Posts

200 Demokratie ist kein Moralprojekt

Ein persönliches Denkgebäude Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich in meinen Texten ab jetzt die weibliche Form als generisches Geschlecht. Gemeint sind alle. Ich schreibe das nicht aus einer wissenschaftlichen Perspektive heraus und nicht weil ich eine besondere Autorität inne habe. Sondern genau deshalb, weil ich einfach nur ein Bürger dieses Landes bin. Wahlberechtigt, partizipationsberechtigt und deswegen betroffen. Mehr Legitimation braucht Beteiligung am demokratischen Diskurs nicht.  Ich beschreibe mein Denkgebäude, das ich mir über Jahre hinweg gebaut habe. Ich nenne es Radikaldemokratie. Es erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Man kann es betreten, sich umsehen, prüfen, widersprechen und wieder gehen.  Ich nenne mich Radikaldemokrat, weil ich Demokratie nicht als Wahlritual verstehe, sondern als dauerhaftes Verfahren. Radikal nicht im Sinne von extrem, sondern im Sinne von an der Wurzel und dort ist in der Demokratie die einzelne Bürgerin. Nicht die Parte...

Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. - Live-Einblendung

Dies ist kein neues Kapitel. Es ist ein Standbild im laufenden Material, bevor Kapitel 12 fertig passiert ist. Kapitel 11 endet mit der Entscheidung, Pete nicht zu verlassen, sondern in seine Nähe zu ziehen. Seitdem hat sich etwas verschoben. Durch gesagte Worte und durch das Ernst nehmen von Konsequenzen. Nach einem Streit hat Pete geschrieben, ich solle mich dann eben gar nicht mehr melden. Ich habe nachgefragt, ob er das wirklich meint. Erst kam egal, dann ja. Ich habe diese Worte nicht interpretiert und nicht relativiert, sondern wortwörtlich genommen. Also habe ich mich nicht mehr gemeldet. Und ich habe ihn überall blockiert. Ein bisschen aus meiner eigenen Divenhaftigkeit, die ich nicht leugne, aber auch weil ich ein Prinzip habe, das mir wichtiger ist als jedes Gefühl: Wo ich unerwünscht bin, will ich nicht sein. Ganz besonders in romantischen Beziehungen. Damit habe ich mich selbst in eine Lage gebracht, die sich kaum schön reden lässt. Diese Situation gibt Pete die gesamte Han...

Maria über den Steppenwolf

Bild
»Er ist ein schöner Mensch«, sagte ich, »auch mir gefällt er sehr. Aber sag mir, Maria, wie kannst du daneben auch noch mich liebhaben, einen langweiligen alten Kerl, der nicht hübsch ist und schon graue Haare bekommt und kein Saxophon blasen und keine englischen Liebeslieder singen kann?« »Rede nicht so häßlich!« schalt sie. »Es ist doch ganz natürlich. Auch du gefällst mir, auch du hast etwas Hübsches, Liebes und Besonderes, du darfst nicht anders sein, als du bist. Man soll über diese Sachen nicht reden und Rechenschaft verlangen. Schau, wenn du mir den Hals oder das Ohr küßt, dann spüre ich, daß du mich gern hast, daß ich dir gefalle; du kannst so auf eine Art küssen, ein bißchen wie schüchtern, und das sagt zu mir: er hat dich gern, er ist dir dafür dankbar, daß du hübsch bist. Das habe ich sehr, sehr gern. Und dann wieder bei einem anderen Mann habe ich gerade das Gegenteil gern, daß er sich nichts aus mir zu machen scheint und mich so küßt, als sei es eine Gnade von ihm.«

199 Der Herzog, die Jahrhundertstimme und die Pizza

Bild
‚La donna è mobile‘ ist eines der bekanntesten Opernstücke der Welt und wie ich feststellte leicht zu missverstehen. Man kennt die Melodie, man summt sie, man hat sie in deutscher Tiefkühlpizza-Werbung gehört und weil ich sie doch schön fand, versuche ich seit ein paar Jahren mir sie akustisch von der Pizza zurück zu holen.  Doch erschrocken stellte ich fest dass dies nicht einfach eine schöne Arie ist, sondern eine bitterböse Charakterstudie. Sie stammt aus Rigoletto von Giuseppe Verdi und wird von einer Figur gesungen, die alles andere als ein Held ist: dem Herzog von Mantua, einem zynischen Machtmenschen, der seine eigene Verantwortungslosigkeit zur Welterklärung erhebt.  Wenn er singt, dass die Frau wankelmütig sei wie eine Feder im Wind und dass jeder Narr sei, der ihr vertraut, dann beschreibt er nicht die Welt, sondern sich selbst. Verdi gibt also dem moralisch Verrotteten die eingängigste Melodie der ganzen Oper. Ich denke man soll mitsummen und sich dabei ertappen, wi...

Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Bild
Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Die komplette Chronologie am Stück Kapitel 1 – Bevor es mich gab  Meine Eltern haben sich noch als Kinder auf einem Bauernhof kennengelernt, weil sie beide arbeiten mussten. Die Nachkriegszeit kannte da keine Gnade.  Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits geprägt von einer Kindheit, die ich mir nur schwer vorstellen kann, obwohl ich sie oft erzählt bekommen habe. Sie wurde 1940 geboren, mitten in den Krieg hinein, und ihre frühen Erinnerungen handeln von Dunkelheit im Keller, von Angst, von nicht den Radiosender einstellen dürfen und von Erwachsenen, die selbst Angst hatten. Ihre Eltern waren überzeugte, ich denke das kann ich so sagen, Nationalsozialisten, die Erziehung war hart, autoritär, durchdrungen von der schwarzen Pädagogik jener Zeit. Hunger, körperliche Arbeit schon als Kind, auch schon früh fast und dann komplett den ganzen Haushalt führen, und auch Misshandlungen, all das gehörte zu ihrem Alltag.  Sie liebte aber auc...

198 Filmnostalgie

Bild
Heute wird es mal ungeniert nostalgisch. So wie jede Generation irgendwann anfängt, ihre Popkultur abzufeiern, mache ich das jetzt auch mal und lade euch mit dazu ein. Kino war ein Ort, an den ich ging, um mich überwältigen zu lassen. Und wir sind einfach gern zusammen  ins Kino gegangen. Mit Familie, mit Geschwistern, mit Feunden, Kino war immer dann wenn uns nix besseres einfiel oder man einfach mitreden können wollte. Sehr früh habe ich im Kino Grüne Tomaten gesehen, zusammen mit meiner Mutter. Ich habe damals längst nicht alles verstanden, aber Bilder sind geblieben. Frauen, die Hosen nähen, der Ku-Klux-Klan, Barbecue aus... naja, aus Mensch, dieser eigenartige Mix aus Wärme, Humor, Widerstand und Ernsthaftigkeit. Rückblickend ist das ein sehr emanzipatorischer Film, aber damals wurde er vor allem Teil unserer Familienkultur. Das Wort "Barbecue" wurde ein düster-sarkastischer Familienwitz. "Das Geheimnis ist die Soße." Kurz darauf kam Sister Act . Für mich und ...

197 Warum haben 'nette Männer' oft keine Chance?

Bild
Überall liest und hört man gerade von der „Male Loneliness Epidemic". Männer seien einsam, abgehängt, ohne Nähe, ohne Beziehung, ohne Sex. Das klingt für mich schräg, denn es gibt in den relevanten Altersgruppen hier etwa gleich viele Frauen wie Männer,  aber vielleicht fühlen sich Singlemänner ja einsamer... deshalb der Text: Jetzt kann ich euch nicht erklären, wie ihr Frauen allgemein begeistert, aber ich will hier darauf eingehen, warum ich persönlich bestimmte Männer begehre und andere nicht. Und wir reden dabei ausdrücklich nicht von den Arschlöchern, nicht von den kompletten Egozentrikern und nicht von denen, die nur Sex suchen. Die sind meist schnell aussortiert und verursachen somit nicht viel Stress. Wir reden heute darüber, warum die „netten Männer" so oft Single s ein könnten . Bevor man Dating-"Erfolge" analysiert, sollte man sich vielleicht eine ehrlichere Frage stellen: Habe ich überhaupt Lust eine andere Person kennenzulernen? Und ich me...