Kapitel 8 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Ich hab mich für mich entschieden - Wie halte ich mich nur aus?
Im letzten Kapitel habe ich beschrieben, dass ich mich für mich selbst entschieden habe. Kapitel 8 beginnt danach. Nicht mit einem Neuanfang, sondern mit der Frage, wie ich es überhaupt aushalten kann, ich selbst zu sein. Ich war zu diesem Zeitpunkt trocken. Die Abwesenheit von Alkohol machte alle meine sozialen Schwächen und Ängste sichtbarer.
Ich wohnte ja nun in einer betreuten Wohneinrichtung. Parallel bekam ich zum ersten Mal eine gesetzliche Betreuung. Zwei unterschiedliche Dinge, die mir auf unterschiedliche Weise geholfen haben. Das betreute Wohnen brachte Struktur in meinen Alltag und gab mir soziale Kontakte vor denen ich mich nicht so schnell blamieren konnte, die gesetzliche Betreuung nahm mir Verantwortung ab, die ich damals nicht tragen konnte.
In dieser Zeit begann auch die DBT-Therapie in Nürnberg. Ich war mehrfach dort, jeweils für einige Wochen. Die DBT war mehr als nur wichtig für mich, aber sie war nicht angenehm. Vor allem Achtsamkeit fiel mir extrem schwer. Im Moment zu bleiben, ohne Ablenkung, ohne Ausweichen, steckte mein Nervensystem in Brand, ich hielt mich selbst kaum aus. Ich habe das nicht gemacht, weil ich überzeugt war, sondern weil ich am Ende war. Auf meiner DBT-Zielkarte stand nicht, dass ich leben will. Dort stand: "Ich will lernen, leben zu wollen". Mehr war zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt nicht drin. Ich wollte mein Leben und mein Denken so weit anpassen, dass es erträglich würde. Mein eigentlicher Antrieb war damals kein Lebenswille, sondern das Wissen, dass ich es meiner Familie nach zwei Suizidversuchen nicht noch einmal antun konnte. Und das Wissen, dass ich das in diesem Zustand nicht auf Dauer durchhalte.
Was mir an der DBT geholfen hat, waren vor allem die logischen Elemente. Dinge, die man nicht schönreden oder glauben muss, sondern anwenden kann. Pro- und Kontralisten zum Beispiel, nicht nur für akute Impulse, sondern generell für Entscheidungen im Leben, inklusive emotionaler Kosten und Gewinne. Oder radikale Akzeptanz: Dinge, die passiert sind oder die ich nicht ändern kann, als Realität anzuerkennen, ohne mich dafür zusätzlich zu verurteilen. Auch die dialektische Haltung war hilfreich: Zwei widersprüchliche Dinge können gleichzeitig wahr sein. Ich konnte mich selbst ablehnen und mich trotzdem um mich kümmern. Ich konnte nicht schuld sein und trotzdem Verantwortung für mein Weitergehen übernehmen. Das war kein philosophisches Konzept für mich, sondern eine praktische Entlastung.
Neben der Therapie lebte ich im betreuten Wohnen und besuchte eine Tagesstätte. Die Tagesstätte war kein besonderer Ort und schon gar kein Paradies. Sie war bürokratisch, niedrigschwellig und pragmatisch. Man musste Anträge stellen, Bögen ausfüllen und wurde nach Betreuungsschlüssel eingeteilt. Aber genau dieser Pragmatismus gab mir das Gefühl ein Recht zu haben hier zu sein und die minimalen Anforderungen waren Gold wert. Man durfte da sein, auch wenn man nicht leistungsfähig war. Manche saßen dort einfach, tranken Kaffee und redeten. Und auch das hatte seinen Wert. Für mich bedeutete die Tagesstätte vor allem Tagesstruktur. Ich war meist in der Küche, vier Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Gemüse schneiden, Kartoffeln schälen, vorbereiten, mit anderen zusammenarbeiten. Es war Arbeit, aber ohne Überforderung. Wenn ich einmal nicht konnte, war das kein Drama. Niemand erwartete Begeisterung oder Fortschritt. Es reichte, da zu sein. Diese Form von Arbeit hat mir sehr gut getan, auch wenn sie manchmal genervt hat. Sie war gangbar, und das war entscheidend.
In dieser Zeit war ich auch mit SH zusammen. Wir hatten uns in einem Forum kennengelernt und uns gegenseitig Halt gegeben. Das funktionierte eine Weile, hörte aber auf zu funktionieren, als ich anfing, mich weiterzuentwickeln und mehr Zeit außerhalb dieser engen Struktur zu verbringen. Als ich später wieder zu studieren begann, wurde klar, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse hatten. Ich trennte mich schließlich. Das war schmerzhaft, aber folgerichtig.
Ein prägender Moment dieser Jahre war ein Gespräch mit meiner damaligen Sozialarbeiterin im betreuten Wohnen. Ich hatte mir ständig vorgeworfen, faul zu sein und deshalb massiv abgewertet. Sie forderte mich auf, mich ernsthaft mit Faulheit zu beschäftigen. Was sie bedeutet, woher sie kommt, was sie sein kann. Ich tat das und hielt sogar ein kleines Referat darüber. Dabei hörte ich auf, Faulheit automatisch als moralischen Makel zu betrachten. Faul zu sein bedeutete ab diesem Moment nicht mehr, als Mensch defizitär zu sein. Es wurde zu einer Eigenschaft, die man anschauen und einordnen kann. Dieser Blickwinkelwechsel war wichtig. Er passte rückblickend auch zu dem Bild, das ich schon länger von mir hatte: Frederik die Maus, der keine Vorräte sammelt, sondern Geschichten, Wärme und Eindrücke. Jahre später entwickelte sich daraus mein Schreiben hier, sogar mit Texten über Faulheit (066 Faulheit ist weder schlecht noch gut - genau wie Fleiß, 067 Wissensfangkörbe - der faule Generalist baut vor).
Nach der Entscheidung in diesem Leben bleiben wollen zu lernen und der Entscheidung das als ich selbst zu tun und nicht vom Alkohol gedämpft, lernte ich in diesen Jahren langsam es mit mir selbst auszuhalten und zu erkennen wo mein eigener innerer Kritiker und destruktive Grundannahmen saßen.

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