Kapitel 10 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Ich arbeite besser mit mir selbst zusammen



Nach dem Wirken des Lithiums kam ich zurück in meine Wohnung. Ich lebte wieder allein, mitten in Aschaffenburg, in der Innenstadt. Corona kam in die seit 2015 nie wieder ganz beruhigte Welt, doch nun demonstierten durchschnittliche Leute, Alt-Hippies usw. mit offensichtlich Rechten und propagierten Verschwörungserzählungen. Ich blieb als politischer Mensch in der Welt, doch dann kam Anfang 2022 der Angriff Russlands. 

Ich hatte jahrzehntelang in einem inneren Dauerlärm gelebt, und jetzt, wo das permanente „Ich will sterben“ weg war, war mir die Welt ein Stück weit egal. Wenn sie die Rechten wollen, wenn ein Weltkrieg entsteht, dann sollen sie es haben. Ich wollte endlich mit mir selbst klar kommen und mich nicht dauernd mit Schwachsinn beschäftigen, nur weil meine Mitmenschen einer Massenpsychose verfallen waren.

Ich kannte mich nur als jemand, der sterben will, und wusste nicht, wie man lebt als jemand, der nicht mehr sterben will. Dieses Wissen war kein Fortschritt, sondern Überforderung. Leben fühlte sich weiterhin unerträglich an, nur ohne den Fluchtgedanken. Ich musste lernen, mit mir zu leben, ohne den Notausgang. Das war kein romantischer Prozess. Es war Arbeit.

Also zog ich mich Anfang 2022 zurück, ich konsumierte keine Nachrichten, keine sozialen Medien, keine politischen YouTubeVideos. Ich spielte Spiele, schaute Streams, später auch das nicht mehr. Ich las, auch Fanfiction, nichts Großes, nichts Bedeutungsvolles. Ich träumte vor mich hin. Ich war allein mit mir selbst. Und erst da merkte ich, wie groß mein inneres Widerstreben mich zu 100% auszuhalten war. Achtsamkeit war für mich nie Wohlfühlkram gewesen, auch in der DBT nicht. Mich selbst wahrzunehmen mit voller Aufmerksamkeit, ohne Ablenkung, war eine der schwersten Übungen überhaupt. Aber ich wusste, falls ich noch viel Leben vor mir habe, muss ich das lernen, falls nur wenig wollte ich es erlebt haben.

Dieses Jahr nenne ich mein Schneckenhausjahr (002 Mein Jahr im Schneckenhaus). Nicht, weil es gemütlich war, sondern weil ich mich in mich zurückzog, um nicht zu zerbrechen am Außen. Ich lernte, mit mir zusammenzuarbeiten. Nicht mich zu lieben, nicht gut zu finden, sondern zu akzeptieren. Ich stellte fest, dass dieser Mensch, den ich so lange gehasst hatte, kein Monster war. Ich bin anstrengend, widersprüchlich, schwierig, ja. Aber jemand, mit dem man arbeiten kann. Also erreichte ich ein Arbeitsverhältnis mit mir selbst. Und das ist viel mehr als das womit ich nach Jahrzehnten des Selbsthasses gerechnet hatte..

Anfang 2023 endete diese Phase nicht freiwillig. Meine Mutter brach sich den Oberschenkel. Plötzlich war ich wieder in der Welt, nicht vorbereitet, aber das Leben fragt nicht. Ich funktionierte erst einmal. Zusammen mit meinen Geschwistern regelte ich Dinge, half bei Papierkram, bei Alltäglichem. Und dann kam der Punkt, an dem sie mir etwas nicht vorschlug, nicht bat, sondern anordnete. Sie war zu diesem Zeitpunkt in der Kurzzeitpflege und erklärte einfach dass nach Hause gehen ja klappen würde, weil ich ja wie immer jede Woche zu ihr komme und ich ihr beim Duschen helfen würde. 

Schon im Zug nach Hause wusste ich, dass ich das nicht tun würde. Noch bevor ich wieder in Aschaffenburg ankam, schrieb ich in die Familiengruppe. Ich beschrieb, was passiert war, und sagte klar: Ich ziehe mich zurück. Ich fahre nicht mehr zu ihr. Und meine Geschwister (die einzigen Menschen die überhaupt verstehen können wie es mit unserer Mutter ist) hielten zu mir. Obwohl es für sie Mehrarbeit bedeutete. Mein Bruder E rief mich an und sagte: Bleib bei deiner Wut. Das war kein Wendepunkt. Das war ein Beweis, dass ich zu mir stehen durfte, dass auch andere diesen Menschen "ich" als wertvoll genug erachten, dass dieser Mensch auch mal eigene Bedürfnisse über die von anderen stellen darf.

Ich sagte Nein. Und dieses Nein hielt. Anderthalb Jahre lang. Keine Antworten auf Briefe, keine Reaktionen auf Nachrichten. Ich blieb bei mir und ich verlor mich dabei nicht. Ganz im Gegenteil, zum ersten Mal in meinem Leben setzte ich eine Grenze nach außen, ohne innerlich daran zu zerbrechen. Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich komme mit mir klar. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei, aber mit genug Respekt vor mir selbst.

Danach stürzte ich mich ins Leben, ich hatte und habe immer noch Angst vor einem Zivilisationsbruch, aber keinen Grund mehr das Leben nicht auszuhalten. Ich wollte einen großen Happen von der Welt, ob sie nun unterging oder nicht. Ich fing selbst an zu streamen, und Content zu machen um mich mitzuteilen. Ich fing an auf p****.de und auf Joy zu streamen um das brodelnde Leben zu spüren und ein wenig Bewunderung einzusacken. Beides klappte gut. Und als ich im Oktober 2023 Pete kennenlernte, begann ein neuer Raum. Eine neue Aushandlung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hier endet diese wichtigste Lektion für mich:

Ich werde mich selbst nie los, also arbeite ich mit mir zusammen an einem erfüllten Leben.


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