Kapitel 3 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 3 

Du bist überflüssig

Ich erinnere mich an meinen ersten Schultag. Ich sah die Buchstaben an der Wand, erkannte fast alle und dachte: „Das wird gut!“. Dann bekamen wir Sitzplätze und ich wusste schnell: „Das wird auch Hölle!“. Man sollte sich einen Platz suchen. Die anderen Kinder wussten offenbar, wohin sie gehörten, sie bewegten sich mit einer Selbstverständlichkeit, die mir fehlte. Ich war nicht im Kindergarten gewesen, kannte die unausgesprochenen Regeln nicht. Ich kam neu dazu und spürte zum ersten Mal, was mich seit dem begleitet: „Du bist hier nicht willkommen“. 

Dass ich dort saß, war nicht von Dauer. Ich wurde umgesetzt, zwischen die Jungs. In diesem Alter ist das keine neutrale organisatorische Entscheidung, sondern eine weitere Markierung als „nicht passend“. Niemand sprach mit mir, aber die Botschaft war klar. 

In den Pausen wich ich aus, nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Überforderung. Ich wusste schlicht nicht, wie man Anschluss findet, und mein Rückzug machte den Ausschluss nur noch endgültiger. 

Später erfuhr ich, wie sie mich nannten: „Psycho“. Ich nehme ihnen das heute nicht einmal übel. Kinder analysieren nicht was abweicht, sie etikettieren. Und ich war abweichend. Still, stolz, stur, nach Regeln handelnd, die aus einer Familie kamen, die einfach sehr anders aufgebaut war als ihre eigenen. 

Eine Anekdote die mein anders sein gut beschreibt und mir später sogar von dem darin erwähnten Klassenkameraden noch mal erzählt wurde: 

In der dritten Klasse hatten wir Werkunterricht. Wir sollten einen Holzschmetterling bemalen. Meiner gefiel mir nicht. Er war schief, unausgewogen, falsch, irgendwas gefiel mir nicht, was weiß ich nicht mehr. Also warf ich ihn weg. Ein anderes Kind holte ihn aus dem Müll, gab ihn ab und bekam eine Drei. Ich gab nichts ab und bekam eine Sechs. Ich hatte nichts gemacht, was ich als mein Werk anerkennen konnte. Ich habe nie Dinge abgegeben, die meinen eigenen inneren Maßstäben nicht entsprachen, nur um dafür gelobt zu werden. 

Faul war ich auch, durchaus. Aber unfassbar neugierig und begierig darauf die Welt und die Menschen zu verstehen. Dazu später aber noch mehr. 

Der Unterricht selbst war für mich immer ein guter Ort. Dort wurden Dinge erklärt. Dort ging es nicht darum, wie ich aussehe oder wie schnell ich bin, sondern darum, ob ich etwas verstehe. Ich liebe es auf Fragen richtig zu antworten, liebte es, wenn ich Zusammenhänge verstand, wenn ich Logiken in der Welt erkannte. Die Pausen waren das Gegenteil. Ich war schräg, still, sozial unbeholfen, und ich wusste, dass es nicht nur an den anderen lag. 

Ich tat mir also schwer damit Freunde zu finden und freundete mich so mit einer speziellen Gruppe Außenseiter im Dorf an: den Lehrerkindern. So entstand in mir der Gedanke aufs Gymnasium zu wollen, als Erster unserer Familie.

Dann fiel dieser Satz. Von einer Lehrerin, deren Namen ich bis heute nicht ausspreche. „Was willst denn du auf dem Gymnasium? Von euch war doch noch nie jemand da.“ Ich sagte nichts. Ich habe mir diesen Satz gemerkt. Ich merke mir solche Sätze immer und sie erzeugen Sturheit.

Meine Noten reichten nicht. Meine Lehrerin half nicht. Meine Mutter war unsicher, vorsichtig, vielleicht auch müde. Aber ich konnte schon damals reden, wenn es mir wichtig war. Ich überredete sie. Nicht manipulativ, sondern beharrlich. Also ging ich zur Aufnahmeprüfung für ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Nicht dort, wo meine beste Freundin war, sondern bewusst woanders. Ich wollte nicht ihr Anhang sein.

Und plötzlich ergab vieles Sinn. Die Inhalte waren klar, strukturiert, nachvollziehbar. Regeln, an denen man sich entlangdenken konnte eine erkennbare Ordnung für mein Wissen. Ich war gut genug, vielleicht sogar gut. Aber ich gehörte trotzdem nicht dazu. Nicht die richtigen Bücher. Nicht die richtigen Filme. Nicht die richtige Musik. Nicht die richtige Sprache. Nicht das richtige Zuhause. Eher ein interessantes Tier im Zoo als ein Mitschüler. Wieder wurde mir gezeigt: "Du bist nicht richtig.".

Also beendete ich es. Zuerst erklärte ich es, dann machte ich klar dass ich freiwillig oder gezwungen runter gehen werde. Ich gab leere Seiten ab. Irgendwann verstanden es alle, meine Mutter, deren Freunde, die Lehrer. Man muss nicht immer schreien, um gehört zu werden.

Sport lief parallel zu all dem. Ich begann früh mit dem Turnen, mit sechs oder sieben, offiziell als Mannschaftssport. Inoffiziell war es ein System aus Wertungen, bei dem die zwei schlechtesten Ergebnisse gestrichen wurden. Ich war immer eines davon. Ich war Teil der Mannschaft und zählte gleichzeitig nicht. Ich war da, ich trainierte, ich machte mit, und mein Dabeisein hatte dennoch keinen Effekt. Und lernte: „Du bist hier überflüssig.“ 

Schulsport war noch mehr Qual. Schon in der Grundschule war klar, dass ich schlecht war. Ich konnte keinen Purzelbaum, ich war langsam, ungelenk, immer der Letzte, der gewählt wurde. Nicht nur aus sozialen Gründen, sondern schlicht aus Logik. Man wählt die, die funktionieren. 

Nach dem Turnen kam die Wasserwacht. Ich war etwa zwölf. Wieder Training, wieder Wettkämpfe, wieder Letzter. Es war nicht mehr nur mögliches Scheitern, es war erwartetes Scheitern. Ungefähr zu dieser Zeit sagte meine beste Freundin AM zu mir: „Du warst in der Turnmannschaft? Das kann ich mir bei jemandem so Plumpem wie dir gar nicht vorstellen.“ Das war nicht der Anfang meiner verzerrten Körperwahrnehmung, aber es war ein Schnitt. Ein Satz, der etwas fixierte, was vorher diffus gewesen war. Ab da war mein Körper nicht mehr nur nicht leistungsfähig genug, sondern zu fett, um teilzunehmen. 

Später kam das Reiten. Ich wollte nie auf Turniere, ich lernte jahrelang einfach nur reiten. Doch irgendwann hieß es, ich sei gut, also stellte ich mich noch einmal einem Wettkampf. Es lief eigentlich gut. Meine Stute war ruhig, ich war konzentriert. Ich wurde Letzter. Das war mein letztes Turnier, mein letzter Wettkampf überhaupt. 

Gleichzeitig wurde mein Körper immer muskulöser. Durch die Arbeit in der Landwirtschaft, durch Reiten, durch Schwimmen. Ich war stark, zäh, belastbar. Und ich fand mich furchtbar dick. Ich wog mit siebzehn, achtzehn Jahren etwa fünfzig Kilo bei 1,68 Meter. Und dennoch ein plumper Klotz, den niemand je wollen könnte, in meinen Augen damals. 

Und dann gibt gibt es noch diesen Raum, der einen eigenen Abschnitt verdient hätte: die Umkleide. Ich hatte nie die richtigen Klamotten. Alte Jogginghosen, nichts, was gut aussah. Meine Familie war groß, mein Vater geizig, Sportkleidung nie Priorität. Dazu kam die Angst vor Geruch, vor Schweiß, vor der Kennzeichnung als ungepflegt. Und mit Beginn der Pubertät wurde dieser Raum endgültig schlimmer als der Sport selbst. Ich hatte keine Begriffe. Ich wusste nur, dass ich dort nicht sein sollte. Nicht dort, aber auch nirgendwo anders. Ich wusste, dass ich dort drüben bei den Jungen noch weniger passen würde. Ich war ein Wolf im Schafspelz, und mir war das auch ohne Begriffe bewusst. 

All das lief zusammen, nicht als große Ursache, sondern als viele kleine tägliche Bestätigungen. Als ich den Sport schließlich aus meinem Leben strich, wurde es schlagartig leichter, noch bevor ich irgendetwas verstanden oder benannt hätte. Erst viel später begriff ich, dass der Sport mich nie verbunden hatte. Er hatte mir keinen Halt gegeben. Für andere mag das anders sein. Für mich war er ein Ort, an dem ich sehr früh lernte nicht ausreichend zu sein um zu zählen. 

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