323 Blitzlichter aus dem Juli - Erlebniskalender auf „so viel wie geht“

 Der Juli war so voll. Voller neuer Erfahrungen, die später sicher zu schönen Erinnerungen werden, voller Erlebnisse und Bekanntschaften, dass ich einfach nicht dazu gekommen bin, wie üblich relativ zeitnah festzuhalten, was alles passiert ist. Deshalb gibt es diesmal keine einzelnen Texte zu jedem Erlebnis, sondern einen kleinen Monatsüberblick mit ein paar Bildern und den Geschichten, die dahinter stecken.

Bilder chronologisch im Video

Und wenn ich jetzt auf diesen Monat zurückblicke, frage ich mich ein bisschen, wie das alles eigentlich in vier Wochen gepasst hat. Da war zum Beispiel das Wochenende an der Jade mit seinem Piratendorf, dem Markt am Bontekai und am Südstrand, mit Flammlachs, Poffertjes und niederländischem Gulasch. Wir waren unterwegs, haben geguckt, gegessen, uns treiben lassen und einfach schöne Tage gehabt.

Es gab außerdem Dinge, die viel alltäglicher waren und gerade deshalb dazugehören. Mein Herr Schmitt meldete seinen Wohnsitz in Wilhelmshaven an. Wir kochten zum ersten Mal gemeinsam in seiner Küche. Es wurde in den Wochen allgemein viel geräumt, eingerichtet und auch gezockt. Jap, ich habe jemanden nach Herr der Ringe Online süchtig gemacht. Er hatte ein wenig meine Jägerin gezockt… Manche Empfehlungen eines Spiels enden mit einem „Ich schau mir das irgendwann noch mal an.“, manche mit einer Axt mehr bei „Thorins Tor“.🪓 Und das obwohl er seit über 20 Jahren fast ausschließlich World of Warcraft gezockt hatte. Ich bin allerdings mit diesem Game nie warm geworden. Nun ja… meine kleine Untote erwachte kürzlich in Todesend und versucht nun ab und an verzweifelt Leute zu schafen.

Mein Herr Schmitt ist ja im selben Jahr geboren wie ich, weshalb es mir frei steht zu sagen: möglicherweise dürfen seine Augen mittlerweile eine Leseunterstützung fordern. Aus mir zunächst unerklärlichen Gründen sollte dieses Gear in Jever besorgt werden. Doch es wurde mir schnell klar: diese Stadt hat mehr zu bieten als eine beeindruckend große Herstellungsstätte von bitterem Bier. Hier gibt es eine herrliche Innenstadt, ein schönes Schloss und einen gepflegten Park mit Pfauen. Für Hobbits und Artverwandte empfehle ich das “Eishaus” für die lebensnotwendige Kühl-Kalorien-Versorgung.

Dann kam der Harz. Ich war noch nie dort gewesen und wusste nur das dort die Kolleginnen in den Mai tanzen. Der Nordseehimmelmensch ist ursprünglich von dort. Der Harz ist wunderschön, und hat diese eigenartige Mischung aus Natur und menschlicher Geschichte, die mir sehr gefällt. Wir waren unterwegs, haben viel gesehen und und dennoch nur einen Bruchteil. (Anmerkung: Ich bin aus dem Spessart, wer auch immer da für Tourismus zuständig ist, könnte sich ein paar Scheiben vom Harz abschneiden. Dort ist viel mehr geboten.) Wir sind den Burgberg hoch gelaufen, hätten die Möglichkeit gehabt mit der BaumSchwebeBahn runter zu fahren, den Baumwipfelpfad zu begehen und eine halb digitale Schnitzeljagd mitzumachen, die eher wie ein LiveActionRoleplay anmutete. Aber wir haben eh noch eine ganze Liste mit Aktivitäten und Orten, die wir nicht schafften zu besuchen: Wernigerode (Schloss, Drehort “Die Schule der magischen Tiere”), Halberstadt Dom, “Hobbithöhlen” Langenstein, Brocken, Torfhaus, das Erlebniskino, Pullman City, Goslar, Radau Wasserfall, Bergwerk… und noch mehr die uns noch einfallen.

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Wälder, die Landschaft, die allgegenwärtigen Hexenfiguren und sogar Darstellungen alt-sächsischer Gottheiten, aber auch die privat lustigen Dinge: ein Würstchengulasch das gut bei der Harzer Capybara-Familie ankam, eine Blumenampel, die scheinbar als Falle für Leute, die zur Haustür reinwollen aufgehängt war und an der wir uns ALLE mal den Kopf angehauen haben, die unbestrittene Herrschaft des königlichen Industriestaubsaugers “Ruby, die Hungrige”, Königin aller Lebensmittel, die den Boden berühren, ihres Zeichens größte Border-Collie-Dame, die ich je sah.

Und dann natürlich das Achievement „Vier Jemands und eine Königin“, das neben lustigen Erinnerungen auch den Gedanken “Jeder ist ein Jemand” beinhaltet.

Und dann wieder zurück ans Meer.

Mein erstes echtes Wattwandern seit ich in Wilhelmshaven wohne. Herr Schmitt hat heldenhaft die Schlicktiefe getestet. Dann sind wir hinausgelaufen, viel weiter, als man von Land aus zunächst denkt, und irgendwann hat der Schlick einfach gewonnen. Eigentlich wollten wir noch bis zum Priel, aber drehten vorher um. Dafür gab es Wattwürmer, kleine Krabben, Algen, tote Quallen, Möwen und überhaupt dieses ganze seltsame Leben und Vergehen zwischen Land und Meer.

Und zufällig passierte das während des Drachenfestes in Schillig. Vom Watt gesehen sah der Strand aus, als hätte jemand den Himmel wild mit bunten Dingen dekoriert. Wir standen mitten in dieser Landschaft zwischen Himmel, Meer und Land und sahen dem bunten Treiben in einem dieser Elemente zu.

Später saßen wir noch am Strand und wurden von Möwen umkreist, die sich dabei wie üblich ein bisschen wie Geier benahmen. Eine davon bekam ich gut vor die Kamera. Und als wir später in Wilhelmshaven noch essen gingen, begegnete uns dann eine Möwe, die mein Capybara kurzerhand als „Verkörperung meiner Seele“ bezeichnete. Sie schaute uns pikiert an und brüllte uns anschließend an. Wenn man von der Holzhexe im Harz absieht, sehe ich mich durch diese stolze Piratin am Bahnhofsplatz tatsächlich perfekt repräsentiert.

Ein paar Tage später, im Neuenburger Urwald konnte man Leben und Vergehen ähnlich gut sehen wie im Watt. Dort bleibt liegen, was im Wald umfällt. Ein Baum wird nicht herausgenommen, nur weil er tot ist oder nicht mehr aufrecht steht. Er bleibt Teil des Waldes. In ihm leben längst Pilze, Mikroorganismen, Käfer, Würmer und andere Tiere. Er ist nicht weniger ein Teil des Wald, er verändert sich nur. Der Wald ist schließlich nicht nur die Summe seiner stehenden Bäume.

Der Neuenburger Urwald war ohnehin voller Bilder, die man fast nicht erfinden könnte: riesige Bäume, Licht zwischen den Blättern, umgestürzte Stämme, ein Baum voller Baumpilze, alte Gemäuerreste und ein kleines Fachwerkhäuschen mitten im Grün. Es war einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer geht und mehr schaut. Und schließlich gab es eine leckere, gemütliche Möglichkeit zur Kalorien-Aufnahme am Rande des Waldes… wenn auch leider nicht besonders preisgünstig.

Aber der Juli bestand nicht nur aus großen Ausflügen. Manchmal reichte ein Weg durch Wilhelmshaven. Ich ging nach dem gemeinsamen Zocken zurück zum Nordseehimmelmensch, ungefähr um zehn abends, auf dem Weg zur “Mattisburg” sah ich alte Häuser, Bäume und erleuchtete Fenster. Und plötzlich wieder dieser Gedanke: Hinter jedem dieser Fenster lebt mindestens ein ganzes Menschenuniversum. Menschen, die dort essen, schlafen, streiten, lachen, traurig sind, Besuch bekommen, sich lieben, allein sind, Pläne machen oder gerade einfach auf dem Sofa sitzen. Von außen sieht man davon fast nichts. Das sind möglicherweise die, die an meiner Supermarktkasse sitzen, über die ich mich vorhin im Straßenverkehr geärgert habe, oder die im Park laut waren gestern. Und hier sind sie und leben ein ganzes Leben, wie ich.

Bei einem Spaziergang am Bontekai blieb ich dann mal nur an einem Farbspiel an einer schrägen Kaimauer hängen: rote Backsteine, graue Steine, Gras, Algen und dunkles Wasser. Dann ein wunderschön bemalter Stromkasten, der aus einem völlig gewöhnlichen Gegenstand plötzlich ein kleines Kunstwerk machte. Dazu Kaffee und Lakritz und die Hoffnung, dass der Regen noch wartet bis wir in der Mattisburg sind.

Ein anderes Mal war es der Sonnenaufgang am Bahnhof, als ich gerade auf dem Weg zurück in mein “Möwennest” war. Oder unser Rathaus mit seinem riesigen Turm und dem ziemlich eigenwilligen Löwen. Der tatsächlich erst einmal erkannt werden möchte, weil offenbar irgendwann jemand dachte: Wir bauen jetzt einen Löwen, aber bitte aus lauter eckigen Backsteinen.

Dann am Abend die Anke, dieses Bunkerschiff, das dort so selbstverständlich im Hafen lag und mit seinem Betankungsarm schräg, nach Arbeitsmeer und doch pittoresk vor dem dunkler werdenden Himmel aussah.

Und der Banter See im letzten Sonnenlicht. Wasser, Wolken, Licht und diese besondere Stimmung, bei der selbst ein ganz gewöhnlicher Abend plötzlich nach einem Moment aussieht, den man behalten möchte.

Vielleicht ist das überhaupt das eigentliche Problem mit diesem Juli: Es gab zu viele solche Momente.

Zu viele kleine Dinge, die nicht groß genug erschienen, um sofort einen eigenen Text zu bekommen, aber zu schön waren, um einfach vorbeizugehen. Ein bemalter Stromkasten. Ein alter Baum. Eine stolze Möwe. Ein Lichtstrahl durch Blätter. Ein Schiff im Hafen. Menschen hinter Fenstern. Schlick an den Füßen. Ein Himmel voller Drachen. Und deshalb sind es diesmal Sammel-Blitzlichter geworden.

Keine vollständige Chronik, sondern ein paar Ausschnitte aus einem Monat, der sich angefühlt hat, als hätte jemand den Erlebniskalender auf „so viel wie geht“ gestellt und dann die Taste für „mehr“ festgeklemmt.


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