185 Ein Tonstudio ist keine Echokammer
Gerade erschien ein typischer Pop-Psychologie-Artikel auf meiner Startseite:
https://www.glamour.de/artikel/persoenlichkeitstyp-echoist-so-erkennst-du-ihn
[Glamour, 21. Januar 2026]
Der erste Gedanke... och neee nicht schon wieder angebliche Narzissten. Doch mein zweiter Gedanke war tatsächlich: Echoisten, wie wunderbar, genau die suche ich. Menschen, die zuhören können. Die die Ball zurückspielen. Die Interesse zeigen. Fragen stellen. Beim Thema bleiben. Die Echo geben.
Dann habe ich den Text überflogen. Und selbst dabei gemerkt: Das ist nicht das, was ich unter Echo verstehe.
Was dort beschrieben wird, sind keine Menschen, die besonders gut Resonanz erzeugen. Es sind Menschen, bei denen Resonanz verschwindet. Menschen, die nicht spiegeln, sondern die Wirkung verschlucken. Die nichts zurückgeben, weil sie bloß niemanden stören wollen. Das ist kein Echo. Das ist Schallabsorption.
Überspitzt gesagt:
Wenn
man so jemanden Echoist nennt, ist das ungefähr so, als würde man ein
Tonstudio, das komplett mit Eierschachteln ausgekleidet ist, eine
Echokammer nennen.
Der Glamour-Text beschreibt meiner Meinung nach etwas anderes, nämlich Vermeidungsverhalten. Angst vor Reibung. Sich klein machen, um nicht anzuecken. Und verkauft das als etwas Gutes. Und scheint mir wirklich fast gefährlich für genau die Menschen, die so sind.
Denn wenn man sich nie zeigt, kann einen niemand mögen. Das ist kein Vorwurf. Das ist schlicht logisch, denn niemand weiß wie du bist wenn deine einzigen sichtbaren Eigenschaften Höflichkeit und Hilfsbereitschaft sind und dass sind kein Gründe jemand zu mögen oder gar zu lieben, sondern Gründe warum man nicht komplett sozial ausgeschlossen wird.
Man kann sozial sein, freundlich, korrekt, eingebunden. Man kann Kontakte haben. Und trotzdem, wenn niemand weiß, was dir wichtig ist, was dir egal ist, was du gut findest, was du ablehnst, worüber du lachen kannst und worüber nicht, dann gibt es nichts, woran Zuneigung andocken kann. Ich kann niemanden mögen, von dem ich nicht weiß, wie er tickt. Das gilt für große Fragen und für banale. Für Politik, für Glauben, für Lebensentwürfe und vielleicht sogar wie jemand zu Harry Potter steht.
Das heißt für mich nicht, dass man zu allem eine Meinung haben muss. Ich darf sehr klar sagen: "Dazu weiß ich nichts.", "Dazu äußere ich mich nicht." usw.. Das ist keine Schwäche, das ist auch Haltung. Aber wer sich zu nichts äußert, nicht aus Wissen um Grenzen, sondern aus Angst vor Reibung, wird unlesbar und das macht Nähe schwer.
Viele nennen das Harmonie. Für mich ist es das nicht. Harmonie ist nicht, dass niemand widerspricht. Harmonie ist, dass man auf einer Wellenlänge schwingt. Und dafür braucht es Übereinstimmung. Nicht in allem, aber in genug, dass es trägt. Und dafür muss man wissen worin man übereinstimmt.
Harmonie ist ursprünglich meines Wissens ein musikalischer Begriff und meint Zusammenklang. Nicht Stille, nicht Gleichschritt, sondern das gleichzeitige Erklingen mehrerer Töne, die zueinander passen. Übertragen auf Menschen heißt das für mich nicht, dass man ständig reden muss. Es heißt nur: Damit etwas zusammenklingen kann, muss überhaupt etwas da sein. Harmonie entsteht aus Übereinkunft. Aus dem Wissen, dass man in diesem Kontext, in diesem Bereich, auf einer Linie ist bzw. sich ergänzt. Man kann schweigend harmonieren, beim Arbeiten, beim Zocken, beim Wandern, wobei auch immer, aber nur, weil vorher oder implizit klar ist: Wir passen hier zusammen. Stille ist nicht Harmonie. Sie funktioniert nur dort harmonisch, wo Übereinstimmung bereits besteht und Übereinstimmung muss man ja erstmal herausfinden.
Das Paradoxe ist: Wenn man harmoniebedürftig ist, müsste man sich glaube ich, eigentlich besonders stark positionieren. Aus meiner Erfahrung gibt es eine klare Tendenz: Je klarer man sagt, wofür man steht, desto stärker wird das Umfeld gesiebt. Viele gehen dann ganz von allein. Mit denen, die bleiben, ist es ruhig und oft sogar harmonisch. Das kann mir zumindest sogar langweilig werden, weil Reibung fehlt. Aber es ist echte Harmonie, nicht bloßes Aushalten.
Nach meinem Verständnis heißt das nicht, lauter zu werden oder kantiger oder irgendetwas darzustellen, was man nicht ist. Für mich ist das einfach eine Einladung, sich selbst ernst zu nehmen und zu zeigen, wie man ist. Auch dann, wenn das leise ist, vorsichtig, ruhig oder empfindlich. Ich selbst bin nicht besonders still, nicht immer sanft, eher direkter, manchmal lauter, und wenn jemand sagt, das passt für ihn nicht, dann ist das völlig in Ordnung. Dann kann ich schauen, ob und wie weit ich mich zurücknehmen will, oder wir stellen fest, dass wir nicht gut zusammenpassen. Beides ist kein Scheitern, sondern Klärung. Für mich entsteht Harmonie genau dadurch, dass man sich zeigt, wie man ist, und dadurch bleiben die Menschen, mit denen es wirklich zusammenklingt.
Und selbst wenn man den theoretischen Sonderfall annimmt: Jemand positioniert sich nie und trifft zufällig auf Menschen, deren Werte, Moralvorstellungen und Grundhaltungen er teilt. Selbst dann bleibt ein Problem. Diese Menschen müssen davon erfahren. Man muss darüber sprechen. Man muss zustimmen können.
Wäre das für dich Harmonie?
Und wenn ja: Wie willst du jemanden für dich interessieren, ohne dich zu zeigen?
P.S. Dies ist eine Fortsetzung des Resonanzthemengebiets, mit dem ich mich schon recht lange beschäftige. Bisherige Texte:
102 Interessant sein lässt sich nicht lernen – der Bericht eines Scheiterns
103 Liebe dich selbst – aber was, wenn ich ein Arschloch bin?
104 Die Gewalt der Floskeln
105 Das einfachste bleibt aus
106 Spatz in der Hand, nie Taube auf dem Dach
107 Ein umwälzendes Gespräch
108 Der Spatz und die Resonanz
109 Der Selbstdarsteller
110 [18+] Resonanz, falsche Komplimente und Grenzüberschreitungen
111 Behandle andere stets so, wie du selbst behandelt werden willst
169 Beziehung ohne Person – Wie wichtig ist uns Resonanz?
171 Beziehung ohne Person
175 Resonanz, Bühne, Dopamin: Meine Geschichte mit Social Media
176 Warum Social Media so gut funktioniert ...
180 Interessant sein ist keine Eigenschaft
182 Ist 'nicht-allein-sein' schon Bindung?
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