197 Warum haben 'nette Männer' oft keine Chance?
Überall liest und hört man gerade von der „Male Loneliness Epidemic". Männer seien einsam, abgehängt, ohne Nähe, ohne Beziehung, ohne Sex. Das klingt für mich schräg, denn es gibt in den relevanten Altersgruppen hier etwa gleich viele Frauen wie Männer, aber vielleicht fühlen sich Singlemänner ja einsamer... deshalb der Text:
Jetzt kann ich euch nicht
erklären, wie ihr Frauen allgemein begeistert, aber ich will hier
darauf eingehen, warum ich persönlich bestimmte Männer begehre und
andere nicht. Und wir reden dabei ausdrücklich nicht von den
Arschlöchern, nicht von den kompletten Egozentrikern und nicht von
denen, die nur Sex suchen. Die sind meist schnell aussortiert und
verursachen somit nicht viel Stress.
Wir reden heute darüber, warum die „netten Männer" so oft Single sein könnten.
Bevor man Dating-"Erfolge" analysiert, sollte man sich vielleicht eine ehrlichere Frage stellen: Habe ich überhaupt Lust eine andere Person kennenzulernen? Und ich meine das wörtlich. Nicht jemanden finden, nicht jemanden haben, nicht eine Beziehung führen, sondern einen Menschen tatsächlich kennenlernen. Mit Interesse, mit Neugier, mit der Bereitschaft, sich irritieren zu lassen, enttäuscht zu werden, auch mal nicht zu passen. Wenn nicht ist das nicht verwerflich, dann sollte man sich halt sein Singleleben gemütlich einrichten.
Ich erwähne das zu erst, weil viele dieser „netten Männer" den Eindruck erwecken, sie gehen ins Dating mit der stillen Annahme, dass im Grunde jede passen würde, solange sie nicht unhöflich, gemein oder ausnutzend ist. Und genau das ist der Punkt, an dem kein Kennenlernen mehr stattfindet. Wer so denkt, will keinen Menschen entdecken, sondern nicht mehr allein sein und das macht mich in diesem Gespräch zu 100% austauschbar. Beim Dating erwarte ich etwas anderes: echtes Interesse an mir als Person. Dass man fragt, zuhört, nachhakt, sich für meine Gedanken, Gefühle, Beweggründe, meine Sicht auf die Welt, meine Hobbys und meine Geschichte interessiert, dass heißt nicht alles teilt oder immer zustimmt, sondern mich als Mensch spannend findet. Das biete ich selbst genauso. Ich erwarte nur, was ich auch gebe. Was ich nicht erwarte - weder von Männern noch von Frauen - ist Rettung, Therapie, ein Ritter auf weißem Ross oder ein Ratsschlaggeber. Wer mich retten will, ist raus. Beziehung beginnt für mich bei Gleichrangigkeit und Augenhöhe, wer Bedürftigkeit sucht ist raus.
Da es ja beim Dating für romantische Beziehungen auch um Körperlichkeiten geht, werde ich auch dazu was sagen. Wer sich selbst nicht als grundlegend begehrenswert denkt, kann schwer erwarten, dass im Gegenüber Begehren entsteht.
Ich erwarte nicht, dass ein
Mann sich selbst großartig findet oder sich permanent feiert. Aber ich
erwarte, dass er grundsätzlich davon ausgeht, dass er begehrenswert sein
könnte. Dass sein Körper wirken darf. Dass sein Charakter,
seine Lebensgeschichte, seine Eloquenz so spannend sein können, dass
ich ihn haben will. Ohne dieses innere Ja wird Dating schnell zu
Bewerbungsgespräch, Beziehung zu Dankbarkeit und Sex zu etwas, das man
sich erarbeiten muss und nichts das aus beidseitiger Lust aufeinander
entsteht.
Besonders wichtig ist mir aber auch, dass mein
Datinggegenüber sich selbst genug wert ist um eine Wahl zu treffen und nicht
den "Spatz in der Hand" zu akzeptieren, das beleidigt beide
Beteiligten. Spätestens wer behauptet verliebt zu sein, sollte die
andere Person als unersetzlich wahrnehmen.
Bevor es zur härtesten Grenze kommt, gibt es für mich weitere klare No-Gos. Sprache gehört dazu. Wie jemand über Frauen spricht, über sich selbst spricht, über (frühere) Beziehungen spricht, über Menschen in der Gesellschaft spricht, ist kein Nebenschauplatz, sondern zeigt Haltung des Gegenübers. Dauerndes Jammern darüber, dass Frauen nur Arschlöcher wollen oder dass man selbst immer übersehen wird, ist mal ok, aber halt mit reflektierten Gedanken dazu. Und dann gibt es noch diesen Satz: „Ich habe das nicht so gemeint." Der gilt genau einmal. Einmal kann man sich ungenau ausdrücken, einmal kann man danebenliegen. Ab dem zweiten Mal ist es keine Ungenauigkeit mehr, sondern Verantwortungslosigkeit. Wer etwas wirklich nicht so gemeint hat, und über die negativen Folgen seiner Worte aufgeklärt ist, hat mit nochmaliger Verwendung von "Ich hab das nicht so gemeint", den Zonk gezogen.
Und selbst wenn all das gegeben ist, also echtes Interesse, Augenhöhe, die Fähigkeit, sich selbst als begehrenswert zu denken, reflektierte Sprache... gibt es eine Grenze, an der alles sofort endet. Härter als jede andere. Wenn ich Nein sage, dann ist das Nein absolut. Wenn ich sage, meine Telefonnummer gebe ich noch nicht raus, dann ist das keine Einladung zum Nachverhandeln. Wenn ich sage, ein Treffen ist in den nächsten Wochen nicht drin, dann ist das keine Aufgabe, mich umzustimmen. Wer über solche Grenzen hinweggeht, verliert in diesem Moment jede Möglichkeit auf Nähe. Ich begebe mich nicht allein in einen Raum mit einer Person, die ein Nein relativiert, umspielt oder ignoriert.
Meine Schlussfolgerung:
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um „nette Männer" oder „wählerische Frauen", sondern um Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, ob man einen Menschen kennenlernen möchte oder eine Rolle besetzen will. Und Ehrlichkeit darüber, ob man sich selbst genug wert ist, eine Wahl zu treffen. Beziehung entsteht nicht aus Anspruch und nicht aus Anpassung, sondern aus Haltung, Resonanz und einem klaren Ja zu sich selbst und zu der Person gegenüber.

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