180 Interessant sein ist keine Eigenschaft

 Ich glaubte lange, interessant sein sei eine Eigenschaft, und verbrachte viel Zeit damit, zu versuchen, interessanter zu werden.

Erst nach vielen Jahren im Online-Dating, kombiniert mit Therapiewissen und Reflexion, wurde mir deutlich, wie sehr ich mich dabei auf dem Holzweg befunden hatte. Und das auch erst, als ich mir endlich eine andere Frage stellte:
„Wann finde ich eigentlich ein Gespräch oder auch eine Person interessant?"

Die Antwort darauf war mir recht schnell klar. Immer dann, wenn mir glaubhaft Interesse an meiner Person oder meinem Charakter, meinen Denkweisen, Emotionen, Einstellungen, Hobbys, meinem Musikgeschmack oder irgendetwas in dieser Art gezeigt wurde, empfand ich ein Gespräch als spannend. Ich möchte den Eindruck haben, dass ich in meinem ganzen „So-Sein" für dieses Gespräch unersetzlich bin. Und ich muss leider sagen, dass dieser Eindruck bei mir nicht durch geäußertes sexuelles Interesse an mir entsteht. Ich könnte sogar sagen: je höher der Gesprächsanteil an sexuellen Anspielungen, desto mehr erhöht sich mein Gefühl des austauschbar Seins.

Mit dieser kleinen Erkenntnis schaute ich noch einmal auf Dating-Verläufe zurück, die ich als uninteressant empfunden und genau aus diesem Grund beendet hatte. Ich hatte sicher nicht immer gut oder gar perfekt vermitteln können das ich Interesse an den Gedanken des Gegenübers hatte, aber mir wurde es ... selbst wenn ich wohlwollend auf diese „langweiligen" Gespräche zurückblicke ... auch tatsächlich noch viel weniger vermittelt.

Dazu kommt noch: Als ich mein Desinteresse beurkundete, waren die meist männlichen Gegenüber oft erstaunt. Mir wurde rückgemeldet, es sei doch ein „schönes Gespräch" gewesen, und es wurde gefragt: „Was habe ich denn falsch gemacht?". Bis vor kurzem fabulierte ich darauf selbst noch hilflos herum, einfach weil mir nicht bewusst war, was die einzig ehrliche Antwort gewesen wäre:

„Ich finde dich uninteressant, weil du kein Interesse an mir zu haben scheinst."

Das klingt furchtbar egozentrisch. Tatsächlich zeigt es meiner Meinung nach aber etwas anderes: Interessant sein ist keine Charaktereigenschaft. Es liegt in der Fähigkeit, sich wirklich für das Gegenüber zu interessieren und dieses Interesse auch zu vermitteln. Und wenn das wechselseitig der Fall ist, habe ich zumindest eines erreicht:

ein spannendes Gespräch mit einer interessanten Person.



P.S. Dies ist eine Fortsetzung des Resonanzthemengebiets, mit dem ich mich schon recht lange beschäftige. Bisherige Texte:

102 Interessant sein lässt sich nicht lernen – der Bericht eines Scheiterns
103 Liebe dich selbst – aber was, wenn ich ein Arschloch bin?
104 Die Gewalt der Floskeln
105 Das einfachste bleibt aus
106 Spatz in der Hand, nie Taube auf dem Dach
107 Ein umwälzendes Gespräch
108 Der Spatz und die Resonanz
109 Der Selbstdarsteller
110 [18+] Resonanz, falsche Komplimente und Grenzüberschreitungen
111 Behandle andere stets so, wie du selbst behandelt werden willst
169 Beziehung ohne Person – Wie wichtig ist uns Resonanz?
171 Beziehung ohne Person
175 Resonanz, Bühne, Dopamin: Meine Geschichte mit Social Media
176 Warum Social Media so gut funktioniert ...


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