175 Resonanz, Bühne, Dopamin: Meine Geschichte mit Social Media
Nähe ohne Risiko, dafür mit Suchtpotential
Ich bin süchtig nach Social Media geworden, weil es mir etwas gegeben hat, was mir vorher gefehlt hat. Der Kontakt mit fremden Menschen ist für mich real unfassbar anstrengend. Einkaufen gehen kann mich komplett auslaugen, eine lange Busfahrt mich für den Tag kaputt machen. Social Media dagegen kostet keine Kraft. Ich kann reden, schreiben, auftreten, reagieren, ohne Angst. Wenn es mir zu viel wird, schalte ich aus. Niemand kann mich festhalten, wenn es mir unangenehm wird. Das ist eine leicht verfügbare Droge.
Ein
weiterer massiver Suchtfaktor für mich ist Gamification. Likes,
Freischaltungen, Followerzahlen, Reads usw.. Das fixt mich an. Ich bin
Gamer. Ich liebe Questlogs. Plattform-Achievements gibt es zu viele, sie
sind billig, austauschbar. Aber sie wirken.
Meine eigenen
Achievements sind etwas anderes. Sie haben reale Auswirkungen, sie sind
schwerer zu erreichen, z.B.: "Heute ins 'Grenzenlos' gehen, mir Essen
für die Feiertage besorgen, obwohl es Kraft kostet.". Die digitale Welt
verteilt Belohnungen im Überfluss, im realen Leben entscheide ich was
einer Belohnung wert ist.
Mein Einstieg in diese Dynamik begann lange bevor es das gab, was man heute Social Media nennt. Ich hatte erst ab 2003 Internet und ich war quasi sofort in Foren. Ich schrieb etwas und bekam Antworten, das war Resonanz, das wertvollste zwischenmenschliche Gut für mich. Nicht Gruppenzugehörigkeit, nicht Freundschaft, sondern Wirkung. Ich wollte und will immer etwas auslösen. Ob nun einen Gedanken oder eine Reaktion. Ich wünsche mir Gegenüber, die antworten. Danach kamen Wer-kennt-wen, StudiVZ, mit diesen absurden, witzigen Gruppen, in denen ein Satz reichen konnte, um gesehen zu werden. Ich war als Kind und Jugendlicher massiv unbeliebt gewesen, ausgegrenzt, schräg, teilweise einfach ein Ziel. Später wurde ich sozial sicherer, hatte sogar einen großen Freundeskreis, war viel unterwegs, viel Party, viel Alkohol. Der Alkohol machte Begegnung erträglich. Social Media machte sie leicht. Kein Körper, keine Blamage, kein Risiko. Wenn es schiefging, ging ich einfach.
Noch dazu bin ich nicht nur sozial-phobisch, sondern ich liebe die Bühne (sogar real, ich fühle mich dort wohler als im Bus). Ich liebe es, gespiegelt zu werden, gehört zu werden, Wirkung zu haben. Danach bin ich süchtig. Social Media war von Anfang an ein perfektes Vehikel dafür. Aber richtig eskaliert ist es erst, als ich selbst angefangen habe, Inhalte zu produzieren. Streams, Videos, später Texte. Beim ersten Stream wusste ich sofort: Das macht dich süchtig. Du bist verloren. Du kannst das nie wieder aufhören. Ich wusste es und hab mich trotzdem und deswegen rein gestürzt, es ist ungesund, es ist auslaugend, es bringt nix... aber es ist meins. Hier kann ich gestalten und in der Mitte stehen. Ich trete auf, wann ich will. Ich öffne den Stream, wann ich will. Ich baue mir eine kleine Welt, ein Schaufenster, in das Menschen schauen können. Manche bleiben, manche beschweren sich, manche gehen wieder. Aber es ist meine Welt, ich baue sie fast wie eine Stadt in "Anno". Nur das sich nicht zu SafeGames zurückkehren lässt.
Ich suche mit diesem Schaufenster in meine Welt keine Gruppenzugehörigkeit. Ich suche Menschen. Social Media hat mir real geholfen, Menschen kennenzulernen. Nicht theoretisch, sondern konkret. Ich habe über Foren und Plattformen bestimmt fünfzig Menschen real getroffen. Manche sind geblieben, manche nicht. Social Media ist für mich kein Ersatz für echte Begegnungen, sondern eine Brücke. Regenration ist allein sein. Gespräche mit der KI sind allenfalls Training. Social Media ist Sparring. Reale Begegnungen sind das eigentliche Spiel, selbst Busfahren ist realer als Social Media. Für jemanden mit Sozialphobie ist dieser Übergangsraum gefährlich und hilfreich zugleich. Die Nähe ohne Risiko, der Kontakt ohne Angst, die Kontrolle durch Abschalten das sind Suchtfaktoren, weil sie "ersetzen" was real so unglaublich schwierig ist.
Auf Reddit will
ich niemanden kennenlernen. Dort will ich Gedanken bewegen und
zurückgespiegelt bekommen. Reibung lässt mich besser werden. Negative
Resonanz ist immer noch Resonanz. Sie zeigt mir Schwächen im Text,
Bruchstellen, Missverständnisse. Und ich arbeite dran auch auf Reddit
mehr Menschen mit meinen Gedanken zu erreichen.
Streams sind
anders. Dort ist die Resonanz auf die Person. Da ist recht schnell Nähe,
schließlich schauen die Leute in meine Wohnung und in mein Gesicht.
Texte sind Gesprächsangebote, Streams sind Begegnungen. Beides ist
süchtig machend, aber auf unterschiedliche Weise.
Ein weiterer Suchtfaktor liegt glaube ich in den Geschichten, die auf Social Media oft statt finden und für manche scheinbar zu persönlichen Achievements werden. Perfekte Leben, perfekte Love-Stories, perfekte Körper, perfekte Skandale. Überlebensgroß, geglättet, oft durch Weglassen erkauft. Dass mit dem gezeigten Gucci-Haul Geld verdient wird, erzählt niemand. Dass Realität anders aussieht, auch nicht. Das ist nicht die Welt von Social Media, die mich je erwischt hätte und ich will dem nichts wegnehmen. Ich will etwas danebenstellen. Echte, autobiografische, radikal ehrliche Geschichten. Nicht als Gegenmacht, sondern als Normalisierung. Und ich hoffe viele machen mit.
Machst du mit?
Autobiografische, radikal ehrliche Texte überall ins Netz zu posten um eine Gegenbewegung in Social Media zu erzeugen?
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