Kapitel 9 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Es ist, wie es ist
Die Manie und das Danach
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| Alles zu grell um wirklich zu genießen in der Manie |
2015 zog ich nach Aschaffenburg. Ich begann mein Studium der Sozialen Arbeit und trennte dann mich von SH und landete schließlich in einer Stadt, die ich immer schon liebte und die für die nächsten zehn Jahre mein Lebensmittelpunkt werden sollte.
Ich hatte mich von einem Menschen getrennt, der mir Halt gegeben hatte und startete in eine neue Lebensphase. Nach einer kurzen Zeit in einer betreuten WG zog ich von den unschönen Zuständen dort zu Zero, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre kannte, in den ich mich aber Hals über Kopf verliebt hatte. Er war dann sehr lange krank geschrieben, wegen Depressionen und übernahm quasi den kompletten Haushalt, noch nie in meinem Leben wurde ich derart verwöhnt. Privat war es eine ruhige, schöne Zeit.
Im Studium forderte ich mich sehr, begann mich auch noch in der Hochschulpolitik zu engagieren. Aber das alles fraß mich auf. Ich weiß nicht wie groß der Einfluss von Stress auf das kommende war, aber ich denke unwichtig dafür war es nicht.
In dieser Zeit rutschte ich in die schwerste manische Phase meines Lebens. Ich war schon früher manisch gewesen, aber nie in dieser Intensität. Diese Phase blieb lange unbehelligt, weil ich nach außen harmlos wirkte. Ich war friedlich, sprach viel über Achtsamkeit, saß im Park und sah wortwörtlich dem Gras beim Wachsen zu. Ich redete ruhig, freundlich, verbindlich. Was niemand sah: Für mich war das alles real. Ich hörte Stimmen. Keine Bilder, aber klare akustische Halluzinationen. Ich hatte Wahnvorstellungen, Größenideen, eine absolute Gewissheit über Dinge, die nicht überprüfbar waren. Ich war überzeugt, alle Sprachen zu sprechen. Ich hielt mich für einen außergewöhnlich großen Künstler. Geld auszugeben fühlte sich nicht riskant an, sondern folgerichtig. Meine innere Welt war geschlossen, logisch, vollständig. Es gab keinen Zweifel, nur Ordnung.
Zero war der erste der verstand, dass ich so gar nicht in Ordnung war, ich sagte dann sehr schlimme Sachen zu ihm.
Erst als diese Ordnung nach außen hin brüchig wurde, kam ich in die Klinik. Dort wurde ich medikamentös eingestellt. Die Manie klang langsam ab. Nicht an einem Tag, nicht in einem Moment. Sie sickerte weg. Und mit jeder zurückkehrenden Klarheit kam etwas anderes nach vorne: Scham.
Als ich die Klinik verließ, war ich nicht mehr manisch. Ich war auf einem normalen Level. Funktional. Und voller Schuld- und Schamgefühle. Ich zog bei Zero aus, weil zu viel zwischen uns passiert war.
Mein gesamter innerer Raum war von Schuld und Scham besetzt. Ich begann, meine Gedanken zu überprüfen, meine Aussagen, mein Verhalten. Ich sah mit klarem Kopf, was ich getan hatte, wie ich gewirkt hatte, was ich verloren hatte. Das Studium war gescheitert. Meine Beziehung war gescheitert. Wieder einmal scheitern auf ganzer Linie. Und es gab Dinge aus der Manie, die nicht rückgängig zu machen waren. Die Manie selbst war nicht der schlimmste Teil. Die Scham über die Taten war das Schlimmste.
Aus diesem Zustand heraus begann ein Jahr, das von außen ruhig wirkte und innerlich vollständig von Vorbereitung bestimmt war. Ich sammelte Medikamente. Nicht hektisch, nicht impulsiv, sondern konsequent. Ich schrieb einen Abschiedsbrief. Handschriftlich. Ich ergänzte ihn immer wieder, über Monate hinweg. Es war kein Ausdruck von Verwirrung, sondern von Überforderung durch das eigene Versagen. Ich schämte mich nicht, weil mir alles egal war, sondern weil mir alles wichtig war.
Etwa ein Jahr nach dem Abklingen der Manie versuchte ich, mich mit diesen gesammelten Medikamenten umzubringen. Dieser Suizidversuch brachte mich körperlich am nähesten an den Tod. Ich wachte im Akutkrankenhaus auf, zunächst verwirrt, später klarer, entubiert, mit Katheter, unter Beschluss. Und erst als ich wirklich wieder bei mir war, kam der eigentliche Bruch.
In diesem Zustand beendete ich die Sinnsuche. Nicht trotzig, nicht verzweifelt, sondern pragmatisch. Ich strich jede Vorstellung von einem Danach. Kein Jenseits, kein Ausgleich, kein Paradies, keine Hölle. Es gibt nur diesen einen Durchgang. Dieses eine Leben. Also jetzt oder gar nicht. Und wenn es nur dieses eine Leben gibt, dann muss ich lernen, es für mich erträglich zu machen, so wie ich bin.
Einige Wochen später begann ich mit Lithium. Nicht sofort, weil die Nieren nach der Überdosierung erst Zeit brauchten. Als es dann begann, geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte. Lithium regulierte nicht nur die manischen Spitzen. Es nahm etwas weg, das seit meinem elften oder zwölften Lebensjahr konstant da gewesen war: die latenten Suizidgedanken. Nicht den Wunsch, tot zu sein in akuten Krisen, sondern diesen täglichen Hintergrundgedanken, ohne einen speziellen Auslöser, dass Nicht-Sein eine Option sei. Nach ein paar Wochen Lithium war dieser Gedanke weg.
Zu diesem Zeitpunkt war alles da. Ich hatte DBT gelernt, hatte therapeutische Strukturen, hatte Sätze meiner Familie, an denen ich mich halten konnte. Ich hatte beschlossen, dass Sinn keine Voraussetzung mehr ist. Ich hatte akzeptiert, dass es kein Danach gibt. Und ich hatte ein Medikament, das diesen dauernden inneren Abgrund stillgelegt hatte.
Ich war startklar. Und ich startete.

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