183 Tabakrauchen, Ersatzmethoden und meine Entscheidung
Ein persönlicher Essay zwischen Datenlage, Erfahrung und Harm Reduction
Meine Frage
Ich
konsumiere gelegentlich THC und CBD. Nicht täglich, nicht als
Selbstmedikation, sondern vergleichbar mit einem Feierabendbier oder
einem Glas Wein bei manchen. Diese Form des Genusses möchte ich mir
nicht verbieten. Was ich mir sehr wohl verbieten will, ist wieder
Zigaretten zu rauchen. Nicht „ab und zu", nicht „kontrolliert", sondern
so, wie ich es leider kenne. Jeden Tag teilweise vierzig selbst gedrehte
Zigaretten. Das ist das, was ich vermeiden will. THC- und CBD-Genuss
möchte ich trotzdem ermöglichen und das möglichst mit wenig Schaden für
mich selbst. Gleichzeitig muss das praktikabel genug für mich sein, um
das durchzuhalten.
Meine
bevorzugte Darreichungsform war lange der Joint mit Tabak. Er ist
haptisch vertraut, ritualisiert, "geschmacklich" mein Favorit. Der Tabak
ist für mich dabei kein neutraler Zusatz. Diese Erkenntnis ist nicht
theoretisch, sie ist biografisch. Nikotin im Rauch ist allerdings ein
relevanter Suchtauslöser, das gilt meines Wissens als fachlicher
Konsens.
Der naheliegende Gedanke war dann, wenn verbrannter Tabak
ein potentieller Suchtauslöser ist, warum ihn nicht einfach ersetzen?
Kräuter, Tee, Cannabisblätter. Gleiche Form, weniger Suchtstoff. Genau
an dieser Stelle probierte ich es einfach aus und bin heute an dem
Punkt:
Reicht es mir, den Tabak aus dem Joint zu entfernen, um das Risiko in einen persönlich verantwortbaren Bereich zu bringen?
Was
bei jeder Betrachtung der Sachlage schnell klar wird, ist allerdings
unbequem: Verbranntes Pflanzenmaterial zu inhalieren ist gesundheitlich
problematisch, egal ob es Tabak ist oder Teile einer anderen Pflanze.
Der Wechsel zu Kräutern macht den Joint nicht gesund. Er verändert das
Risiko, aber er hebt es nicht auf.
Doch Gesundheit ist nicht der
einzige für mich interessante Faktor. Suchtgefahren durch Nikotin, die
Verfügbarkeit von Tabak in der Wohnung und das Ritual des Rauchens sind
ebenso Teil meiner Pro- und Contra-Abwägung.
1. Gesundheitsgefahren des Kräuter-/Tee- oder Cannabisblätterrauchens im Gegensatz zum Tabakrauchen
1.1 Gesundheitsgefahren durch Rauchinhalation
Auch
wenn der gesundheitliche Faktor für mich nicht der einzige ist, möchte
ich dennoch darauf eingehen, was ich für mich als fachlich bestätigt
herausfinden konnte.
Die wissenschaftlichen
Veröffentlichungen sind sich recht einig, dass das Rauchen verbrannter
biologischer Stoffe schädlich ist. Unabhängig davon, welche Pflanze
verbrannt wird, entstehen Schadstoffe, die für Lunge,
Herz-Kreislauf-System und langfristig auch für das Krebsrisiko relevant
sein können. Der Wechsel von Tabak zu Kräutern oder Blättern macht das
Rauchen also nicht grundsätzlich gesund.
1.2 Suchtgefahren durch Nikotin, bzw. Tabakrauch
Auf diesen Aspekt werde ich hier nicht gesondert eingehen, weil dies
den Rahmen sprengen würde. Leicht zugängliche Verbraucher- und
Konsumenteninformationen zu diesem Teilthema finden sich unter anderem
hier:
2. Tabak im Haus
Je
leichter und stressfreier mein Suchtstoff - in dem Fall Tabak - für
mich verfügbar ist, desto schwerer mache ich mir das Verzichten. Das
kenne ich noch von meinem alten "Freund" dem Alkohol.
Ich habe mir
trotzdem eingeredet, dass gelegentlicher Tabak im Joint funktionieren
könnte. Zwei Wochen später war ich wieder im Alltag des
Zigarettenrauchens angekommen. Kippen drehen ist bei mir derart in
Fleisch- und Blut übergegangen, dass ich es fast automatisch mache, wenn
Tabak und Blättchen vor mir liegen.
Aber in belasteten Momenten
steigert auch schon das bloße Vorhandensein innerhalb der Wohnung für
mich die Gefahr des Zugreifens. Nicht auf 100 % natürlich, aber ich weiß, dass der Aufwand des Rausgehens bei mir eine Bremse sein kann.
3. Ritualnähe und cue-induced craving
Was
mich an der Kräuter- oder Leafzigarette am meisten beschäftigt, ist
weniger der Stoff als die Nähe zum Originalritual. Drehen, Anzünden,
Inhalieren, Ausatmen. All das ist mir vertraut, und genau darin liegt
mein Risiko.
Ich habe dazu bewusst quer gelesen, unter anderem
Arbeiten zur Frage, wie stark die Ähnlichkeit der Konsummuster von
Substanz und Ersatzstoff Auswirkungen auf die Stärke des Suchtdrucks
haben. Das, was ich dadurch gelernt habe, passt unangenehm gut zu meiner
eigenen Erfahrung:
Die Gefahr liegt darin, dass mein Körper und mein Kopf ein bekanntes Muster erkennen. Die gewohnte Handlung ist selbst ein Signal, das mir meldet: Gleich kommt Suchtstoff! Bleibt dieser dann aus, kann das den Suchtdruck sogar verstärken.
Gleichzeitig kann man interpretieren, dass fehlender Hauptwirkstoff das
Risiko deutlich senkt. Ähnlichkeit allein produziert nicht zwangsläufig
einen Rückfall, aber sie erhöht die Schwierigkeit des
Abstinentbleibens.
Für mich heißt das: Der Kräuterjoint ist auch hier, wie auch bei der Gesundheitsfrage, nicht neutral.
Andere Darreichungsformen, die ich bereits getestet habe im Kurzvergleich:
Bei einer Bong ändert nichts daran, dass verbranntes Material inhaliert wird, dass heißt aus Sicht der Schadstoffbelastung ist das kein oder nur ein minimaler qualitativer Sprung. Es ist dadurch allerdings möglich auf Tabak und damit Nikotin zu verzichten, was die Rückfallgefahr senkt. Der "Tabak im Haus"-Fall könnte hierdurch vermieden werden und die Ritualnähe ist kleiner als beim Kräuterjoint.
Bei Vaporizern, ich meine damiti sogenannte "Heat-not-burn"-Geräte sollen das Material erhitzten werden ohne Verbrennen und deutlich weniger Verbrennungsprodukte produzieren. Dadruch könnte es wahrscheinlich geringere toxische Belastung und weniger kanzerogene Wirkung geben. Die anderen Aspekte sind genau wie bei der Bong.
Mein Fazit
Für mich wäre die überzeugendste Form der Harm Reduction also eher der Vaporizer als der Kräuterjoint.
Doch meine bisherigen Erfahrungen mit Vaporizern sind alt, technisch
überholt und emotional wenig überzeugend. Der Geschmack, die Handhabung
und die Wirkung spielen für mich eine Rolle, ob ich will oder nicht.
Eine Lösung, die ich nicht nutze, ist keine Lösung.
Die erste Entscheidung war von Anfang an eindeutig und nicht mehr verhandelbar: Tabak ist raus.
Die zweite Entscheidung ist bewusst vorläufig. Ich bleibe zunächst bei der Kräuter-, Tee- oder Leafzigarette. Nicht, weil ich sie für gesund halte, sondern weil sie mein zentrales Ziel aktuell erfüllt. Sie erlaubt mir gelegentlichen THC- und CBD-Konsum, ohne den Nikotin-Suchtmechanismus zu aktivieren. Auf lange Sicht will ich dann aber zum Vaporizer wechseln.
Die komplette Sucht-Reihe von mir ist auch hier auf Wattpad zu finden, am einfachsten und kombiniert mit Therapieerfahrungsberichten in der Geschichte "Therapie und der steinige Weg", den Link dazu mache ich in den Kommentar.

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