177 Mir hat es auch nicht geschadet
Wenn es um Gewalt gegen Kinder geht, gibt es bei mir einen absoluten Triggersatz: „Mir hat es ja auch nicht geschadet.". Für mich ist dieser Satz kein Entlastungsargument. Er ist ein Symptom.
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Gewalt "normal" war. Sie gehörte dazu. Körperliche Gewalt, aber auch andere Formen davon war Teil unserer Normalität. Ich werde hier nicht ausführen, was genau alles passiert ist, aber so wurde mir bereits im Teenager-Alter klar, was das mit mir psychisch anstellt.
Viel später habe ich mich entschlossen soziale Arbeit zu studieren. Eine vielleicht fragwürdige Entscheidung mit noch nicht wirklich bearbeiteten Kindheitstraumata, aber halt meine. Dort habe ich das, was ich körperlich und emotional bereits kannte, noch einmal aus einer anderen Perspektive kennengelernt. Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie, Kinderschutz-Fachtage, rechtliche Grundlagen, Familienrecht, die volle Bandbreite die ein Sozialarbeiter braucht um zu erkennen und zu verstehen. Ich habe gelernt, was Gewalt, Unzuverlässigkeit, Inkonsistenz und emotionale Bestrafung bei Kindern anrichten können. Nicht als Meinung, sondern wissenschaftlich betrachtet. Und ich habe gelernt, wie viele Rechte Eltern haben und wie wenig Kinder. Diese Kombination aus persönlicher Erfahrung und fachlichem Wissen ist der Hintergrund, vor dem dieser Text entsteht.
Bevor ich weitergehe, ist mir eine klare Abgrenzung wichtig. Elternsein ist komplex. Eltern sind Menschen. Eltern können unfassbar überfordert sein. Schon ein Kind zu haben, ohne eigene Traumata, kann an die Grenzen bringen. Äußere Faktoren können das verstärken. Mit unverarbeiteten Traumata potenziert sich diese Überforderung. Meine eigenen Eltern waren beide schwer psychisch belastet, beide Opfer, beide später Täter. Sie hatten ihre eigenen Geschichten, ihre eigenen Verletzungen, ihre eigene Überforderung. Das erklärt vieles. Es entschuldigt nichts. Und dieser Text richtet sich ausdrücklich nicht gegen Eltern, die einmal in einer Extremsituation scheitern und aus Überforderung körperlich reagieren, sich später aber reflektieren und es aufarbeiten wollen. Davon rede ich nicht. Ich rede nicht von menschlichem Versagen unter Druck. Ich rede von grundsätzlicher Rechtfertigung von elterlicher Gewalt gegenüber Kindern.
Das komplexe ist ja: Kinder brauchen Grenzen. Das ist kein autoritärer Satz, sondern ein fürsorglicher. Kinder können sich noch nicht selbst regulieren, sie können ihre Impulse noch nicht selbst einordnen, sie können Verantwortung noch nicht selbst tragen und logischerweise je jünger sie sind desto weniger. Grenzen geben Orientierung, Sicherheit, Verlässlichkeit. Und Grenzen zu setzen ist anstrengend und emotional fordernd, das merkt man selbst als Erwachsener Erwachsenen gegenüber. Grenzen gegenüber Kindern müssen erklärbar sein, gehalten werden und durchgesetzt werden.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Grenzen und Gewalt. Kinder sollen lernen, dass Handlungen Konsequenzen haben. Das ist eine grundlegende soziale Wahrheit, die überall gilt. Was ich tue, hat Folgen. Im Privaten, im Beruf, im Internet, in jeder Form von Interaktion. Das zu lernen ist wichtig. Aber wenn die Konsequenz für ein Verhalten körperlicher Schmerz ist, dann lernt ein Kind nicht Verantwortung. Es lernt Angst. Einem Schutzbefohlenem Schmerz zuzufügen ist Machtdemonstration. Das Kind lernt dann nicht, warum etwas falsch war, sondern dass es sich dem stärkeren zu unterwerfen hat.
An dieser Stelle kommt die Bindungstheorie ins Spiel. Nicht als Theorieblock, sondern als Realität. Kinder lernen über ihre Eltern, wie Welt funktioniert. Sie entwickeln ein inneres Modell davon, ob Nähe sicher ist, ob Regeln verlässlich sind, ob Reaktionen erklärbar sind. Wenn Eltern konsistent, verlässlich und nicht gewalttätig sind, entsteht Vertrauen. Wenn Nähe, Schutz und Fürsorge aus derselben Quelle kommen wie Angst, Demütigung oder Gewalt, entsteht ein innerer Widerspruch. Das Kind kann sich dieser Quelle nicht entziehen. Also passt es sich an. Nicht aus Einsicht, sondern aus Überlebensinstinkt.
Kinder sind ihren Eltern existenziell ausgeliefert. Kinder im Vorschulalter sind vollständig abhängig. Nicht theoretisch, sondern real. Sie müssen instinktiv wissen, dass ihr Überleben an diesen Erwachsenen hängt. Deshalb passen sie sich an, selbst an destruktive Verhältnisse. Wenn das Kind in dieser Phase die eigenen Eltern als existenzielle Bedrohung empfindet, können sich Strukturen formen, die eine Persönlichkeitsstörung verursachen können, weil sie sich nicht auf Erinnerungen beziehen, sondern auf früh geprägte Grundannahmen über Nähe, Macht und Sicherheit.
Vor diesem Hintergrund höre ich den Satz „mir hat es ja auch nicht geschadet" nicht als Beweis von Stärke, sondern als Ergebnis. Wer Gewalt gegenüber Schutzbedürftigen legitimieren möchte, zeigt, dass sich etwas verschoben hat in ihm. Dass Verantwortung nach unten weitergereicht wird. Dass Macht mit Fürsorge verwechselt wird.
Und an diesem Punkt bleibt für mich eine Frage, die sich nicht auflösen lässt, ohne sich selbst etwas vor zumachen. In der Beziehung zwischen einem Kind und einem Elternteil: "Wer ist verantwortlich?"
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