181 Quality Time? Echt jetzt?

 Dieser Begriff hat auch für mich immer einen faden Beigeschmack gehabt. Als ob man Nähe und eine gute Zeit fest planen könnte, am besten indem man viel Geld und Planung investiert. Teures Restaurant, aufwendiger Kurztrip, tolles Event. Das sind alles gute Sachen und ab und an sollte man sich etwas gönnen, aber so etwas macht nicht plötzlich Nähe gültig.

Trotzdem konnte ich mich dann doch noch mit dem Ausdruck anfreunden, und zwar wenn man nicht nach Planung und Aufwand geht, sondern nach Unersetzlichkeit des Miterlebenden. Egal ob man Kanu fährt, schweigend den Jakobsweg wandert, einen Tisch zusammenbaut oder 2 Stunden über eine Szene in Fallout diskutiert. Wenn man merkt, das kann und will ich gerade ausschließlich mit dieser einen Person erleben, dann ist es für mich Quality Time. Auch Sex kann demnach Quality Time sein, aber wenn es die einzige Art ist sie zu erreichen muss jeder selbst wissen ob es reicht.

Das man das in einer andauernden Partnerschaft oder auch Freundschaft nicht 24/7 so erlebt ist einfach logisch. Der Alltag will organisiert sein. Man muss einkaufen, arbeiten, Ämtergänge erledigen, Familienfeiern einplanen usw., aber wenn es wirklich nie Zeiten gibt, in denen der eigene Partner oder beste Freund mal durch niemand anderen zu ersetzen ist, dann fehlt etwas Wesentliches, meiner Meinung nach.

Genau hier wird es für mich spannend, denn wenn Bekannte von ihren Partnern und Partnerinnen erzählen, klingt das oft vielmehr nach einer Mischung aus Funktion und Ärgernis. Es geht erstaunlich selten um Neugier, Bewunderung oder auch nur echtes Interesse an dem Menschen. Da wird nicht erzählt, was die Beziehungsperson ausmacht, sondern was sie macht oder halt nicht macht. Wie zuverlässig sie ist, wie anstrengend, wie praktisch, wie nervig. Der Ton erinnert mich dabei oft an das, was man lange aus Beziehungshumor kannte: dieses ständige Augenrollen, das ironische Abwerten, das Reduzieren auf Marotten und Defizite. Nicht liebevoll, nicht zärtlich, sondern routiniert. Und das höre ich von allen Geschlechtern, quer durch die Beziehungsformen.
Klar macht man mal nen Joke über Marotten der Menschen die einem nahe sind, aber wenn der oder die andere nur nervt und funktioniert, warum sucht man dann nicht jemanden den man wirklich mag.

Wegen dieser Beobachtungen wirkt es für mich manchmal aber fast so als würde sich quasi eine „Beziehung ohne Person" gewünscht, in der nicht gefragt wird: „Will ich genau diesen Menschen?", sondern nur: „Funktioniert dieser Mensch für mich?" Ob jemand unersetzlich ist, scheint dann nie geprüft zu werden, weil Austauschbarkeit anscheinend implizit vorausgesetzt ist. Hauptsache, die Funktion bleibt erfüllt.

Und ich glaube nicht, dass sich das durch gute Absichten oder Höflichkeit ausgleichen lässt. Denn Interesse, echte Neugier und Resonanz zeigen sich genau dort: in den Momenten, in denen man nicht effizient ist, sondern als Mensch unaustauschbar.


P.S. Dies ist eine Fortsetzung des Resonanzthemengebiets, mit dem ich mich schon recht lange beschäftige. Bisherige Texte:

102 Interessant sein lässt sich nicht lernen – der Bericht eines Scheiterns
103 Liebe dich selbst – aber was, wenn ich ein Arschloch bin?
104 Die Gewalt der Floskeln
105 Das einfachste bleibt aus
106 Spatz in der Hand, nie Taube auf dem Dach
107 Ein umwälzendes Gespräch
108 Der Spatz und die Resonanz
109 Der Selbstdarsteller
110 [18+] Resonanz, falsche Komplimente und Grenzüberschreitungen
111 Behandle andere stets so, wie du selbst behandelt werden willst
169 Beziehung ohne Person – Wie wichtig ist uns Resonanz?
171 Beziehung ohne Person
175 Resonanz, Bühne, Dopamin: Meine Geschichte mit Social Media
176 Warum Social Media so gut funktioniert ...
180 Interessant sein ist keine Eigenschaft


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