174 GUT SEIN
Ich war in meiner Kindheit von Menschen umgeben, die man schwerlich als "gut" bezeichnen könnte. Mein Vater, mein Bruder H., meine Großmutter waren das speziell. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst als gut erlebt haben, vermutlich ja, denn das tun die meisten Menschen. Aber sie waren es nicht, nicht zum Rest der Familie zumindest. Und mir war schon sehr früh klar, das ist meine meine Herkunft, meine Gene. Und ich habe schon als Kind, spätestens aber in der Jugend, gespürt: Das steckt auch in mir. Ich habe diesen Egoismus in mir, dieses Gesehen-werden-Wollen, diese Aggression, diese schnelle Wut, dieses innere Drängen, wichtiger zu sein als andere. Und mir war damals schon klar, dass ich daran arbeiten muss. Denn ich wollte ein guter Mensch sein und keiner wie sie.
Ich wurde gemobbt, ja. Menschen waren blöd und böse zu mir, das ist keine nachträgliche Schönfärberei. Aber ich hatte trotzdem früh diesen Gedanken: Vielleicht liegt es nicht nur an den anderen. Vielleicht bin ich Teil des Problems. Vielleicht wäre ich ohne Kontrolle genauso schlimm. Also habe ich angefangen zu arbeiten. An mir. Jahrelang. Jahrzehntelang. Ich habe gelesen, gelernt, mich informiert, über Philosophie, Psychologie, Soziologie, später auch im Studium der Sozialen Arbeit. Ich habe mir Wissen erarbeitet, um mich selbst in den Griff zu bekommen. Mir wurde bewusst wie schwer "gut sein" ist und wie viele kluge Menschen sich daran schon die Köpfe zerbrochen haben. Also wurde es nach und nach zu einem meiner Hauptziele, einer "Mainquest" für mein RPG Real Life (ein Denkkonstrukt, dass mir hilft mein Leben zu strukturieren und nur dem Namen nach ein Spiel ist). Und weil "gut sein" kein Zustand ist, sondern ein Prozess, habe ich mir dafür eine Hauptklasse gebaut. In meinem RPG Real Life heißt sie Selbstprüfer. Das ist keine Metapher, sondern eine Haltung. Immer wieder prüfen: War das richtig? War das gerecht? War das fair? War das gut für den anderen oder nur gut für mich?
Parallel
dazu entstand etwas anderes. Schon früh entwickelte sich mein innerer
Richter. Mein innerer Henker. Mein inneres Arschloch. Diese Instanz war
nicht dafür da, mich zu trösten oder zu schützen, sondern mich
zurückzupfeifen. Sie sollte mich stoppen, wenn ich zu laut war, zu viel,
zu ungerecht, zu egozentrisch. Anfangs war das sicher ein
Überlebensmechanismus eines Kindes in einer dysfunktionalen Umgebung.
Aber es wurde schnell ein Monster. Ein Richter, der mir nicht nur Fehler
vorwarf, sondern mir das Lebensrecht und die Menschlichkeit absprach.
Und das kam mir nicht unmoralisch vor. Meine Gefühle der eigenen
Abwertung waren absolut real für mich. Ich habe mich über viele Jahre
als das wertloseste Wesen der Welt erlebt, sobald der Richter sprach.
Das war der Rang unter den Menschen, den mir meine moralische Instanz
zuteilte. Und aus dieser Logik heraus war es folgerichtig, dass so ein
Wesen keinen Platz hat.
Ich hatte über Jahrzehnte latente
Suizidgedanken, die aber anscheinend nicht durch den Richter kamen. Ich
hatte sie nicht als akuter Notfall nur wenn der Richter sprach, sondern
als Dauerrauschen. Erst 2021, mit Lithium, endete diese permanente
Todessehnsucht. Der innere Richter verschwand dadurch keineswegs. Aber
er verlor seine absolute Macht, weil ich nicht mehr grundsätzlich
sterben wollte. Und langsam begann ich, mich gegen ihn zu wehren. Nicht,
indem ich ihn abschaffte, sondern indem ich ihm widersprach. Drei, vier
Jahre lang, Schritt für Schritt.
Mehrere Kippunkte brachte die
Beziehung mit Pete Dort passierte etwas Merkwürdiges: Mein innerer
Richter gab mir bei einem Menschen Freigabe. Er sanktionierte gefühlte
Ungerechtigkeit Pete gegenüber irgendwann nicht mehr. Und genau das ließ
mich etwas erkennen. Nicht nur über mich, sondern über Pete Ich merkte,
dass er nicht absichtlich doppelmoralisch ist, sondern ein völlig
anderes Bewertungssystem hat. Das veränderte mein Verhalten ihm
gegenüber. Nicht im Sinne von Harmonie, sondern im Sinne von Klarheit.
Wir kommen nicht immer miteinander aus. Vielleicht kommen wir gar nicht
dauerhaft miteinander aus. Aber wir versuchen es.
Und vor allem begann ich, meinen inneren Richter überhaupt zu diskutieren.
Ein weiterer entscheidender Aspekt war, zu spüren, wie so ein innerer Richter auf andere wirkt. Pete hat etwas sehr Ähnliches. Eine innere Instanz, die es fast unmöglich macht, ihm etwas Gutes zu sagen. Alles wird geprüft, relativiert, abgewehrt. Und da wurde mir klar: Mein innerer Richter tut nicht nur mir weh. Er tut auch anderen weh. Er verhindert nicht nur, dass etwas Gutes überhaupt ankommen kann, er stößt andere schmerzhaft zurück. Und das widerspricht meinem Ziel. Gut sein heißt für mich nicht nur, mich selbst zu bremsen. Gut sein heißt auch, keinen unnötigen Schaden anzurichten. Auch keinen subtilen. Auch keinen durch Abwehr. Also musste dieser Richter zurückgestutzt werden. Nicht abgeschafft. Ich brauche ihn. Damals wie heute. Ohne ihn wäre ich, davon bin ich überzeugt, ein furchtbarer Mensch. Er ist kein Verbündeter. Er ist mein Gegenspieler. Er prüft mich, nicht die anderen. Er ist streng. Oft unfair. Aber er ist kein Henker mehr. Er spricht mir nicht mehr das Menschsein ab, ich hab ihm beigebracht dass Art. 1 GG auch für mich gilt. Er ist ein Richter auf dem Weg zur Fairness.
Was mich heute wütend macht, nach diesen Jahrzehnten der Arbeit am Ziel "gut sein" sind Menschen, die es sich einfach zuschreiben. Menschen, die immer nur überlegen, was der andere falsch gemacht hat, nie, was sie selbst angerichtet haben. Ich bin mir sicher es gibt sehr viele Wege ein guter Mensch zu sein. Mein Weg ist kein schöner Weg, nicht besonders leicht und sicher nicht empfehlenswert. Aber er ist meiner und ich bin ihn jeden Schritt gegangen. Und solange ich mir diese Frage stelle, immer wieder, oft schmerzhaft: Warst du den anderen gegenüber gerecht? Solange arbeite ich an einem der schwierigsten und größten Ziele, die ein Mensch haben kann: Gut sein.
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