Kapitel 11 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Legendary
Und dann komme ich zur größten Herausforderung meines bisherigen Lebens. Nicht Krankheit, nicht Einsamkeit, nicht der Wunsch zu sterben, sondern Liebe. Ich habe mich in einen Menschen verliebt, der in fast allem nicht zu mir passt, weder in seinen Vorstellungen davon, was Beziehung ist, auch nicht in seinem Umgang mit Emotionen, noch in dem, was er für richtig hält und was nicht. Und doch war da von Anfang an etwas, das sich nicht ignorieren ließ. Etwas, das größer war als alles, was ich aus früheren Beziehungen kannte. Sie waren alle kluge, spannende, ein bisschen kaputte Menschen gewesen. Es hat nicht funktioniert, aber in Grundlagen zwischenmenschlichen Umgangs waren wir uns einig, ich empfand ihre Einstellungen als nachvollziehbar. Mit Pete war für mich nichts verständlich. Und genau das hat mich erwischt.
Noch nie hat mich jemand so stark abgewertet und gleichzeitig so ernst genommen. Noch nie hat mich jemand so schlecht behandelt und dann wieder von seiner Logik her nicht. Er hat mir Dinge gesagt, die für mich so unerträglich waren, dass mein innerer Richter zum ersten Mal nicht gegen mich, sondern für mich gearbeitet hat. Das war neu und ungeheuer heilsam. Ich wusste früh, und bekam es immer wieder bestätigt, dass das alles aus seiner Perspektive kein Abwerten war. Dass er mir gab, was er geben konnte, manchmal sogar mehr. Ich hasse ihn und ich liebe ihn. Er ist mir in vielem erschreckend ähnlich und gleichzeitig so unfassbar anders. Er hat selbstschädigende Prinzipien, die ich schlimmer finde als meine eigenen es je waren. Und er hat Vorstellungen davon was Beziehung ist und was nicht, mit denen ich nicht klarkomme. Nicht nur mir gegenüber. Und trotzdem habe ich einen tiefen Respekt vor diesem Menschen. Keine verkappte Angst, schon gar keine Unterwerfung, sondern denselben tiefen Respekt, den ich wirklich nur sehr wenigen Menschen entgegenbringe. Menschen, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Solche Menschen sind selten und wertvoll. Aber Pete ist nicht unwahrscheinlich, er ist schlicht unmöglich.
Er ist klug. Er hat ethische Grundsätze. Und dennoch weiß ich nie, wie er reagieren wird. Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes kommt. Er ist eine Rätselbox. Und wie jeder Gamer stehe ich davor und kann nicht anders, als sie zu öffnen. Es fühlt sich an wie ein Legendary Build [Gamer-Deutsch - Deutsch: sehr hohe, manchmal höchste Klasse an Ausrüstung in Spielen mit speziellen Fähigkeiten]. Eins von der Sorte, das bei jedem Treffer ein bisschen geistige Gesundheit abzieht. Man weiß, dass es schadet. Und man kann trotzdem nicht lassen, weil es sich so wuchtig anfühlt, so viel besser als alles vorher. Und ja, es macht einen wahnsinnig, aber auf wunderschöne Art.
Ich habe durch Pete etwas erlebt, das ich vorher nicht kannte. Manchmal sagt er Sätze, die in mir wochenlang arbeiten, weil sie nicht zu widerlegen sind, egal wie ich es versuche. Und manchmal liegt er aus meiner Sicht komplett falsch. Er sagt, ich gehe immer davon aus, im Recht zu sein. Und ja, das stimmt. Ich hasse es, wenn jemand anderes Recht hat. Und bei ihm passiert mir das häufiger als mir lieb ist. Ich komme mit seiner Art, Emotionen zu sehen und zu leben, nicht klar. Aber ich habe gelernt, dass das nicht bedeutet, dass er keine hat oder dass seine Art zu fühlen falsch ist. Sie ist nur nicht meine. Und ich bin für ihn genauso anstrengend. Wir sind zwei "Knorrn-Köpp", das ist eine randfränkische Bezeichnung, aus diesem Hessisch-Fränkisch hier, es bedeutet, eigen, prinzipientreu, verbohrt, mürrisch, überzeugt von uns selbst. Und genau das reibt sich aneinander.
Was diese Beziehung bei mir angestoßen hat, hab ich mir selbst erarbeitet und besteht unabhängig von Pete.
Mein gewachsenes Selbstbewusstsein.
Der Rückgang meines Selbsthasses.
Die steigende Fähigkeit, bei mir zu bleiben, wenn ich angegangen werde.
Das alles würde bleiben, auch wenn er morgen weg wäre. Aber er ist da. Und wir können nicht voneinander lassen. Seit über zwei Jahren. Wir haben uns unzählige Male gestritten und uns oft getrennt. Früher waren es kindische Eskalationen auf beiden Seiten. Heute können wir tatsächlich diskutieren. Das allein ist eine Entwicklung, die ich nicht kleinreden will.
Auch körperlich ist er für mich wie Marzipan... schwer zu widerstehen. Nicht wegen Technik, nicht wegen irgendeiner Besonderheit am Körper, sondern wegen der Intensität und der Präsenz. Wegen dieser Gier nacheinander, die nicht nur dem Körper gilt, sondern dem Menschen. Ich habe mit dem Menschen Sex, der Körper ist nur das Kommunikationsmittel.
Und diese legendary Anziehung ist etwas, das man nicht beliebig ersetzen kann, dass muss ich mal ehrlich eingestehen. An dieser Stelle tut er sich leichter das andersrum zuzugeben.
Nach nun über zwei Jahren traf ich eine Entscheidung, die selbst mich überraschte. Ich beschloss, in seine Nähe zu ziehen, nicht zu ihm, aber in seine Nähe. Und mit dieser Entscheidung beginnt ein neues Kapitel, von dem ich noch nicht weiß, wie es ausgeht, weil ich es erst erleben werde.
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