313 Vapes - Déjà-vu eines Rauchers

 Ich verwende ein generisches Femininum und meine damit alle Geschlechter.

Als ich heute wieder ein Video über Vapes gesehen habe, musste ich an eine Zeit zurückdenken, in der ich selbst begeistert gedampft habe. Bevor ich damals mit dem Dampfen angefangen habe, war ich ungefähr 30 Jahre lang Raucher.

Doch als die ersten E-Zigaretten aufkamen, war das eine völlig andere Welt als die heutigen Einweg-Vapes. Wir hatten Metall-Akkuträger und abschraubbare Verdampfer, haben selbst Wicklungen gebaut, Watte eingezogen, Liquids gemischt und über die Technik diskutiert. Das Ganze war fast schon ein Nerd-Hobby.

Quasi alle Dampferinnen, die ich damals kannte, waren vorher Raucherinnen und wollten meist von der Zigarette weg. Manche wegen ihrer Gesundheit, manche wegen ihrer Familie, manche wegen des Geldes, manche wegen des Geruchs und viele einfach, weil sie hofften, eine weniger schädliche Alternative gefunden zu haben, ohne auf Nikotin verzichten zu müssen.

Ich halte diesen Gedanken der Schadensminimierung bis heute für grundsätzlich richtig. Wenn jemand seit Jahrzehnten raucht und den Ausstieg nicht schafft, dann erscheint es mir vernünftig, auf eine Form des Nikotinkonsums umzusteigen, die nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich weniger schadet als das Verbrennen von Tabak. Weniger schädlich bedeutet nicht harmlos, aber es kann für langjährige Raucherinnen trotzdem ein sinnvoller Schritt sein.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Dampferwelt änderten sich, vieles wurde komplizierter und für mich verlor das Thema seinen Reiz. Ich bin leider damals zurück zur Zigarette und rauchte noch einige Jahre weiter. Erst deutlich später gelang mir der endgültige Ausstieg. Nicht in erster Linie aus Angst vor Krankheit, sondern weil ich irgendwann nicht mehr von einer Sucht bestimmt werden wollte.

Wenn ich heute auf das Thema schaue, beschäftigt mich allerdings etwas ganz anderes.

Ich bin 1982 geboren. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Zigaretten nicht einfach nur verkauft wurden. Sie wurden erzählt. Aus meiner Sicht wurden Zigaretten als Freiheit inszeniert, als Rebellion, als Feminismus, als Individualität, als Coolness, als Erwachsensein. Bei uns in der Clique rauchten viele Gauloises. Wir haben uns gegenseitig erzählt, das seien die Zigaretten der französischen Freiheitskämpfer. Ob das historisch nun völlig korrekt war oder nicht, spielte keine Rolle. Entscheidend war das Bild, das dadurch entstand.

Man fängt nicht an zu rauchen, weil man nikotinabhängig ist. Man wird erst abhängig.

Man rauchte, weil andere rauchten. Oder weil andere gerade nicht rauchten. Man wollte dazugehören. Oder sich bewusst absetzen. Man wollte erwachsen wirken, rebellisch sein oder einfach Teil einer Gruppe sein.

Jugendliche sind nicht dumm. Aber sie befinden sich in einer Lebensphase, in der die Frage “Wie sehen mich andere?” eine enorme Bedeutung hat. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man probiert Identitäten aus, sucht seinen Platz und orientiert sich an Menschen, die man bewundert.

Genau deshalb ertappe ich mich dabei, dass ich bei manchen Inhalten rund um Vapes ein ähnliches Gefühl bekomme wie früher bei der Zigarettenwerbung. Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht nehme ich das auch nur deshalb so wahr, weil ich mit genau diesen Bildern groß geworden bin.

Aber dieses Gefühl werde ich nicht los, dass wir gerade erleben, wie sich dieselben Mechanismen in einer neuen Form wiederholen. Kann es sein, dass wieder ein potentiell suchterzeugendes Produkt als cool und hip präsentiert wird?

Ich finde, genau darüber sollten wir sprechen. Hinzu kommt, dass ich der Tabakindustrie grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis begegne. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungserzählungen, sondern wegen ihrer gut dokumentierten Geschichte. Über Jahrzehnte wurden Gesundheitsrisiken heruntergespielt, wissenschaftliche Erkenntnisse bestritten oder verzögert anerkannt. Dieses historische Erbe verschwindet nicht einfach. Und genau diese Tabakindustrie ist am Geschäft mit den Vapes stark beteiligt.

Mich würde deshalb interessieren, wie Menschen unterschiedlicher Generationen das sehen.

Wer wie ich mit der klassischen Zigarettenwerbung groß geworden ist: Empfindet ihr es auch als Déjà-vu?

Und diejenigen, die deutlich jünger sind: Wirkt das auf euch ganz anders, als ich es wahrnehme?

Vielleicht denke ich aufgrund meiner eigenen Suchtgeschichte, dass junge Menschen möglichst wenig mit Stoffen in Berührung kommen sollten, die abhängig machen können. Gerade deshalb interessiert mich, ob andere Menschen das ähnlich oder völlig anders wahrnehmen.

Zu meiner Suchtgeschichte habe ich bereits viele Texte geschrieben: Open Source Texte auf der Dropbox Zur freien Verwendung und Weitergabe, bei Verwendung bitte “Jemand DrachenSchaf” als Autor angeben.


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