178 Es lebe der Sport
"Der ist sozial und gibt uns Halt ♬♩♪♫"
Ich habe früh mit dem Turnen angefangen, mit sechs oder sieben. Es war Mannschaftssport, zumindest offiziell. Inoffiziell war es ein System aus Wertungen das besagte, dass die zwei schlechtesten Ergebnisse gestrichen wurden. Ich war immer eines davon. Ich war Teil der Mannschaft und zählte gleichzeitig nicht. Ich war da, ich habe mitgemacht, ich habe geübt, und trotzdem hatte mein dabei sein keinen Effekt.
Parallel dazu Schule. Der Unterricht war für mich ein guter Ort. Dort wurden Dinge erklärt. Dort ging es nicht darum, wie ich aussehe oder wie schnell ich bin, sondern darum, ob ich etwas verstehe. Ich mochte das und liebte es wenn ich endlich verstand wie Dinge funktionierten. Die Pausen waren das Gegenteil. Ich war schräg, ich war still, ich wusste nicht, wie man Anschluss findet. Es lag nicht nur an den anderen, dass ich ausgeschlossen wurde und ich wusste das.
Der Schulsport lief währenddessen durch alles hindurch. Schon in der Grundschule war klar, dass ich schlecht war. Ich konnte keinen Purzelbaum. Ich war langsam. Egal, was wir machten, ich war am schlechtesten. Ich wurde immer als Letzte gewählt. Nicht nur aus sozialen Gründen, sondern einfach aus Logik.
Nach dem Turnen kam die Wasserwacht. Ich war ungefähr zwölf. Wieder Training, wieder Wettkämpfe, wieder Letzte. Es war nicht mehr nur Verletzung es war erwartete Verletzung.
Ungefähr zu dieser Zeit (wir waren etwa 12) sagte meine beste Freundin AM zu mir:
„Du warst in der Turnmannschaft? Das kann ich mir bei jemandem so Plumpem wie dir gar nicht vorstellen."
Das war nicht der Anfang meiner extrem verzerrten Körperwahrnehmung, aber es war ein Schnitt. Ein Satz, der etwas fixierte, was vorher diffus gewesen war. Ab da war mein Körper nicht mehr nur nicht leistungsfähig genug, sondern zu fett um teilzunehmen. Ich habe diesen Satz nie vergessen.
Später kam das Reiten. Ich wollte nie auf Turniere, jahrelang lernte ich einfach Reiten, doch mir wurde gesagt ich wäre gut, also wollte ich nochmals einem Wettkampf stellen. Es lief eigentlich gut. Meine Stute war ruhig, ich war konzentriert. Ich wurde Letzte. Das war mein letztes Turnier, mein letzter Wettkampf überhaupt.
Mein Körper wurde gleichzeitig immer muskulöser. Durch Helfen in der Landwirtschaft, Reiten, Schwimmen. Ich war stark, zäh, belastbar. Und ich fand auch wegen der Muskeln furchtbar dick. Ich wog mit siebzehn, achtzehn Jahren etwa fünfzig Kilo bei 1,68 m. Das machte mich nicht diszipliniert, sondern verzweifelt.
Die Umkleide
Dieser Raum bekommt einen eigen, nicht chronologischen Abschnitt.
Der erste Aspekt dort war, dass ich nie die richtigen Klamotten hatte. Immer irgendwelche alten Jogginghosen, nichts, was gut aussah. Meine Familie war groß, mein Vater geizig, und Sportkleidung war nie Priorität. Das sah man. Und ich sah es selbst.
Als zweites kam dort diese banalen sozialen Dinge hinzu: Die Angst zu stinken. Schwitzen. Angst zu schwitzen. Angst, dass andere es sehen oder riechen. Im Sport unvermeidlich. Und je größer die Angst, desto stärker der Effekt. Dazu wieder die Klamotten. Sichtbare Marker dafür, nicht dazuzugehören.
Mit Beginn der Pubertät wurde die Umkleide aber dann endgültig schlimmer als der eigentliche Sport. Ich hatte noch keine Begriffe. Ich wusste nur, dass ich mich dort wie jemand fühlte, der eigentlich nicht da sein sollte. Nicht nur, weil ich mich auch zu Mädchen hingezogen fühlte, sondern weil ich mich selbst nicht als richtiges Mädchen empfand. Ich wusste, dass ich dort drüben noch weniger passen würde. Ich war ein Wolf im Schafspelz und es war mir bewusst.
Und danach?
All das lief zusammen. Nicht als eine große Ursache, sondern als viele kleine, tägliche Bestätigungen.
Als ich älter wurde und den Sport aus meinem Leben gestrichen habe, wurde es schlagartig leichter. Noch bevor ich irgendetwas verstanden oder benannt hätte.
Recht früh im Erwachsenenalter ich gemerkt, dass meine Bisexualität nichts Bedrohliches ist, dass sie kein Problem darstellt.
Leider erst einiges später entdeckte ich auch die Bezeichnung
"nicht-binär" für mein "nicht als Frau und nicht als Mann fühlen" und
machte recht schnell meinen Frieden damit.
Doch der Sport hat mich nicht verbunden. Er hat mir keinen Halt gegeben. Für andere mag das anders sein. Für mich war er ein Ort, an dem ich sehr früh gelernt habe, dass ich nicht für Erfolg gemacht bin. Und dass man Räume verlassen darf, in denen man nur als Fehler vorkommt.

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