es das auch. Niemand hat uns moralisch erpresst, niemand mit Liebesentzug gedroht. Entscheidungen waren erlaubt. Aber sie waren gültig. Verantwortung war kein abstrakter Begriff, sondern etwas, das man körperlich spürte. Das hat mir später eine enorme Prinzipientreue gegeben. Ich breche meine eigenen Prinzipien nicht, selbst wenn es mich viel kostet. Gleichzeitig hat genau dieses System bei mir etwas Gefährliches erzeugt: eine Null-Fehler-Toleranz mir selbst gegenüber. Wenn ich etwas nicht sofort verstand, nicht sofort konnte, hasste ich mich dafür. Ich habe gegenüber keinem Menschen so wenig Geduld wie mir selbst gegenüber. Das ist kein Charakterzug, das war ein inneres Dogma.

Und dann war da Alkohol. Alkohol war in meiner Welt früh positiv besetzt. Mein Vater war umgänglicher, wenn er getrunken hatte. Freundlicher. Erträglicher. Und ich habe sehr früh gemerkt, dass das bei mir genauso funktioniert. Betrunken bin ich sozialverträglicher. Die Leute mögen mich mehr. Nüchtern bin ich anstrengend, nicht nur für andere, auch für mich. Alkohol war für mich kein Reiz, sondern eine Selbstmedikation. Ab dem Dorfjugendalter normalisiert, später systematisch genutzt. Das war der dunkelste dieser Gründe, der destruktivste, und der Alk ist seit dem eine Bedrohung, wenn auch über 13 Jahre nach der Entscheidung für mich und gegen den Alkohol nicht mehr so unmittelbar. Aber er hat vorher funktioniert. Und bei jedem zwischenmenschlichen Problem, bei jedem nicht schlafen können ist die kleine Stimme da: "Du weißt was jetzt 'helfen' würde!"

All diese Dinge zusammen haben ein System gebildet, das mich überleben ließ. Es war kein gutes System. Es war wackelig, hart, selbstzerstörerisch. Aber es hat getragen. Und ich glaube heute: Hätte ich das Studium irgendwie geschafft, wäre dieses System noch eine Weile weitergelaufen. Mit noch mehr Selbsthass, noch mehr Überforderung, noch weniger Ich. Diese Ressourcen waren real. Sie waren keine Ausrede und kein Beweis von Stärke. Sie haben nicht gereicht. Dass es 2009 zerbrochen ist, war furchtbar, es war der Tod der Person die ich war, aber notwendig.


Kapitel 7 Gewogen, gemessen und als nicht gut genug befunden

TRIGGERWARNUNG!

Ich hatte also noch nicht mal das geschafft... nicht mal mich selbst aus dieser Welt nehmen bekam ich hin. Versager - einfach nur ein Versager, in einfach allem. Nun saß ich hier in der Psychiatrie unter Tavor, schaffte es nicht mal zu lesen, ich der Bücherfresser, aber mir ging es einigermaßen okay, mir war ziemlich alles egal, Tavor ist echt ne Scheißegal-Pille, man fühlt nicht mehr, man kann noch ein bisschen denken durch Watte. Ich war da, die Welt war draußen, ich war drin und ich war zum ersten Mal seit vielen Jahren glücklich, weil ich Ruhe vor der Welt hatte. 

Es gibt zwei Menschen, die mir direkt nach dem Suizidversuch 2009 geholfen haben zu überleben und denen ich immer noch sehr dankbar bin. Aber es hinterließ immer so ein bisschen ungesagt: "Was hast du uns nur angetan?". Auch bei meiner Familie war das zu spüren, weil das gesellschaftlich völlig normal ist zu sagen, der Suizidversuch, das ist das Egoistischste, was ein Mensch tun kann. Das hört der Suizidale ja oft genug, während er noch lebt und plant und er weiß das alles und entscheidet sich dennoch an einem Punkt: "Ja, ich hab die lieb, aber ich kann nicht mehr." 

Ich hab mich nicht umbringen wollen um jemandem weh zu tun, ich hab mich umgebracht weil ich nicht leisten konnte was die Welt von mir wollte. Ich wollte nur Ruhe damals, keine Rache.

Aber jetzt war mein schlechtes Gewissen groß genug um eine Weile mein Lebensretter und mein Folterknecht zu sein. Ich exmatrikulierte mich was mir auch bei aller gigantischen Scham über das Scheitern eine kleine Erleichterung schaffte, aber Studienkredit und moralische Schuld dem Partner gegenüber ließen mich schnell in einer Zeitarbeitsfirma anfangen zu arbeiten. Ich dekompensierte recht bald, mein Partner machte mir einen Antrag, weil wir dann die Krankenkasse von mir nicht mehr bezahlen hätten müssen. Das alles war zuviel, ich landete wieder in der Klinik, danach in der beruflichen Reha.

Während ich dort war, starb mein Vater und obwohl es dessen erklärter Wunsch war, dass meine Mutter Alleinerbin wird, obwohl ich das Erbe ausschlug... musste meine Mutter meinen Pflichtteil an den Bezirk bezahlen. Nicht meine Schulden bei der KfW und BAföG, sondern weil ich krank und damit nutzlos auch für den Staat war, hatte der Staat ein Recht auf mein Erbe. In meiner Familie erleichterte das meinen Stand nicht gerade.

Innerlich steigerte das alles meine Abwertung von "ich bin nutzlos" auf "ich bin ein Schaden für den Staat, die Gesellschaft, meine Freunde und meine Familie".

Irgendwann war ich wieder egoistisch genug und versuchte erneut mich zu töten...

Und versagte erneut...

Dann flog ich wegen zu vielen Einweisungen während des Aufenthalts als "nicht rehafähig" aus der Reha, bekam volle Erwerbsminderungsrente. Ich war also nun mit Bestätigung "nutzlos" und musste der Welt demütig begegnen, die mir gönnte zu atmen...

Und zurück zu meiner Mutter ziehen, denn von meinem Partner hatte ich mich getrennt. Sie hatte damals gerade ihren Mann verloren (mein Vater, aber in dieser Zeit hatte ich nicht das Gefühl dass sie und ich um den selben Mann trauerten) und war somit seit 49 Jahren das erste Mal allein. Ihr ging es dreckig, sie trank zu viel, sie sprach ihn in Erzählungen quasi heilig, sie sprach auch manchmal von Suizidgedanken. Wie es mir ging habe ich ja beschrieben. Sagen wir es so: Wir taten uns nicht gut.

Aber sie brachte mich zur Selbsthilfegruppe einmal die Woche. Meine Schwester S gab mir einen Satz über meine Selbstverletzungen mit, die ja fast immer Selbstbestrafungen waren: "Würdest du jemand anderen genau so hart bestrafen?". Meine Schwester H setzte bei mir einen kleinen Keim mit dem Satz: "Anne, sei immer lieb zu dir, dann ist immer wenigstens ein Mensch lieb zu dir.". Alle meine Geschwister die damals noch lebten besuchten mich in der Klinik. Meine Schwester T fand eine Zeitungsanonce über die DBT-Therapie, weil sie sich schlau gemacht hatte was helfen konnte. 

Die Worte meiner Familie waren manchmal hilfreich und manchmal hart, ihre Taten manchmal nicht das was geholfen hätte, aber sie sind selber alle in einem gnadenlosen Leistungssystem aufgewachsen, gesellschaftlich und familiär. Meine Familie hat nicht immer posivtive Einflüsse auf mich gehabt, aber mich nie im Stich gelassen.

Zurück zur Zeitungsanonce, dadurch meldete ich mich im Klinikum Nord zur stationnären Verhaltensherapie: Dialektisch Behaviorale Therapie nach Marsha M. Linehan an. Auf die werde ich gesondert eingehen.

Allerdings hieß das ein Jahr Wartezeit und es war mir klar dass ich das so nicht überlebe und zumindest das schien ich ja allen schuldig zu sein. Durch die Beratung beim sozialpsychiatrischen Dienst kam ich in eine Tagesstätte für Suchterkrankungen. Dass ich zuviel trank und mich damit medikamentierte war mir zu dem Zeitpunkt schon klar. 

Nicht wirklich bewusst war mir, dass ich bereits körperlich abhängig war. In der Tagestätte sollte ich 4 Stunden am Tag bleiben... ich hielt sie nicht durch ohne zittern und schwitzen. 

In mir gingen Gedanken los: 

Willst du immer bedüdelt sein? 

Willst du dein eigentliches Ich immer betäuben? 

Willst du dass der Alkohol dein Leben bestimmt?

Willst du selbst verschwinden um zu überleben?

Nein - Nein - Nein - NEIN

Also "Nein - Nein - Nein"? 

Ok, du bist hier in einer Tagesstätte, deren Thema auch Suchterkrankungen sind, du stehst jetzt auf mit deinem Tremor und klopfst am Büro des Chefs ob jemand da ist und Zeit hat und DU SAGST WAS SACHE IST! Keinen Rückweg lassen, Flucht nach vorn.

Ich werde es meiner Mutter sagen. HEUTE NOCH! Ich werde Sachen packen und morgen auf Entgiftung gehen. Wenn ich meiner Mutter sage, wissen es alle in meiner Familie und ich kann nie wieder entspannt auf Familienfeiern trinken. Mach die Fluchtwege dicht, lass dir keinen Rückweg!

Ich war damals 29 Jahre alt, die Vorstellung nie mehr zu trinken war gruselig, besonders weil ich für party-hard bekannt war. 

Noch gruseliger war allerdings:

- Nie wirklich klar denken können

- Mein eigentliches Ich (das sozial ungeschickte) stets betäuben

- der Alk als Bestimmer im Leben

Das war die Entscheidung - ICH oder der ALKOHOL. Nur einer konnte herrschen, ich entschied mich für mich...

... sagte es meiner Mutter und ging am nächsten Tag auf Entzug, direkt vom Entzug zog ich in die stationär betreute Wohneinrichtung, die zur Tagesstätte gehörte.

Und mit dieser Entscheidung für mich und gegen meine Passung in die Gesellschaft (alle mögen mich lieber wenn ich betrunken bin, mich selbst inklusive) war der allererste eigene Schritt getan auf einem sehr langen Weg der Aussöhnung mit mir selbst.

Es war die Geburtsstunde eines wichtigen Prinzips von mir: 

"Wenn der Preis dafür ich zu sein ist, dass ich einsam bin, dann zahle ich ich ihn."


Kapitel 8 Ich hab mich für mich entschieden - Wie halte ich mich nur aus?

Im letzten Kapitel habe ich beschrieben, dass ich mich für mich selbst entschieden habe. Dieses Kapitel beginnt danach. Nicht mit einem Neuanfang, sondern mit der Frage, wie ich es überhaupt aushalten kann, ich selbst zu sein. Ich war zu diesem Zeitpunkt trocken. Die Abwesenheit von Alkohol machte alle meine sozialen Schwächen und Ängste sichtbarer. 

Ich wohnte ja nun in einer betreuten Wohneinrichtung. Parallel bekam ich zum ersten Mal eine gesetzliche Betreuung. Zwei unterschiedliche Dinge, die mir auf unterschiedliche Weise geholfen haben. Das betreute Wohnen brachte Struktur in meinen Alltag und gab mir soziale Kontakte vor denen ich mich nicht so schnell blamieren konnte, die gesetzliche Betreuung nahm mir Verantwortung ab, die ich damals nicht tragen konnte. 

In dieser Zeit begann auch die DBT-Therapie in Nürnberg. Ich war mehrfach dort, jeweils für einige Wochen. Die DBT war mehr als nur wichtig für mich, aber sie war nicht angenehm. Vor allem Achtsamkeit fiel mir extrem schwer. Im Moment zu bleiben, ohne Ablenkung, ohne Ausweichen, steckte mein Nervensystem in Brand, ich hielt mich selbst kaum aus. Ich habe das nicht gemacht, weil ich überzeugt war, sondern weil ich am Ende war. Auf meiner DBT-Zielkarte stand nicht, dass ich leben will. Dort stand: "Ich will lernen, leben zu wollen". Mehr war zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt nicht drin. Ich wollte mein Leben und mein Denken so weit anpassen, dass es erträglich würde. Mein eigentlicher Antrieb war damals kein Lebenswille, sondern das Wissen, dass ich es meiner Familie nach zwei Suizidversuchen nicht noch einmal antun konnte. Und das Wissen, dass ich das in diesem Zustand nicht auf Dauer durchhalte.

Was mir an der DBT geholfen hat, waren vor allem die logischen Elemente. Dinge, die man nicht schönreden oder glauben muss, sondern anwenden kann. Pro- und Kontralisten zum Beispiel, nicht nur für akute Impulse, sondern generell für Entscheidungen im Leben, inklusive emotionaler Kosten und Gewinne. Oder radikale Akzeptanz: Dinge, die passiert sind oder die ich nicht ändern kann, als Realität anzuerkennen, ohne mich dafür zusätzlich zu verurteilen. Auch die dialektische Haltung war hilfreich: Zwei widersprüchliche Dinge können gleichzeitig wahr sein. Ich konnte mich selbst ablehnen und mich trotzdem um mich kümmern. Ich konnte nicht schuld sein und trotzdem Verantwortung für mein Weitergehen übernehmen. Das war kein philosophisches Konzept für mich, sondern eine praktische Entlastung.

Neben der Therapie lebte ich im betreuten Wohnen und besuchte eine Tagesstätte. Die Tagesstätte war kein besonderer Ort und schon gar kein Paradies. Sie war bürokratisch, niedrigschwellig und pragmatisch. Man musste Anträge stellen, Bögen ausfüllen und wurde nach Betreuungsschlüssel eingeteilt. Aber genau dieser Pragmatismus gab mir das Gefühl ein Recht zu haben hier zu sein und die minimalen Anforderungen waren Gold wert. Man durfte da sein, auch wenn man nicht leistungsfähig war. Manche saßen dort einfach, tranken Kaffee und redeten. Und auch das hatte seinen Wert. Für mich bedeutete die Tagesstätte vor allem Tagesstruktur. Ich war meist in der Küche, vier Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Gemüse schneiden, Kartoffeln schälen, vorbereiten, mit anderen zusammenarbeiten. Es war Arbeit, aber ohne Überforderung. Wenn ich einmal nicht konnte, war das kein Drama. Niemand erwartete Begeisterung oder Fortschritt. Es reichte, da zu sein. Diese Form von Arbeit hat mir sehr gut getan, auch wenn sie manchmal genervt hat. Sie war gangbar, und das war entscheidend.

In dieser Zeit war ich auch mit SH zusammen. Wir hatten uns in einem Forum kennengelernt und uns gegenseitig Halt gegeben. Das funktionierte eine Weile, hörte aber auf zu funktionieren, als ich anfing, mich weiterzuentwickeln und mehr Zeit außerhalb dieser engen Struktur zu verbringen. Als ich später wieder zu studieren begann, wurde klar, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse hatten. Ich trennte mich schließlich. Das war schmerzhaft, aber folgerichtig.

Ein prägender Moment dieser Jahre war ein Gespräch mit meiner damaligen Sozialarbeiterin im betreuten Wohnen. Ich hatte mir ständig vorgeworfen, faul zu sein und deshalb massiv abgewertet. Sie forderte mich auf, mich ernsthaft mit Faulheit zu beschäftigen. Was sie bedeutet, woher sie kommt, was sie sein kann. Ich tat das und hielt sogar ein kleines Referat darüber. Dabei hörte ich auf, Faulheit automatisch als moralischen Makel zu betrachten. Faul zu sein bedeutete ab diesem Moment nicht mehr, als Mensch defizitär zu sein. Es wurde zu einer Eigenschaft, die man anschauen und einordnen kann. Dieser Blickwinkelwechsel war wichtig. Er passte rückblickend auch zu dem Bild, das ich schon länger von mir hatte: Frederik die Maus, der keine Vorräte sammelt, sondern Geschichten, Wärme und Eindrücke. Jahre später entwickelte sich daraus mein Schreiben hier, sogar mit Texten über Faulheit (066 Faulheit ist weder schlecht noch gut - genau wie Fleiß, 067 Wissensfangkörbe - der faule Generalist baut vor).

Nach der Entscheidung in diesem Leben bleiben wollen zu lernen und der Entscheidung das als ich selbst zu tun und nicht vom Alkohol gedämpft, lernte ich in diesen Jahren langsam es mit mir selbst auszuhalten und zu erkennen wo mein eigener innerer Kritiker und destruktive Grundannahmen saßen.


Kapitel 9 Es ist, wie es ist
Die Manie und das Danach

2015 zog ich nach Aschaffenburg. Ich begann mein Studium der Sozialen Arbeit und trennte dann mich von SH und landete schließlich in einer Stadt, die ich immer schon liebte und die für die nächsten zehn Jahre mein Lebensmittelpunkt werden sollte. 

Ich hatte mich von einem Menschen getrennt, der mir Halt gegeben hatte und startete in eine neue Lebensphase. Nach einer kurzen Zeit in einer betreuten WG zog ich von den unschönen Zuständen dort zu Zero, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre kannte, in den ich mich aber Hals über Kopf verliebt hatte. Er war dann sehr lange krank geschrieben, wegen Depressionen und übernahm quasi den kompletten Haushalt, noch nie in meinem Leben wurde ich derart verwöhnt. Privat war es eine ruhige, schöne Zeit.

Im Studium forderte ich mich sehr, begann mich auch noch in der Hochschulpolitik zu engagieren. Aber das alles fraß mich auf. Ich weiß nicht wie groß der Einfluss von Stress auf das kommende war, aber ich denke unwichtig dafür war es nicht.

In dieser Zeit rutschte ich in die schwerste manische Phase meines Lebens. Ich war schon früher manisch gewesen, aber nie in dieser Intensität. Diese Phase blieb lange unbehelligt, weil ich nach außen harmlos wirkte. Ich war friedlich, sprach viel über Achtsamkeit, saß im Park und sah wortwörtlich dem Gras beim Wachsen zu. Ich redete ruhig, freundlich, verbindlich. Was niemand sah: Für mich war das alles real. Ich hörte Stimmen. Keine Bilder, aber klare akustische Halluzinationen. Ich hatte Wahnvorstellungen, Größenideen, eine absolute Gewissheit über Dinge, die nicht überprüfbar waren. Ich war überzeugt, alle Sprachen zu sprechen. Ich hielt mich für einen außergewöhnlich großen Künstler. Geld auszugeben fühlte sich nicht riskant an, sondern folgerichtig. Meine innere Welt war geschlossen, logisch, vollständig. Es gab keinen Zweifel, nur Ordnung.

Zero war der erste der verstand, dass ich so gar nicht in Ordnung war, ich sagte dann sehr schlimme Sachen zu ihm.

Erst als diese Ordnung nach außen hin brüchig wurde, kam ich in die Klinik. Dort wurde ich medikamentös eingestellt. Die Manie klang langsam ab. Nicht an einem Tag, nicht in einem Moment. Sie sickerte weg. Und mit jeder zurückkehrenden Klarheit kam etwas anderes nach vorne: Scham.

Als ich die Klinik verließ, war ich nicht mehr manisch. Ich war auf einem normalen Level. Funktional. Und voller Schuld- und Schamgefühle. Ich zog bei Zero aus, weil zu viel zwischen uns passiert war.

Mein gesamter innerer Raum war von Schuld und Scham besetzt. Ich begann, meine Gedanken zu überprüfen, meine Aussagen, mein Verhalten. Ich sah mit klarem Kopf, was ich getan hatte, wie ich gewirkt hatte, was ich verloren hatte. Das Studium war gescheitert. Meine Beziehung war gescheitert. Wieder einmal scheitern auf ganzer Linie. Und es gab Dinge aus der Manie, die nicht rückgängig zu machen waren. Die Manie selbst war nicht der schlimmste Teil. Die Scham über die Taten war das Schlimmste.

Aus diesem Zustand heraus begann ein Jahr, das von außen ruhig wirkte und innerlich vollständig von Vorbereitung bestimmt war. Ich sammelte Medikamente. Nicht hektisch, nicht impulsiv, sondern konsequent. Ich schrieb einen Abschiedsbrief. Handschriftlich. Ich ergänzte ihn immer wieder, über Monate hinweg. Es war kein Ausdruck von Verwirrung, sondern von Überforderung durch das eigene Versagen. Ich schämte mich nicht, weil mir alles egal war, sondern weil mir alles wichtig war.

Etwa ein Jahr nach dem Abklingen der Manie versuchte ich, mich mit diesen gesammelten Medikamenten umzubringen. Dieser Suizidversuch brachte mich körperlich am nähesten an den Tod. Ich wachte im Akutkrankenhaus auf, zunächst verwirrt, später klarer, entubiert, mit Katheter, unter Beschluss. Und erst als ich wirklich wieder bei mir war, kam der eigentliche Bruch.

In diesem Zustand beendete ich die Sinnsuche. Nicht trotzig, nicht verzweifelt, sondern pragmatisch. Ich strich jede Vorstellung von einem Danach. Kein Jenseits, kein Ausgleich, kein Paradies, keine Hölle. Es gibt nur diesen einen Durchgang. Dieses eine Leben. Also jetzt oder gar nicht. Und wenn es nur dieses eine Leben gibt, dann muss ich lernen, es für mich erträglich zu machen, so wie ich bin. 

Einige Wochen später begann ich mit Lithium. Nicht sofort, weil die Nieren nach der Überdosierung erst Zeit brauchten. Als es dann begann, geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte. Lithium regulierte nicht nur die manischen Spitzen. Es nahm etwas weg, das seit meinem elften oder zwölften Lebensjahr konstant da gewesen war: die latenten Suizidgedanken. Nicht den Wunsch, tot zu sein in akuten Krisen, sondern diesen täglichen Hintergrundgedanken, ohne einen speziellen Auslöser, dass Nicht-Sein eine Option sei. Nach ein paar Wochen Lithium war dieser Gedanke weg.

Zu diesem Zeitpunkt war alles da. Ich hatte DBT gelernt, hatte therapeutische Strukturen, hatte Sätze meiner Familie, an denen ich mich halten konnte. Ich hatte beschlossen, dass Sinn keine Voraussetzung mehr ist. Ich hatte akzeptiert, dass es kein Danach gibt. Und ich hatte ein Medikament, das diesen dauernden inneren Abgrund stillgelegt hatte.

Ich war startklar. Und ich startete.


Kapitel 10 Ich arbeite besser mit mir selbst zusammen

Nach dem Wirken des Lithiums kam ich zurück in meine Wohnung. Ich lebte wieder allein, mitten in Aschaffenburg, in der Innenstadt. Corona kam in die seit 2015 nie wieder ganz beruhigte Welt, doch nun demonstierten durchschnittliche Leute, Alt-Hippies usw. mit offensichtlich Rechten und propagierten Verschwörungserzählungen. Ich blieb als politischer Mensch in der Welt, doch dann kam Anfang 2022 der Angriff Russlands. 

Ich hatte jahrzehntelang in einem inneren Dauerlärm gelebt, und jetzt, wo das permanente „Ich will sterben“ weg war, war mir die Welt ein Stück weit egal. Wenn sie die Rechten wollen, wenn ein Weltkrieg entsteht, dann sollen sie es haben. Ich wollte endlich mit mir selbst klar kommen und mich nicht dauernd mit Schwachsinn beschäftigen, nur weil meine Mitmenschen einer Massenpsychose verfallen waren.

Ich kannte mich nur als jemand, der sterben will, und wusste nicht, wie man lebt als jemand, der nicht mehr sterben will. Dieses Wissen war kein Fortschritt, sondern Überforderung. Leben fühlte sich weiterhin unerträglich an, nur ohne den Fluchtgedanken. Ich musste lernen, mit mir zu leben, ohne den Notausgang. Das war kein romantischer Prozess. Es war Arbeit.

Also zog ich mich Anfang 2022 zurück, ich konsumierte keine Nachrichten, keine sozialen Medien, keine politischen YouTubeVideos. Ich spielte Spiele, schaute Streams, später auch das nicht mehr. Ich las, auch Fanfiction, nichts Großes, nichts Bedeutungsvolles. Ich träumte vor mich hin. Ich war allein mit mir selbst. Und erst da merkte ich, wie groß mein inneres Widerstreben mich zu 100% auszuhalten war. Achtsamkeit war für mich nie Wohlfühlkram gewesen, auch in der DBT nicht. Mich selbst wahrzunehmen mit voller Aufmerksamkeit, ohne Ablenkung, war eine der schwersten Übungen überhaupt. Aber ich wusste, falls ich noch viel Leben vor mir habe, muss ich das lernen, falls nur wenig wollte ich es erlebt haben.

Dieses Jahr nenne ich mein Schneckenhausjahr (002 Mein Jahr im Schneckenhaus). Nicht, weil es gemütlich war, sondern weil ich mich in mich zurückzog, um nicht zu zerbrechen am Außen. Ich lernte, mit mir zusammenzuarbeiten. Nicht mich zu lieben, nicht gut zu finden, sondern zu akzeptieren. Ich stellte fest, dass dieser Mensch, den ich so lange gehasst hatte, kein Monster war. Ich bin anstrengend, widersprüchlich, schwierig, ja. Aber jemand, mit dem man arbeiten kann. Also erreichte ich ein Arbeitsverhältnis mit mir selbst. Und das ist viel mehr als das womit ich nach Jahrzehnten des Selbsthasses gerechnet hatte..

Anfang 2023 endete diese Phase nicht freiwillig. Meine Mutter brach sich den Oberschenkel. Plötzlich war ich wieder in der Welt, nicht vorbereitet, aber das Leben fragt nicht. Ich funktionierte erst einmal. Zusammen mit meinen Geschwistern regelte ich Dinge, half bei Papierkram, bei Alltäglichem. Und dann kam der Punkt, an dem sie mir etwas nicht vorschlug, nicht bat, sondern anordnete. Sie war zu diesem Zeitpunkt in der Kurzzeitpflege und erklärte einfach dass nach Hause gehen ja klappen würde, weil ich ja wie immer jede Woche zu ihr komme und ich ihr beim Duschen helfen würde. 

Schon im Zug nach Hause wusste ich, dass ich das nicht tun würde. Noch bevor ich wieder in Aschaffenburg ankam, schrieb ich in die Familiengruppe. Ich beschrieb, was passiert war, und sagte klar: Ich ziehe mich zurück. Ich fahre nicht mehr zu ihr. Und meine Geschwister (die einzigen Menschen die überhaupt verstehen können wie es mit unserer Mutter ist) hielten zu mir. Obwohl es für sie Mehrarbeit bedeutete. Mein Bruder E rief mich an und sagte: Bleib bei deiner Wut. Das war kein Wendepunkt. Das war ein Beweis, dass ich zu mir stehen durfte, dass auch andere diesen Menschen "ich" als wertvoll genug erachten, dass dieser Mensch auch mal eigene Bedürfnisse über die von anderen stellen darf.

Ich sagte Nein. Und dieses Nein hielt. Anderthalb Jahre lang. Keine Antworten auf Briefe, keine Reaktionen auf Nachrichten. Ich blieb bei mir und ich verlor mich dabei nicht. Ganz im Gegenteil, zum ersten Mal in meinem Leben setzte ich eine Grenze nach außen, ohne innerlich daran zu zerbrechen. Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich komme mit mir klar. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei, aber mit genug Respekt vor mir selbst.

Danach stürzte ich mich ins Leben, ich hatte und habe immer noch Angst vor einem Zivilisationsbruch, aber keinen Grund mehr das Leben nicht auszuhalten. Ich wollte einen großen Happen von der Welt, ob sie nun unterging oder nicht. Ich fing selbst an zu streamen, und Content zu machen um mich mitzuteilen. Ich fing an auf p****.de und auf Joy zu streamen um das brodelnde Leben zu spüren und ein wenig Bewunderung einzusacken. Beides klappte gut. Und als ich im Oktober 2023 Pete kennenlernte, begann ein neuer Raum. Eine neue Aushandlung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hier endet diese wichtigste Lektion für mich:
Ich werde mich selbst nie los, also arbeite ich mit mir zusammen an einem erfüllten Leben.


Kapitel 11 LEGENDARY

Und dann komme ich zur größten Herausforderung meines bisherigen Lebens. Nicht Krankheit, nicht Einsamkeit, nicht der Wunsch zu sterben, sondern Liebe. Ich habe mich in einen Menschen verliebt, der in fast allem nicht zu mir passt, weder in seinen Vorstellungen davon, was Beziehung ist, auch nicht in seinem Umgang mit Emotionen, noch in dem, was er für richtig hält und was nicht. Und doch war da von Anfang an etwas, das sich nicht ignorieren ließ. Etwas, das größer war als alles, was ich aus früheren Beziehungen kannte. Sie waren alle kluge, spannende, ein bisschen kaputte Menschen gewesen. Es hat nicht funktioniert, aber in Grundlagen zwischenmenschlichen Umgangs waren wir uns einig, ich empfand ihre Einstellungen als nachvollziehbar. Mit Pete war für mich nichts verständlich. Und genau das hat mich erwischt.

Noch nie hat mich jemand so stark abgewertet und gleichzeitig so ernst genommen. Noch nie hat mich jemand so schlecht behandelt und dann wieder von seiner Logik her nicht. Er hat mir Dinge gesagt, die für mich so unerträglich waren, dass mein innerer Richter zum ersten Mal nicht gegen mich, sondern für mich gearbeitet hat. Das war neu und ungeheuer heilsam. Ich wusste früh, und bekam es immer wieder bestätigt, dass das alles aus seiner Perspektive kein Abwerten war. Dass er mir gab, was er geben konnte, manchmal sogar mehr. Ich hasse ihn und ich liebe ihn. Er ist mir in vielem erschreckend ähnlich und gleichzeitig so unfassbar anders. Er hat selbstschädigende Prinzipien, die ich schlimmer finde als meine eigenen es je waren. Und er hat Vorstellungen davon was Beziehung ist und was nicht, mit denen ich nicht klarkomme. Nicht nur mir gegenüber. Und trotzdem habe ich einen tiefen Respekt vor diesem Menschen. Keine verkappte Angst, schon gar keine Unterwerfung, sondern denselben tiefen Respekt, den ich wirklich  nur sehr wenigen Menschen entgegenbringe. Menschen, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Solche Menschen sind selten und wertvoll. Aber Pete ist nicht unwahrscheinlich, er ist schlicht unmöglich.

Er ist klug. Er hat ethische Grundsätze. Und dennoch weiß ich nie, wie er reagieren wird. Er ist eine Rätselbox. Und wie jeder Gamer stehe ich davor und kann nicht anders, als sie zu öffnen. Es fühlt sich an wie ein Legendary Build [Gamer-Deutsch - Deutsch: sehr hohe, manchmal höchste Klasse an Ausrüstung in Spielen mit speziellen Fähigkeiten]. Eins von der Sorte, das bei jedem Treffer ein bisschen geistige Gesundheit abzieht. Man weiß, dass es schadet. Und man kann es trotzdem nicht lassen, weil es sich so wuchtig anfühlt, so viel besser als alles vorher. Und ja, es macht einen wahnsinnig, aber auf wunderschöne Art.

Ich habe durch Pete etwas erlebt, das ich vorher nicht kannte. Manchmal sagt er Sätze, die in mir wochenlang arbeiten, weil sie nicht zu widerlegen sind, egal wie ich es versuche. Und manchmal liegt er aus meiner Sicht komplett falsch. Er sagt, ich gehe immer davon aus, im Recht zu sein. Und ja, das stimmt. Ich hasse es, wenn jemand anderes Recht hat. Und bei ihm passiert mir das häufiger als mir lieb ist. Ich komme mit seiner Art, Emotionen zu sehen und zu leben, nicht klar. Aber ich habe gelernt, dass das nicht bedeutet, dass er keine hat oder dass seine Art zu fühlen falsch ist. Sie ist nur nicht meine. Und ich bin für ihn genauso anstrengend. Wir sind zwei "Knorrn-Köpp", das ist eine randfränkische Bezeichnung, aus diesem Hessisch-Fränkisch hier, es bedeutet, eigen, prinzipientreu, verbohrt, mürrisch, überzeugt von uns selbst. Und genau das reibt sich aneinander.

Was diese Beziehung bei mir angestoßen hat, hab ich mir selbst erarbeitet und besteht unabhängig von Pete. 

Mein gewachsenes Selbstbewusstsein. 

Der Rückgang meines Selbsthasses. 

Die steigende Fähigkeit, bei mir zu bleiben, wenn ich angegangen werde. 

Das alles würde bleiben, auch wenn er morgen weg wäre. Aber er ist da. Und wir können nicht voneinander lassen. Seit über zwei Jahren. Wir haben uns unzählige Male gestritten und uns oft getrennt. Früher waren es kindische Eskalationen auf beiden Seiten. Heute können wir tatsächlich diskutieren. Das allein ist eine Entwicklung, die ich nicht kleinreden will.

Auch körperlich ist er für mich wie Marzipan... schwer zu widerstehen. Nicht wegen Technik, nicht wegen irgendeiner Besonderheit am Körper, sondern wegen der Intensität und der Präsenz. Wegen dieser Gier nacheinander, die nicht nur dem Körper gilt, sondern dem Menschen. Ich habe mit dem Menschen Sex, der Körper ist nur das Kommunikationsmittel. 

Und diese legendary Anziehung ist etwas, das man nicht beliebig ersetzen kann, dass muss ich mal ehrlich eingestehen. An dieser Stelle tut er sich leichter das andersrum zuzugeben.

Nach nun über zwei Jahren traf ich eine Entscheidung, die selbst mich überraschte. Ich beschloss, in seine Nähe zu ziehen, nicht zu ihm, aber in seine Nähe. Und mit dieser Entscheidung beginnt ein neues Kapitel, von dem ich noch nicht weiß, wie es ausgeht, weil ich es erst erleben werde.



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