Kapitel 2 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Kapitel 2
Kindheit inmitten von Arbeit, Tieren und Verantwortungsbereichen
Ich bin in eine Familie hineingeboren worden, in der Zuständigkeiten keine pädagogische Entscheidung waren, sondern sich schlicht aus der Anzahl der Menschen, der Menge an Arbeit und der begrenzten Zeit ergaben. Es gab viele Kinder, es gab die Nebenerwerbslandwirtschaft mit den Tieren, es gab einen Alltag, der funktionieren musste, und es gab Eltern, die selbst nie gelernt hatten, dass Kindheit ein geschützter Raum sein könnte. Entsprechend war auch meine eigene Kindheit weniger ein Schonraum als ein Mitlaufen, ein Dabeisein, ein Hineinwachsen in etwas, das längst in Bewegung war, bevor es mich gab.
Aufgezogen haben mich nicht in erster Linie meine Eltern, sondern vor allem meine Geschwister. Besonders meine älteste Schwester T und mein Bruder E waren früh Verantwortungspersonen für mich, später auch meine Schwester S und mein Bruder J. Sie haben mir Dinge beigebracht, die meist eher Eltern beibringen: laufen, reden, lesen, schreiben, rechnen, sich orientieren, sich schützen. Sie haben auf mich und meine kleine Schwester aufgepasst, sie haben vermittelt, sie haben schlicht übernommen, weil jemand übernehmen musste. Das war gleichzeitig heroische Leistung UND Alltag. Und für mich war es normal, dass Nähe, Sicherheit und Anleitung teilweise eher von Geschwistern kamen als von den Erwachsenen, die formal dafür vorgesehen gewesen wären.
Meine Mutter war und ist tatsächlich körperlich recht anfällig. Sie musste geschützt werden, nicht wir. Migräne bedeutete absolute Ruhe, und das hieß hieß, dass zwei Vorschulkinder lautlos zu spielen hatten, stundenlang, ohne Rücksicht darauf, ob das zumutbar war.
Ihre häufig ausgesprochenen Suizidgedanken trugen zusätzlich zu unserer Angst um sie bei.
Und gleichzeitig war da diese andere Seite: ihre Fantasie, ihre Liebe zu Geschichten, zu Musik, zu Kino, zu Büchern, die sie uns mitgab das war der Teil von Mutterschaft, den sie wirklich meisterlich beherrschte. Sie ist super im familiären Legenden bilden.
Mein Vater war auf andere Art schädlich und Vorbild gleichzeitig. Er war da, körperlich präsent, laut, bestimmend, oft cholerisch, und jemand, vor dem man sich in Acht nahm. Seine Ausbrüche waren unberechenbar, seine Stimmung schwankte, und obwohl seine Trinkphasen weniger belastend für mich waren als seine nüchternen, war er als Figur immer eine, die man im Blick behalten musste. Schutz kam nicht von oben nach unten, sondern seitlich. Meine Geschwister waren es, die sich zwischen uns „Kleine“ und ihn stellten, wenn es nötig war, die vermittelten, ablenkten, entschärften.
Meine Großmutter mütterlicherseits lebte dreizehn Jahre mit im Haus und verschärfte die Spannungen zusätzlich. Die hing immer noch der Ideologie ihrer Jugend an und ist von allen Menschen die ich kenne, derjenige der am ehesten das Adjektiv „böse“ verdient zu haben scheint. Auch wenn es, wie bei jedem, auch bei ihr biografische Erklärungen gab. Für ihre Taten gibt es keine Entschuldigungen, weder die an unserer Mutter, noch die, die sie uns Geschwistern antat.
Die Tiere der Nebenerwerbslandwirtschaft waren ein fester Bestandteil dieses Systems, kein romantisches Beiwerk, sondern Arbeit, Verantwortung und Realität. Tiere sind Charaktere, aber sie hatten auch eine Funktion. Man kümmerte sich um sie, man respektierte sie, manchmal mochte man sie, man streichelte sie und man aß sie. Das war kein Tabu, sondern Teil eines Kreislaufs, den niemand erklären musste. Für mich bedeutete das, früh zu lernen, dass Leben wertvoll ist und gleichzeitig endlich, dass Fürsorge und Härte sich nicht ausschließen, sondern oft gleichzeitig auftreten. Diese Ambivalenz hat mich geprägt und mir sogar geholfen früh zu verstehen dass zwei Sachen gleichzeitig wahr sein können.
Kindheit bedeutete bei uns spielen in der Scheune und Rückzug in Geschichten und Musik, aber auch sehr viel Mithelfen, Zuschauen, Dabeisein. Ich erinnere mich an Gummistiefel die im Matsch feststeckten, an Heu machen, an schwere Arbeit, an Situationen, in denen ich körperlich anwesend war, innerlich aber schon begann, mich wegzuträumen, in Geschichten, in Fantasien, in Gedankenwelten, die mir erlaubten, da zu sein und gleichzeitig nicht da zu sein. Diese Fähigkeit, sich innerlich auszublenden, habe ich nicht später gelernt, sie entstand genau hier, zwischen Gummistiefeln, Regen, Kälte, Sonnenbrand und dem Wissen, dass man noch lange nicht fertig ist, auch wenn man müde ist.
Gleichzeitig war unsere Familie keine, die sich nach außen schämte. Es gab Konflikte, es gab Geldstreitigkeiten, es gab Vorwürfe, es gab auch Unausgesprochenes, aber es gab kein Schweigen über das, was war. Niemand tat so, als wäre alles in Ordnung, und niemand verlangte von mir, etwas zu verstecken. Diese Offenheit hat mir später geholfen zu erkennen das jede Lüge und jedes sinnlose Beschönigen einfach unnötige Kraft kostet.
Ich war ein gefallsüchtiges Kind. Ich wollte senden, ich wollte gesehen werden, ich wollte gehört werden, und gleichzeitig schämte ich mich für fast alles, was mich ausmachte. Diese Spannung, zwischen dem Bedürfnis nach Ausdruck und der Angst vor Sichtbarkeit, zog sich durch meine gesamte Kindheit und Jugend und wurde nicht aufgelöst, sondern nur verfeinert. Schon damals war klar, dass ich es nicht aushalten würde unauffällig zu leben, selbst wenn ich es wollen würde.

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