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Es werden Posts vom Februar, 2026 angezeigt.

210 Parasoziale Beziehungen

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Wenn Nähe zur Ware wird Parasoziale Beziehungen sind kein Phänomen des Internets. Sie existierten lange vor Social Media. Menschen fühlten sich Elvis nahe, imaginierten Beziehungen mit Marilyn Monroe, glaubten, Michael Jackson zu „verstehen“. Auch heute gibt es bestimmt Menschen, die überzeugt sind, eine besondere Verbindung zu Taylor Swift oder ähnlichen Stars zu haben. Gemeint ist mit dem Begriff, dass eine einseitige Beziehungsvorstellung entsteht, obwohl faktisch keine Gegenseitigkeit existiert. Nicht gemeint ist damit Sympathie oder regelmäßiger Konsum der Inhalte. Bei klassischen Stars war diese Dynamik begrenzt durch Distanz. Filmstars reagierten nicht live auf Fanbriefe. Sänger nannten keine einzelnen Zuschauer beim Namen. Die Projektion war stark, aber die Interaktion gering. Mit Social Media ändert sich die Architektur. Content Creator - ob auf YouTube, Twitch oder anderen Plattformen - interagieren. Sie lesen Kommentare. Sie reagieren auf den Chat. Sie bedanken sich namentli...

209 Radikale Ehrlichkeit - weil Lügen Energie kostet

Mit Anfang zwanzig war ich ein Aufschneider. Ich fuhr Motorrad, erzählte Geschichten und legte gern eine Schippe drauf. Ich habe nichts komplett Erfundenes erzählt. Aber ich habe ausgeschmückt, minimal verdreht, dramatisiert, peinliche Sachen weggelassen. Ich hab das Bild erzählt, das ich gern gewesen wäre, nicht das was ich war. Das Problem an dieser Strategie ist für mich nicht die Moral, sondern die Verwaltung. Ich musste mir merken, wem ich was erzählt hatte und ich musste verteidigen, wenn jemand nachfragte. Das empfand ich als höchst unangenehm und die Versionsverwaltung kostete mich Energie. Es gab keinen heroischen Entschluss, kein Datum, keinen Schwur. Irgendwann dachte ich schlicht: "Probier es doch mal ohne. Erzähl einfach das, was passiert ist. Nicht mehr, nicht weniger." Und dabei fiel mir erstens auf, wie oft ich vorher übertrieben hatte. Zweitens wie automatisch ich das tat. Drittens wie oft ich mich selbst in eine bessere Position schob, ohne es als Lüge zu et...

208 Die rote 1

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  Brauchen wir Algorithmen? Was diese zwei kleinen roten Zahlen gemeinsam haben, ist nicht TikTok und nicht Threads. Es ist das, was sie in meinem Kopf auslösen. Ich sehe die rote 1 ... und ich klicke. Nicht, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Sondern weil diese Zahl sagt, dass da Resonanz möglich ist. Vielleicht hat jemand geantwortet. Vielleicht hat jemand widersprochen. Vielleicht hat jemand zugestimmt. Vielleicht hat einfach jemand geliked. Es juckt in meinem Hirn, bis ich drauf geklickt habe. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist. Ich weiß nur, wie es bei mir ist. Die rote Eins ist kein Drama. Sie ist klein. Aber sie ist ein Versprechen. Ein winziger Hinweis darauf, dass ich gesehen wurde. Und das ist ein Grundbedürfnis. Also klicke ich. Und dann passiert das Eigentliche. Ich klicke auch in meinen Feed. Und dann ist da jemand, dem ich widersprechen möchte, oder dem ich zustimme, der mich zum Lachen bringt, also scolle ich, weil ich hoffe. Mein Feed ist kein Zufall....

207 LITHIUM - The Trick Is to Keep Breathing

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Triggerwarnung und Disclaimer: Hier geht es um suizidale Gedanken und Verhalten. Lithium ist ein Medikament mit zum Teil starken Nebenwirkungen und wirkt bei jeder Patientin anders. 10.000 Tage weiteratmen Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als etwas begann, das ich damals nicht benennen konnte. Ab einem bestimmten Punkt war Sterben wollen keine akute Krise, sondern mein alltäglicher Begleiter. Es war ein immer offener Notausgang.  Von 1994 bis 2021 sind es über 10.000 Tage. Über 10.000 Tage, an denen ich mit latenter Suizidalität gelebt habe. An drei Tagen habe ich versucht, mich umzubringen. An allen anderen habe ich es geschafft, es nicht zu versuchen. Das ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Bilanz. Wer lesen mag was mir bis dahin geholfen hat am Leben zu bleiben wird hier fündig. Das Absurde war: Diese Gedanken waren nicht an schlechte Tage gebunden. Ich konnte Motorrad fahren, tanzen, lachen, Musik genießen und gleichzeitig denken: "Ich will tot sein.". Und ich habe ...

206 Ein Milliardenmarkt fürs Unersetzlich sein

Romance ist ein Milliardenmarkt. Egal ob Bücher, Serien, Filme oder Musik , diese Inhalte werden millionenfach konsumiert, weltweit. Frauen geben real Geld aus für Geschichten, in denen die emotionalen Höhepunkte Resonanz und Commitment sind: gesehen werden, ernst genommen werden, gewählt werden.  „Was du denkst, ist mir wichtig.“  „Ich entscheide mich für dich.“  "Du bist für mich unersetzlich." Natürlich gibt es auch Dark-Romance, Bad-Boy-Fantasien, „I will fix him“-Geschichten. Aber selbst dort liegt der Wendepunkt nicht in der Kälte, sondern in der exklusiven Resonanz: Er hört auf sie. Er verändert sich für sie. Er entscheidet sich. Dem gegenüber steht die Behauptung, Frauen wollten Arschlöcher, wollten Männer, die nicht auf sie eingehen, die keine Resonanz geben. Das ist eine Verallgemeinerung und natürlich sind Menschen unterschiedlich. Es gibt Frauen, die Dominanz attraktiv finden, auch toxische Dynamiken. Wenn "Frauen wollen Arschlöcher" aber die durchschnit...

205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel

Loyalitäts-Doppelmoral Ich rede hier nicht von Streit. Ich rede nicht davon, jemanden fertigzumachen oder jemanden persönlich anzugehen.  Ich rede davon, dass ich mich auch mal auskotzen will, dass ich auch mal wütend sein will auf die Welt, auf ein System, auf Umstände, die beschissen laufen. Ihr ruft bei mir an und beschwert euch über den Straßenverkehr, über Kollegen, über das Sozialsystem, über irgendwen, der euch gerade nervt, und ich gehe ein Stück mit, nicht weil ich muss, sondern weil das normal ist, weil das dazugehört, weil das gut tut, weil man sich bei Freunden auch mal auskotzen darf. Ich relativiere vielleicht minimal, wenn es nötig ist, aber ich verlasse euch nicht, ich bleibe bei euch und rege mich mit euch auf, weil das Verbundenheit ist, dieser kurze Moment von: "Wir gegen die Welt!". Wenn ich wütend bin, dann bin ich euch unangenehm, peinlich, zu laut, zu anstrengend. Dann heißt es, ich müsse das differenzierter sehen, ich müsse sachlicher bleiben, ich müss...

204 Bücherfresser a.D.

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Beim Lesenlernen hasste ich Lesen, meine Mutter meinte: "Du wirst es irgendwann lieben!". In meiner kindlichen Sturheit die später auch zu dem Spitznamen "DrachenSchaf" führte, glaubte ich ihr absolut nicht. Mein erstes selbst gelesenes Buch weiß ich noch genau. Es war „Oh, wie schön ist Panama“, von Janosch, in Schreibschrift gedruckt. Warum ausgerechnet dieses Buch der Anfang war, weiß ich nicht einmal sicher. Ich weiß nur, dass meine Mutter in diesem Moment keine Zeit hatte, mir daraus vorzulesen. Ich war ungefähr in der dritten Klasse, konnte Buchstaben lesen, wusste das auch, aber hatte Lesen bis dahin eher als etwas erlebt, das man gezwungenermaßen macht oder das jemand für einen erledigt. Und dann saß ich da mit diesem Buch und dachte mir sinngemäß: "Bevor ich jetzt warte, bis sie Zeit hat, lese ich es halt selbst.". Und das ging. Nicht Buchstabe für Buchstabe, nicht mühsam, sondern als Geschichte. Ich verstand, was da stand. Ich konnte dem folgen. ...

203 Wie können Menschen Selbsttragfähigkeit lernen?

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Warum Isolation schadet und Beziehung keine Pflichtlösung sein kann Wenn wir hier von Einsamkeit sprechen, dann meine ich nicht „keine Partnerperson" und auch nicht „kein Sex". Ich meine echte soziale Isolation: wenig reale Begegnung, kaum enge Bindungen, kein stabiles Netz von Menschen, mit denen man regelmäßig spricht, lacht, streitet, sich austauscht. Ein soziales Wesen, das dauerhaft ohne Einbindung lebt, zahlt dafür einen Preis. Darauf Isolation ein echtes Problem ist, gibt es inzwischen genug Hinweise, dass man es nicht mehr als Empfindlichkeit abtun kann. Wenn es stimmt und vieles deutet darauf hin, dass Männer häufiger in diese schädliche Form von Isolation geraten, dann sollte man das ernst nehmen. Es ist kein Wettbewerb der Opfer. Und bevor irgendjemand innerlich dichtmacht: Ja, auch Frauen können einsam sein. Ja, auch nicht-binäre Menschen können isoliert sein. Es geht hier nicht vorrangig um Geschlechter, sondern um möglicherweise schädliche Muster. ...

202 Tabus

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Auch wenn ich hier nur über meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht für mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen.  In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen über Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische Verklärung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverständlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig über neugierige Fragen. Psychische Zusammenbrüche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach außen eine heile Welt vorspielte. Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen. Das erste Tabu war Hilfe. Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war ...

201 Nutzlos oder schon schädlich?

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  Die gnadenlose Religion Für mich ist die vorherrschende "Religion" hier nicht Christentum, Islam oder Atheismus, sondern Erwerbsarbeit. Diese ist dabei nicht nur eine Art, Geld zu verdienen, sondern wichtigster sozialer und moralischer Marker. Diese Prägung ist kultureller Default-Modus, mal milder, mal gnadenloser. (hier mehr dazu falls gewünscht: Arbeit als Religion - Nützlichkeit als Absolution ) Wenn man diese Logik im Kopf hat, wirken bestimmte Regelungen und Abläufe im Sozialstaat nicht mehr wie juristische Notwendigkeiten, sondern wie Verstärker im Glauben des Einzelnen. Im November habe ich Wohngeld beantragt. Nach erster Durchsicht hieß es, es sehe nach Bewilligung aus, würde allerdings voraussichtlich drei Monate Bearbeitung kosten. Wohngeld ist für mich kein Bonus, sondern ungefähr ein Drittel meines monatlichen Einkommens. Man kann sagen: Es wird ja nachbezahlt, aber drei Monate ohne ein Drittel des Einkommens sind drei ...

200 Demokratie ist kein Moralprojekt

Ein persönliches Denkgebäude Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich in meinen Texten ab jetzt die weibliche Form als generisches Geschlecht. Gemeint sind alle. Ich schreibe das nicht aus einer wissenschaftlichen Perspektive heraus und nicht weil ich eine besondere Autorität inne habe. Sondern genau deshalb, weil ich einfach nur ein Bürger dieses Landes bin. Wahlberechtigt, partizipationsberechtigt und deswegen betroffen. Mehr Legitimation braucht Beteiligung am demokratischen Diskurs nicht.  Ich beschreibe mein Denkgebäude, das ich mir über Jahre hinweg gebaut habe. Ich nenne es Radikaldemokratie. Es erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Man kann es betreten, sich umsehen, prüfen, widersprechen und wieder gehen.  Ich nenne mich Radikaldemokrat, weil ich Demokratie nicht als Wahlritual verstehe, sondern als dauerhaftes Verfahren. Radikal nicht im Sinne von extrem, sondern im Sinne von an der Wurzel und dort ist in der Demokratie die einzelne Bürgerin. Nicht die Parte...

Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. - Live-Einblendung

Dies ist kein neues Kapitel. Es ist ein Standbild im laufenden Material, bevor Kapitel 12 fertig passiert ist. Kapitel 11 endet mit der Entscheidung, Pete nicht zu verlassen, sondern in seine Nähe zu ziehen. Seitdem hat sich etwas verschoben. Durch gesagte Worte und durch das Ernst nehmen von Konsequenzen. Nach einem Streit hat Pete geschrieben, ich solle mich dann eben gar nicht mehr melden. Ich habe nachgefragt, ob er das wirklich meint. Erst kam egal, dann ja. Ich habe diese Worte nicht interpretiert und nicht relativiert, sondern wortwörtlich genommen. Also habe ich mich nicht mehr gemeldet. Und ich habe ihn überall blockiert. Ein bisschen aus meiner eigenen Divenhaftigkeit, die ich nicht leugne, aber auch weil ich ein Prinzip habe, das mir wichtiger ist als jedes Gefühl: Wo ich unerwünscht bin, will ich nicht sein. Ganz besonders in romantischen Beziehungen. Damit habe ich mich selbst in eine Lage gebracht, die sich kaum schön reden lässt. Diese Situation gibt Pete die gesamte Han...

Maria über den Steppenwolf

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»Er ist ein schöner Mensch«, sagte ich, »auch mir gefällt er sehr. Aber sag mir, Maria, wie kannst du daneben auch noch mich liebhaben, einen langweiligen alten Kerl, der nicht hübsch ist und schon graue Haare bekommt und kein Saxophon blasen und keine englischen Liebeslieder singen kann?« »Rede nicht so häßlich!« schalt sie. »Es ist doch ganz natürlich. Auch du gefällst mir, auch du hast etwas Hübsches, Liebes und Besonderes, du darfst nicht anders sein, als du bist. Man soll über diese Sachen nicht reden und Rechenschaft verlangen. Schau, wenn du mir den Hals oder das Ohr küßt, dann spüre ich, daß du mich gern hast, daß ich dir gefalle; du kannst so auf eine Art küssen, ein bißchen wie schüchtern, und das sagt zu mir: er hat dich gern, er ist dir dafür dankbar, daß du hübsch bist. Das habe ich sehr, sehr gern. Und dann wieder bei einem anderen Mann habe ich gerade das Gegenteil gern, daß er sich nichts aus mir zu machen scheint und mich so küßt, als sei es eine Gnade von ihm.«

199 Der Herzog, die Jahrhundertstimme und die Pizza

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‚La donna è mobile‘ ist eines der bekanntesten Opernstücke der Welt und wie ich feststellte leicht zu missverstehen. Man kennt die Melodie, man summt sie, man hat sie in deutscher Tiefkühlpizza-Werbung gehört und weil ich sie doch schön fand, versuche ich seit ein paar Jahren mir sie akustisch von der Pizza zurück zu holen.  Doch erschrocken stellte ich fest dass dies nicht einfach eine schöne Arie ist, sondern eine bitterböse Charakterstudie. Sie stammt aus Rigoletto von Giuseppe Verdi und wird von einer Figur gesungen, die alles andere als ein Held ist: dem Herzog von Mantua, einem zynischen Machtmenschen, der seine eigene Verantwortungslosigkeit zur Welterklärung erhebt.  Wenn er singt, dass die Frau wankelmütig sei wie eine Feder im Wind und dass jeder Narr sei, der ihr vertraut, dann beschreibt er nicht die Welt, sondern sich selbst. Verdi gibt also dem moralisch Verrotteten die eingängigste Melodie der ganzen Oper. Ich denke man soll mitsummen und sich dabei ertappen, wi...

Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

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Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Die komplette Chronologie am Stück Kapitel 1 – Bevor es mich gab  Meine Eltern haben sich noch als Kinder auf einem Bauernhof kennengelernt, weil sie beide arbeiten mussten. Die Nachkriegszeit kannte da keine Gnade.  Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits geprägt von einer Kindheit, die ich mir nur schwer vorstellen kann, obwohl ich sie oft erzählt bekommen habe. Sie wurde 1940 geboren, mitten in den Krieg hinein, und ihre frühen Erinnerungen handeln von Dunkelheit im Keller, von Angst, von nicht den Radiosender einstellen dürfen und von Erwachsenen, die selbst Angst hatten. Ihre Eltern waren überzeugte, ich denke das kann ich so sagen, Nationalsozialisten, die Erziehung war hart, autoritär, durchdrungen von der schwarzen Pädagogik jener Zeit. Hunger, körperliche Arbeit schon als Kind, auch schon früh fast und dann komplett den ganzen Haushalt führen, und auch Misshandlungen, all das gehörte zu ihrem Alltag.  Sie liebte aber auc...